Thomas Krüger, 58, ist seit 2000 Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung. Zuvor war der einstige DDR-Bürgerrechtler Senator für Familie und Jugend in Berlin und SPD-Bundestagsabgeordneter.

Herr Krüger, Ostdeutsche sind in den Funktionseliten fast 28 Jahre nach dem Mauerfall immer noch unterrepräsentiert – und zwar sowohl gesamtdeutsch als auch in Ostdeutschland selbst. Sehen Sie darin ein Problem?

Natürlich! Auch wenn es auf den ersten Blick mit Angela Merkel als Kanzlerin und dem ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck anders aussieht: In der Fläche wird die Dominanz der Westdeutschen in den Eliten immer noch als kultureller Kolonialismus erlebt. Und das ist ein Problem, ja.


Sie sprachen bei anderer Gelegenheit von kultureller Hegemonie. Das ist ein Begriff, der auf den italienischen Philosophen Antonio Gramsci zurückgeht. Was meinen Sie damit?

Gramsci beschreibt mit diesem Begriff subtile Herrschaftspraktiken. Wer die Interpretationshoheit erlangt, dem fällt die Legitimation zum Repräsentieren in den Schoß. Das sind überwiegend die Westdeutschen. Der Anteil der Ostdeutschen und ihre Identität werden dabei häufig überlagert.


Sie sind einer der wenigen Ostdeutschen an der Spitze einer staatlichen Institution, die sich nicht wie etwa die Stasi-Unterlagenbehörde um ein genuin ostdeutsches Thema kümmert. Welche Erfahrungen machen Sie dabei?

Als ich im Jahr 2000 in den Job nach Bonn gewechselt bin, habe ich die Anzahl der Ostdeutschen verdoppelt. Aus einem Ostdeutschen wurden zwei – von 200 Mitarbeitern insgesamt. Das war für beide Seiten gewöhnungsbedürftig. Es prallen einfach unterschiedliche Erfahrungen und kulturelle Praktiken aufeinander. Man muss viel reden...


Elitenforscher sprechen davon, dass Ostdeutsche in Führungspositionen westdeutsche Haltungen annehmen und so eine Entfremdung zum ostdeutschen Herkunftsmilieu entsteht. Geht Ihnen das auch so? Und ist das vielleicht einer der Gründe für die wachsende Entfremdung der Ostdeutschen von den staatlichen Institutionen und der Demokratie schlechthin?

In der Tat. Institutionen entwickeln eine eigene Kraft, und du bleibst irgendwie nicht mehr du selbst. Aber erstens tut das gar nicht so weh. Und zweitens behaupte ich, dass sowohl Mitarbeitende als auch Führungskräfte die Institutionen beeinflussen können. Das Problem ist aber, dass das von außen kaum wahrgenommen wird. Der Abstand des Blickes von außen vergrößert sich nochmal, wenn die Unterrepräsentation einer bestimmten Gruppe hinzutritt. Es fehlen einfach die Übersetzer kultureller Differenzen. Eine positive Aneignung von Institutionen wird schwieriger. Das trifft übrigens auf Zuwanderergruppen genauso zu.


Was lässt sich tun, um der westdeutschen Dominanz entgegen zu wirken?

Das ist die Preisfrage. Als adaptierter Rheinländer würde ich den Westdeutschen raten: Man muss ooch mal jönne könne. Als Ostdeutscher plädiere ich für das bedingungslose Aushandeln dieses Konflikts frei nach dem bekannten Agitprop-Spruch: Von den Westdeutschen lernen heißt siegen lernen.