Der 29. März 2017 wird als schwarzer Tag für Europa, vor allem aber für Großbritannien in die Geschichte eingehen. In London und Birmingham werden die Kinder in den kommenden Jahrhunderten in den Schulbüchern voller Entsetzen darüber lesen, was ihre Vorfahren angerichtet haben. Der Brexit ist ein Schlag für die Europäische Union und eine Katastrophe für das Vereinigte Königreich. Ohne die Briten wird die EU in einer ohnehin wackligen Welt voller Unsicherheit und Unruhe nicht nur langweiliger und weniger bunt, sondern auch politisch wie wirtschaftlich schwächer.

Das ist aber nichts im Vergleich zu dem, was die Briten erwartet. Abgetrennt vom Kontinent werden sie merken, was Europa wert ist. Sie werden schmerzlich vermissen, was sie stets verachteten. Dies ist das Gute an der traurigen Scheidung: Der Brexit demonstriert Europa-Skeptikern am praktischen Beispiel, welch schlechte Alternative die Trennung und ein Alleingang darstellen.

Briten sitzen in der selbst gestellten Falle

Der amtierenden Premierministerin Theresa May ist kein Vorwurf daraus zu machen, dass sie nun den Antrag auf den Ausstieg einreichen ließ. Seit der Volksabstimmung im vergangenen Jahr waren die Weichen gestellt. Seit dem Referendum sitzen die Briten in der selbst gestellten Falle, aus der sie nicht mehr herauskommen. Die Verantwortung für das Desaster trägt Mays Vorgänger David Cameron, der das Referendum ausrief und die EU-Mitgliedschaft zur Disposition stellte. Für diese unfassbare Fehlleistung wird man sich an ihn als einen der größten politischen Versager unserer Zeit erinnern. Nur die Höflichkeit verbietet das Wort Volltrottel.

Das ist Vergangenheit. Stand heute geht es für Europa darum, an zwei für die Zukunft des Kontinents entscheidenden Punkten die Weichen richtig zu stellen. Viel hängt erstens davon ab, dass eine saubere und faire Scheidung gelingt. Zwar fährt May eine harte Linie. In beiderseitigem Interesse liegt es dennoch, einen weichen Brexit hinzubekommen.

Ernsthaft kann niemand auf der Insel glauben, durch eine intensivierte Beziehung mit den USA die Verluste für die eigene Industrie und den Finanzplatz London einigermaßen wettmachen zu können. Dafür ist der Wirtschaftsaustausch mit Europa zu wichtig. Der transatlantische Austausch könnte niemals den innereuropäischen Handel ersetzen.

EU muss sich neu aufstellen

Zweitens muss sich die EU neu aufstellen für die Zeit, in der ein politisches und ökonomisches Schwergewicht wegbricht. Bisher standen die drei Großen Deutschland, Frankreich und Großbritannien mehreren mittleren und vielen kleineren Ländern gegenüber (zu denen man aus vielerlei Gründen auch Italien und Spanien rechnen muss). Künftig trägt diese Architektur nicht mehr.

Hierzulande befürchtet Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), dass ihr ein wichtiger liberaler Bündnisgenosse fehlt, wenn sie gegen Südeuropa Forderungen nach mehr Umverteilung, mehr Staat und einer Abkehr vom Spardruck und Reformkurs abwehrt. In den meisten der verbleibenden 27 EU-Staaten geht eine ganz andere Angst um: In einem kleineren Club droht Deutschland – ohne eigenes Zutun – noch mehr zum Machtzentrum zu werden.

Die EU braucht also ein neues Gleichgewicht. Naheliegend wäre, die Union zu vertiefen und zu demokratisieren und der Kommission und dem Parlament mehr Befugnisse einzuräumen. Mehr Europa aber kann auf absehbare Zeit nicht gelingen, weil die Menschen in vielen Staaten genau das nicht wollen. Was geht, ist ein flexibles Europa der mehreren Geschwindigkeiten. In dem müssen nicht alle gleich viel an nationalen Kompetenzen aufgeben, sondern jedes Land beteiligt sich an einer gemeinsamen Flüchtlings- oder Verteidigungspolitik freiwillig. Kein großer Wurf, aber eine pragmatische Lösung für ein Europa unter massivem Druck.