Der Bosnienkrieg endete vor 17 Jahren, doch die Feindbilder von damals funktionieren bis heute. Zu dieser Erkenntnis kommt die Soziologin Ana Mijic bei ihren intensiven Recherchen vor Ort.

Frau Mijic, wie blicken die Serben heute auf Ratko Mladic?

Ein großer Teil sieht in ihm immer noch einen Kriegshelden, der das serbische Volk verteidigt hat.

Wird dieses Bild erschüttert, wenn vor Gericht jetzt Beweise für Kriegsverbrechen Mladics vorgelegt werden?

Damit ist kaum zu rechnen. Wenn das Gericht nicht den Versionen folgt, die der eigenen Erwartungshaltung entsprechen, dann wird das keineswegs einen Prozess des Nachdenkens oder gar der Katharsis auslösen. Die Richter in Den Haag werden dann als Werkzeug feindlicher Mächte oder als bürokratische Monster gesehen.

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Sind denn nur die Serben in den alten Feindbildern erstarrt?

Keineswegs, auch Kroaten und muslimische Bosnier, die Bosniaken, betrachten sich aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit als Opfer des Krieges und weisen alle Schuld von sich. Das verhindert eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. In den Medien und in den Schulen werden die Erwartungen der jeweiligen Gruppe bedient. Es ist schon ein Durchbruch, wenn – wie jetzt vor einem bosnischen Gericht geschehen – die ethnische Trennung von Schülern als diskriminierend klassifiziert und eine Zusammenlegung der Schulen gefordert wird. Bis zum heutigen Tag werden in zahlreichen Schulen die Kinder zwar im selben Gebäude doch zu unterschiedlichen Zeiten und nach unterschiedlichen Lehrplänen unterrichtet. Die Aufhebung dieser Praxis soll nun ab dem nächsten Schuljahr erfolgen, mehr als anderthalb Jahrzehnte nach Kriegsende.

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Welche Rolle spielt das Dayton-Abkommen: Ist es das Bollwerk gegen Gewalt oder Hindernis auf dem Weg zur Normalisierung?

Dayton hat den Frieden gebracht. Wir müssen uns aber heute auch kritisch fragen: Hat Dayton nicht auch die Zweiteilung des Landes und sein Schicksal als Protektorat besiegelt? Ich glaube nicht, dass automatisch die Gewalt zurückkehren würde, wenn wir endlich darüber nachdenken, den Bosniern ihre politische Mündigkeit zurückzugeben.

Das Gespräch führte Frank Herold.