Brexit - Alt gegen Jung: Konflikt der Generationen auch in Deutschland

Berlin - Die Diagnose schien auf den ersten Blick eindeutig. Die Alten hätten den Jungen durch ihr Wahlverhalten den Brexit eingebrockt und damit ihrer Zukunft beraubt, hieß es am Freitag aus Großbritannien.

Erstwähler rechtslastig

Und die weltoffenen Bewohner der Metropolen seien den rückständigen Kräften auf dem Land unterlegen. Auf den zweiten Blick waren die Verhältnisse nicht so eindeutig. Denn dass der Brexit nun wohl kommt, hat auch damit zu tun, dass von den 18- bis 24jährigen nur 36 Prozent zur Wahl gingen.

Und während London gegen den Austritt aus der Europäischen Union votierte, votierte die zweitgrößte Stadt Birmingham dafür. Trotzdem sehen Experten auch für Deutschland ein wachsendes politisches Gefälle zwischen Jungen und Alten sowie Stadt und Land. Allerdings ist das Bild in sich differenziert.

Ängstlich und unzufrieden

Klaus-Peter Schöppner vom Meinungsforschungs-Institut Mentefactum sagt, die Erstwähler seien heute relativ rechtslastig. In Sachsen-Anhalt wählten sie zuletzt mehrheitlich AfD. Ab 25 wachse der Anteil an grünen und sozialdemokratischen Wählern.

Die 50- bis 60 Jährigen seien wiederum die Ängstlichen und Unzufriedensten. Sie hätten noch nicht die Sicherheit der Rente, trügen Verantwortung für Kinder und Eltern und sorgten sich, von den Jüngeren beim Umgang mit den modernen Informationstechnologien übertrumpft zu werden.

Diese mittlere Generation habe den Eindruck, dass sie kurz komme. Deshalb sei in ihr der Anteil an Protest- und Wechselwählern am größten. Im Rentenalter nehme die politische Gelassenheit dann wieder zu, so der Demoskop. Der Verlauf politischer Haltungen im Leben gleiche heute einer Sinuskurve. Er vollziehe sich in Wellen.

Stadt gegen Land

Eindeutiger, glaubt Schöppner, sei der Gegensatz von Stadt und Land. „Die Landbevölkerung ist stärker konservativ.“ Das habe seinerseits mit der Altersstruktur zu tun. Die Jüngeren zögen vielfach in die großen Städte, während die Älteren dablieben. Was in London geschehen sei, wäre demnach in Hamburg, Köln, München und Stuttgart ebenso geschehen.

Andreas Zick, Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld, sagt: „Den Generationenkonflikt, den wir in Großbritannien gesehen haben, haben wir auch in Deutschland.“ Die Jüngeren hätten weniger Sicherheit und dächten darum individualistischer.

Ihre Überzeugung laute: „Für meine individuelle Karriereplanung brauche ich offene Grenzen.“ Europa sei „sowieso da“. Zudem gingen die Jüngeren davon aus, dass man seinen Platz in der Gesellschaft zuerst über Leistung finden müsse. Dabei übersähen sie als online-affine Generation, „dass sie auch wählen gehen und andere in der Gesellschaft von dieser Offenheit überzeugen müssen.

Das passiert nicht. Es gibt auch gar nicht so viel Kommunikation zwischen den Generationen, wie wir unterstellen.“ Tatsächlich liegt die Wahlbeteiligung bei Jungen unter dem Durchschnitt.

Ressentiments gegen Flüchtlinge

Freilich sieht auch Zick junge Menschen nicht als durchgängig progressiv. So habe eine europaweite Untersuchung 2015 gezeigt, dass es unter Jüngeren mehr Ressentiments gegenüber Flüchtlingen gebe.

Es herrsche die Überzeugung: Der Stärkere setzt sich durch, Verlierer kann man sich nicht mehr leisten. Der Rechtstrend auf dem Land werde überdies leicht übersehen.