Berlin - Angesichts wachsender Terrorgefahr hat sich Deutschland verändert, diagnostiziert Yakov Hadas-Handelsman, der israelische Botschafter in Berlin. Ein Gespräch über den Umgang mit Gefahr.

Herr Botschafter, Ihr Land muss seit Jahrzehnten mit der ständigen Gefahr von Anschlägen leben. Was raten Sie den Deutschen?

Es steht mir als israelischer Diplomat nicht an, den Deutschen Ratschläge zu geben. Aber wir Israelis haben leider viel Erfahrung mit terroristischen Bedrohungen. Wenn ich Deutschland und Israel vergleichen soll, fällt mir auf, dass diese Gefahren in Israel auch von der Öffentlichkeit stärker wahrgenommen werden. In Israel würde niemand sagen, wenn er einen herrenlosen Koffer in einem Bus sieht: Der gehört mir nicht, also geht mich das nichts an. In Israel würde man in so einem Fall sofort die Polizei rufen.

Das geschieht doch auch hierzulande.

Ja, aber in Israel gibt es schon lange eine Art Vereinbarung zwischen Behörden und Bevölkerung. Die Menschen sind bereit, ein bisschen von ihrer Privatsphäre aufzugeben. Die Regierung verspricht im Gegenzug, die Informationen nicht zu missbrauchen. Das hat in Israel in vielen Fällen Schlimmeres verhindert. Da bin ich mir ganz sicher. Schon als Kind hat man mir beigebracht, ständig die Augen offen zu halten und Verdächtiges zu melden.

Hat sich die deutsche Gesellschaft schon in diesem Sinne verändert?

Die Gesellschaft verändert sich, weil sie es muss. Es geht um Menschenleben. Es gibt kein Wunderrezept. Terrorismus ist wie ein Virus, den man bekämpfen muss – und an irgendeiner Stelle muss man anfangen. Je mehr Sicherheitsvorkehrungen, desto höher die Chancen, das Risiko zu verringern. Die Konflikte, mit denen wir es heutzutage zu tun haben, sind asymmetrisch. Denken Sie nur daran, wie der Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz von einer Sekunde auf die andere zu einem Schlachtfeld geworden ist.

Sie sind seit 2012 Botschafter in Deutschland. In dieser Zeit ist Berlin zu einem sehr beliebten Reiseziel für Israelis geworden. Warum eigentlich?

Berlin ist eine sehr freundliche, sehr kosmopolitische Stadt geworden. Außerdem spielt Berlin eine wesentliche Rolle in der Geschichte des jüdischen Volkes. Denken Sie nur an die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße. Das war der Geburtsort der jüdischen Reformbewegung.

Ist Berlin trotz oder wegen der Geschichte beliebt?

Beides gilt. Ich werde oft von Leuten in Israel gefragt, die noch nie in Deutschland waren: Haben die Deutschen schon alles unter den Teppich gekehrt oder haben sie noch etwas von der Geschichte übrig gelassen? Ich sage dann immer etwas scherzhaft: In Deutschland kann man auch als Blinder die Vergangenheit nicht übersehen. Denn wenn man in Berlin oder in Köln oder Frankfurt auf der Straße stolpert, dann kann es gut sein, dass man über einen Stolperstein stolpert, der an die Verfolgung von Juden durch die Nazis erinnert.

Wie wichtig ist es für Israelis, in welcher Weise sich die Deutschen der Geschichte stellen?

Das ist eine sehr wichtige Frage. Viele junge Leute in Israel kennen die Geschichte der Nazi-Zeit und des Holocaust besser als ihre Eltern und sie wissen auch, dass die Deutschen ihre Geschichte angenommen haben.

Ist das gelungen?

Jein. Ja, weil ich glaube, dass die Deutschen sich heute viel mehr als früher mit ihrer eigenen Geschichte beschäftigen. Die Stolpersteine sind ein gutes Beispiel dafür. Das ist eine bürgerschaftliche Initiative. Das geht nicht vom Staat aus. Und was ist passiert? Die Nachfrage nach den Stolpersteinen ist so groß, dass es jetzt schon eine Warteliste gibt.

Und warum Nein?

Nein, weil nach einer Umfrage aus dem Jahr 2014 mehr als die Hälfte der Befragten, 58 Prozent genau, einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen wollen. Aber einen Schlussstrich kann es niemals geben. Übrigens liegt das zuerst in Deutschlands eigenem Interesse. Nur durch die Begegnung mit der eigenen Geschichte konnte sich Deutschland neu erfinden. Heute ist Deutschland ein Synonym für Demokratie, für Liberalismus, für Freiheit. Das hätten die Deutschen nicht geschafft, wenn sie sich nicht zu ihrer Geschichte bekannt und nicht die Verantwortung dafür übernommen hätten.

Das Gespräch führten Jochen Arntz und Damir Fras.