Breitscheidplatz - Fünf Mann braucht es, um die großen Stahlkörbe aufzubauen, die den Breitscheidplatz in diesem Jahr zum sichersten Weihnachtsmarkt in Berlin machen sollen. Gemeinsam entfalten die Männer in Arbeitskleidung am Montagmittag die Gitter, richten die Seitenwände auf, schieben Stahlstäbe durch die Verdrahtung. Noch lassen sich die Körbe leicht über den Boden schieben. In der Nacht aber werden sie an den Flanken des Weihnachtsmarkts aufgestellt, der am kommenden Montag eröffnet.

Entlang der Tauentzien- und Budapesterstraße werden sie mit weiteren Stahlelementen verbunden, und dort jeweils mit zwei Tonnen schweren Sandsäcken gefüllt. Ein Schutzring aus Stahl, Sand und Beton soll so in dieser Woche entstehen, um den Ort, in den der Terrorist Anis Amri 2016 mit einem Lkw raste und zwölf Menschen tötete. Für den Ort, an dem Berlin an einem goldenen Riss noch immer trauert, jeden Tag.

Die Stahlkörbe, von Fachmännern Terrablocks genannt, sind nur ein Teil eines Pilotprojekts des Berliner Senats. 2,6 Millionen Euro investiert der Senat in neue Sperrelemente, die später in den Besitz der Polizei übergehen sollen. Neben den 160 Gitterkörben, die miteinander verbunden 360 Meter der Längsseiten des Weihnachtsmarkts absichern, werden nahe der Hardenbergstraße 13 schwere Stahlsockel aufgebaut sowie an den Fußgängereingängen 70 mobile Poller, sogenannte Truckblocks, die Platz für Fußgänger lassen, aber Fahrzeuge stoppen.

„Plötzlich war der Terror in Berlin, in Deutschland.“

Die Sperren sollen einem 40-Tonnen-LKW standhalten können, versichert die Senatsinnenverwaltung. Was hier getestet wird, könnte in den kommenden Jahren Weihnachtsmärkte in ganz Berlin umzingeln. Und nicht nur die Weihnachtsmärkte. Auch die Innenministerkonferenz hat sich bereits mit „Überfahrtaten mit hoher Opferzahl“ auseinandergesetzt, Attacken wie die von Anis Amri also. Sie fordert jetzt die Bauminister der Länder dazu auf, in einer noch zu gründenden Arbeitsgruppe neue Leitlinien zum Schutz öffentlicher Räume zu entwickeln. Das Konzept in Berlin könnte, wenn es sich bewährt, vielleicht Pate stehen.

Tino Noack trägt orangefarbene Arbeitsweste und Knopf im Ohr, sein Gesicht ist von der Kälte gerötet. Er ist Geschäftsführer der Sicherheitsfirma Secutec Solutions, die Teile des neuen Konzepts am Breitscheidplatz liefert, und überwacht an diesem Tag den Aufbau der Stahlkörbe in der Kantstraße. Noacks Firma gibt es erst seit 2016, gegründet nach dem Attentat am Breitscheidplatz, „dem deutschen 9-11“, wie er es nennt. „Das hat uns alle getroffen“, sagt Noack, der in Bad Segeberg lebt und arbeitet. „Plötzlich war der Terror in Berlin, in Deutschland.“

Er habe beschlossen, dass man Sicherheit bieten müsse, den „Menschen zeigen, dass es Schutz und Hilfe gibt“. Von den grauen Betonpollern, die zurzeit auf fast allen anderen Weihnachtsmärkten in der Stadt aufgestellt werden, hält Noack gar nichts. Ein „Placebo“ seien die, nichts als optische Beruhigung, wirkungslos gegen einen schweren Lkw. „Die funktionieren nicht.“

Randbebauung wird „größer, schwerer und stabiler“

Tatsächlich gibt es Tests, unter anderem durchgeführt vom MDR, die zeigen, wie die Poller selbst zu tödlichen Geschossen werden können, wenn sie von einem Mehrtonner mit Geschwindigkeit gerammt werden. Zwei der drei Sperrelemente, die jetzt am Breitscheidplatz verwendet würden, seien hingegen ganz neu, sagt Noack, entwickelt erst nach dem Attentat in Berlin, gedacht für genau diesen Zweck: Terrorabwehr. „Das sind die stärksten Barrieren, die es zurzeit auf dem Markt gibt.“

Beim Berliner Schaustellerverband, der den Markt am Breitscheidplatz organisiert, freut man sich über das neue Konzept – und dass der Senat sich des Themas selbst angenommen hat. Die Randbebauung werde jetzt noch „größer, schwerer und stabiler“. Die Furcht vor Einbußen und Einbrüchen der Besucherzahlen habe sich schon im vergangenen Jahr nicht bestätigt. „Und weil es in diesem Jahr nun noch sicherer wird, haben wir noch weniger Bedenken“, sagt der zweite Vorsitzende Peter Müller.

Aber wie steht es um die Menschen, die auf dem Markt arbeiten? Wie ist das Gefühl der Besucher? Am Montag werden gerade die letzten Buden aufgebaut, Elektrik verlegt, werden im Nieselregen Fassaden gestrichen und Lichterketten aufgehängt. Auf Presse hat man wenig Lust, zu oft schon musste man in den letzten Jahren seine Geschichte erzählen.

„Das mulmige Gefühl im Hintergrund, das bleibt.“

Einer, der genau an der Ecke beim Aufbau hilft, wo Amri den Lastwagen auf den Markt lenkte, sagt, er fühle sich sicher. Der Mann zieht an seiner Zigarette und nickt hin zu den alten Beton-Pollern, die laut Noack wirkungslos sind und in den nächsten Tagen abgeholt werden sollen: „Gut eingekesselt.“

Auch Anja Künstler hört gerne von dem neuen Terrorschutz. Gut, dass die Politik sich kümmere, findet sie. Die Charlottenburgerin ist mit Tochter und Enkelin unterwegs zum Zoo. Obwohl der Wind kalt pfeift, legt sie einen Stopp an dem Mahnmal vor der Gedächtniskirche ein, wo sich der goldene Riss über den Platz zieht und Rosen, Kerzen und Bilder an Amris Opfer erinnern.

Sie ist nicht die Einzige an diesem Tag. 2016 sei sie selbst auf dem Weihnachtsmarkt gewesen, allerdings am Gendarmenmarkt. Eine Freundin aus Köln habe sie auf dem Handy erreicht, mit der ängstlichen Frage: „Geht es dir gut?“ Dann die Nachricht vom Anschlag – und der Schock. Künstler will sich aber auch in diesem Jahr die Stände anschauen. „Das wollen wir uns nicht nehmen lassen“, sagt sie. Nur: „Das mulmige Gefühl im Hintergrund, das bleibt.“ Da werden auch alle Barrieren nichts helfen.