Brasiliens Staatschef Jair Bolsonaro.
Foto: AP Photo/Eraldo Peres

Rio de JaneiroEntsetzt und ungläubig reagierten viele Brasilianer. Grund ist ein Video von einer Kabinettssitzung, in der dutzende Kraftausdrücke fallen - aber kein Wort zum Krisenmanagement der Corona-Pandemie, von der Brasilien weltweit am stärksten nach den USA betroffen ist. Ende April fand diese Sitzung mit dem ultrarechten Staatschef Jair Bolsonaro statt, über welche die Nachrichtenagentur AFP berichtet. Damals waren bereits 3000 Menschen in dem Land am Coronavirus gestorben. Inzwischen sind es mehr als 22.600.

„Es sind zwei Stunden voller Schimpfwörter und Wahn, voller Spott und Respektlosigkeit gegenüber dem Land. Brasilien durchlebt die schlimmste Krise seit Jahrzehnten und der Präsident erwähnt die Pandemie kein einziges Mal als ein Problem, das ihn betrifft“, schrieb die Kolumnistin Miriam Leitão in der Zeitung „O Globo“ über die Kabinettssitzung vom 22. April.

In der Tat war die Eindämmung des Virus den Regierungsvertretern keine Diskussion wert. „Das ist die totale Missachtung der Todesfälle durch Covid-19 und des Leids ihrer Familien“, sagt der Politikwissenschaftler David Fleischer. „Der einzige Minister, der Covid-19 ansprach, war der Umweltminister.“ Dessen Äußerungen sorgen aber für eine ebenso heftige Kontroverse, denn ihm wird nun vorgeworfen, im Windschatten der Corona-Krise Umweltstandards aushebeln zu wollen.

Irritierende Inhalte, irritierender Ton

„Jetzt, wo die Medien nur noch über Covid sprechen, müssen wir diesen Moment der Ruhe nutzen ...um alle Regelungen zu ändern“, sagt Minister Ricardo Salles in dem Video. Die meisten verstehen dies als Aufforderung, unter Schutz stehendes Land im Amazonas-Regenwald für den Bergbau und die Landwirtschaft frei zu geben - was Bolsonaro ohnehin vorantreibt. Er habe lediglich von Bürokratieabbau gesprochen, versuchte der Umweltminister zu beschwichtigen.

Umweltschützer kauften ihm diese Interpretation nicht ab. „Es ist klar geworden, dass die Rolle des Umweltministeriums darin besteht, jeglichen Umweltschutz im Land abzubauen“, sagt Erika Berenguer, Amazonas-Forscherin an der Universität Oxford.

Nicht nur die Inhalte, auch der Ton und die Wortwahl bei der Kabinettssitzung irritieren. Bolsonaro nennt in dem Video zwei Gouverneure ein „Stück Scheiße“ und einen „Haufen Mist“, weil sie Ausgangsbeschränkungen zur Eindämmung der Pandemie verordneten und sich ihm damit widersetzen.

Der Bildungsminister fordert, die Richter des Obersten Gerichtshofs ins Gefängnis zu werfen, weil sie den Bundesstaaten die Entscheidungshoheit über die Maßnahmen zugesprochen haben. Auch die Gouverneure und Bürgermeister sollten verhaftet werden, sagt die Ministerin für Frauen und Menschenrechte. Über China sagte der Wirtschaftsminister, „mit diesen Typen muss man sich abfinden“, weil das Land nun mal der größte Abnehmer brasilianischer Exporte sei.

39 Kraftausdrücke, davon 31 vom Präsidenten

Brasilianische Medien zählten 39 Kraftausdrücke in dem Video, 31 davon aus dem Mund des Präsidenten. „Es zeigt die Vulgarität der derzeitigen Regierung. Sie sind wie Barbaren, die das Land ins Chaos stürzen, das Gesetz missachten und die Verfassung ignorieren“, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung der Oppositionsparteien im Kongress.

Auch das Urteil des Politikwissenschaftlers Geraldo Monteiro von der staatlichen Universität Rio de Janeiro zu dem Video ist vernichtend: „Das ist eine militante Regierung, die nicht im Amt ist, um das Land zu führen, sondern um ihre konservative Agenda durchzusetzen.“ Das Kabinett Bolsonaro befinde sich in der „Post-Wahrheits-Ära“.

Veröffentlicht wurde das Video am Freitag von Richter Celso de Mello vom Obersten Gerichtshof. Dass es existiert, war bekannt geworden, nachdem der beliebte Justizminister Sergio Moro zwei Tage nach der Sitzung zurückgetreten war. Er warf Bolsonaro vor, die Arbeit der Bundespolizei beeinflussen zu wollen.

Die Polizei untersucht Berichten zufolge mehrere Fälle, in die Bolsonaro und seine engsten Vertrauten, unter ihnen sein Sohn Carlos, verwickelt sein sollen. In dem Video echauffiert sich der Präsident darüber, dass die Bundespolizei ihm keine Informationen dazu gebe: „Ich werde nicht darauf warten, dass sie meine Familie und Freunde in die Scheiße reiten“, sagt er.

Dem Ansehen des rechtsradikalen Staatschefs dürfte das Video auf jeden Fall schaden. Eineinhalb Jahre nach seinem Amtsantritt stehen immer weniger Brasilianer hinter ihrem Präsidenten.