Emotionen zum Abschied: Im Europaparlament von Brüssel singen pro-europäische Abgeordnete am Mittwoch den schottischen Klassiker „Auld Lang Syne“.
Foto: Francisco Seco/AP

BrüsselFast geschafft. Das Büro mit der Nummer 07U025 in einem entlegenen Flügel des Europaparlaments in Brüssel ist so gut wie geräumt. Nur noch Schminkzeug liegt auf einem Schreibtisch. Und jetzt kommen diese Journalisten aus Norwegen und wollen, dass Belinda De Lucy für ein Foto irgendetwas in eine Kiste packt. Die blonde Frau schürzt die Lippen und schickt ihren Assistenten los. Er soll die blaue Tasse, er wisse schon welche, aus dem Nachbarbüro holen. Mangels anderer Behälter will De Lucy die Tasse in den Altpapierkorb packen. Das ist kein gutes Fotomotiv. Also kramt De Lucy ihr Handy hervor, flippt durch die Foto-App und hält ein Bild in die norwegische Kamera. Es zeigt Stöckelschuhe mit dem britischen Union Jack, von De Lucy und ihren Kindern bemalt. Das sei jetzt aber ein gutes Motiv, findet die Fotografin aus Oslo und knipst drauf los.

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Ohne protokollarische Regeln

„Ich bin so aufgeregt“, sagt die 43 Jahre alte De Lucy. An diesem Freitagabend ist es so weit. Die Mutter von vier Kindern aus Sheffield, die seit Juli vergangenen Jahres für die Brexit-Party im Europaparlament saß, wird die Schuhe auf dem Parliament Square in London tragen – zur großen Sause der Brexiteers. „Es ist mir völlig egal, ob ich mir Blasen hole. Endlich ist der Tag der Freiheit und der Unabhängigkeit für mein Land da. Ich kann es immer noch nicht fassen.“

Noch nie hat ein ganzes Land die Europäische Union verlassen. Protokollarische Regeln gibt es dafür nicht. Und so spielen sich in diesen Tagen in Brüssel denkwürdige Szenen ab, die von schierer Verzweiflung ebenso wie von kindlicher Freude zeugen.

Im Europaparlament von Brüssel findet sich die Mehrzahl der Abgeordneten zu einem traurigen Chor zusammen. Sie fassen sich an den Händen und singen den schottischen Abschiedsklassiker „Auld Lang Syne“. In der Kneipe Maison des Ailes treffen sich die Brexit-Gegner am Donnerstagabend zum kollektiven Frustsuff. Der britische Labour-Abgeordnete Richard Corbett sagt, er werde sich jetzt ein Pferd zulegen, um darauf in den Sonnenuntergang zu reiten. Britischer Galgenhumor.

Auf der anderen Seite steht Ober-Brexiteer Nigel Farage. Er hat den Austritt Großbritanniens zum Inhalt seines Lebens gemacht. In seinem letzten Auftritt im Europaparlament bejubelt er den Triumph des Populismus über den Globalismus und ergeht sich in düsteren Prognosen. Bald schon, sagt er, würden Dänemark, Polen und Italien es auch so machen wie das Vereinigte Königreich. Farage sagt: „Wir lieben Europa. Wir hassen einfach nur die Europäische Union.“ Der Mann, der so spricht, kann jetzt übrigens mit einem stattlichen Übergangsgeld aus der EU-Kasse rechnen, fast 180 000 Euro. Dafür gibt es Regeln in Brüssel.

Vor 47 Jahren und einem Monat ist das Vereinigte Königreich der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft beigetreten, wie die EU damals hieß. 1 318 Tage sind seit dem Brexit-Referendum vergangen. Jetzt wird die britische Fahne von ihrem Mast vor dem Europaparlament heruntergeholt und ins Museum für Europäische Geschichte im Parc Léopold gebracht.

Großbritannien sei ein gutes EU-Mitglied gewesen, sagen Diplomaten in Brüssel ein bisschen wehmütig. Obwohl jede einzelne Regierung in London in den vergangenen 47 Jahren eigene Fehler auf die EU geschoben und die „Eiserne Lady“ Margaret Thatcher in den frühen 80ern gefordert hat: „Wir wollen unser Geld zurück.“ Womit das ganze Spektakel um die sogenannten Briten-Rabatte seinen Anfang nahm. Das habe aber genauso zum Spiel dazugehört wie der unermüdliche Einsatz der Briten für den Binnenmarkt, für die Erweiterung der EU, für den Freihandel.

Mit dem Brexit gibt Großbritannien seinen Einfluss auf die EU formal auf, Deutschland und Frankreich werden wichtiger. Und doch wird das zunächst niemand bemerken. Denn vom 1. Februar läuft eine Übergangszeit bis mindestens Ende dieses Jahres, vielleicht auch länger. Die Briten verlassen zwar formal den Klub der Europäer, müssen sich aber weiter an die Regeln halten. So lange, bis ein Abkommen geschlossen ist, das die zukünftigen Beziehungen des Inselstaates zum Kontinent regelt.

Die EU-Spitze um Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, Ratspräsident Charles Michel und Parlamentspräsident David Sassoli hat sich am Donnerstag zu einer Klausur im Jean-Monnet-Haus bei Paris zurückgezogen. Das Trio will beraten, wie es jetzt weitergehen soll, nachdem eingetreten ist, was sich niemand vorstellen konnte.

Das Ende der britischen Mitgliedschaft in der EU ist der Beginn von zähen Verhandlungen. Der Franzose Michel Barnier, der den Scheidungsvertrag für die EU ausgehandelt hat, muss sich in den nächsten Monaten um diesen Vertrag kümmern. Am kommenden Montag bekommt er von den verbliebenen 27 Mitgliedstaaten offiziell den Auftrag dazu.

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Flucht aus der Verantwortung

Barnier hat sich ein strammes Programm auferlegt. In der ersten Woche werden die Verhandlungen vorbereitet, in der zweiten Woche wird mit London verhandelt, in der dritten Woche werden die EU-Mitgliedstaaten, die Europaabgeordneten und die nationalen Parlamente über den Stand der Verhandlungen informiert. Und dann beginnt die Sache wieder von vorne. Bis es einen unterschriftsreifen Vertrag gibt.

Bernd Lange ist der Vorsitzende des Handelsausschusses im Europaparlament und wird die Verhandlungen begleiten. Der SPD-Mann aus Niedersachsen hat die roten Linien schon formuliert, die London nicht übertreten darf. Lange lehnt sich in seinem Bürosessel zurück und zählt auf: keine Zölle, kein Steuerparadies à la Singapur in der Nordsee, kein Sozialdumping und so weiter und so fort.

Es wird nicht einfach, die Briten davon zu überzeugen. Denn in den vergangenen 47 Jahren sind das Vereinigte Königreich und die EU aneinandergewachsen. Ein Beispiel: Britische Fischer seien auch künftig auf die EU als Absatzmarkt angewiesen, sagt Lange: „70 bis 80 Prozent des Fisches gehen in die EU. Jeder Brite könnte dreimal am Tag Fish and Chips essen, und sie bräuchten die EU trotzdem immer noch.“

Doch andererseits brauche auch die EU weiter britischen Fisch. In Niedersachsen allein, sagt Lange, seien 4 000 Arbeitsplätze in der fischverarbeitenden Industrie davon abhängig.

Die Scheidung ist vollzogen, der Rest muss sich finden. Kommissionspräsidentin von der Leyen stellt den Briten eine „einzigartige Partnerschaft“ in Aussicht und sagt: „Wir werden euch immer lieben und nie weit entfernt sein.“

Jake Pugh sitzt auf gepackten Kisten in seinem weitgehend leeren Büro im Brüsseler Europaparlament. Er lacht. Nach sieben Monaten als Europaabgeordneter der Brexit-Partei darf er wieder zurück nach London. „Das ist gut so“, sagt der 59 Jahre alte Mann: „I was hired to be fired“ (etwa: „Ich wurde eingestellt, um rausgeschmissen zu werden“). Pughs Mission, der Brexit, ist beendet. Der Rest ist nicht mehr seine Sache. Im Fernsehen in Pughs Büro bringt der britische Sender Sky News an diesem Abend eine Sendung über Sumo-Ringer. Wahrscheinlich Zufall, aber ein gutes Symbol für die Verhandlungen in den nächsten Monaten.