Wir haben in diesem Jahr sehr lange auf Ostern warten müssen, denn das Fest wird nach dem Mondkalender und uralten Kirchenformeln bestimmt. Das führt manchmal zu einem sogenannten Osterparadox, was bedeutet, dass das Fest nicht nach dem ersten Vollmond im Frühling, wie üblich, sondern erst nach dem zweiten stattfindet. Das war zuletzt 1974 so und das nächste Mal wird es 2038 wieder so spät werden. Jeder kann sich also schon einmal ausrechnen, wie alt er dann ist und ob er das wohl noch einmal erleben wird.

Ein Paradox bezeichnet eine zutiefst widersprüchliche, höchst merkwürdige Angelegenheit. Insofern ist das Osterparadox doch eine ganz passende Beschreibung unserer Gegenwart.

Ist das Wort Brexit nicht irgendwie mit dem Wort Paradox verwandt?

Wir leben in aufregenden, man könnte auch sagen aufgeregten, auf jeden Fall aber aufreibenden und widersprüchlichen Zeiten, wenn wir uns dem täglichen Strom der Nachrichten aus den Medien und den (un-)sozialen Netzwerken aussetzen.

Ist das Wort Brexit nicht irgendwie mit dem Wort Paradox verwandt? Auch deshalb sehnen viele solche Pausen herbei, wie wir sie an großen Festtagen wie Weihnachten oder Ostern erleben können. Wenn das öffentliche Leben einige Takte langsamer läuft und manchmal ganz zum Stillstand kommt und die Politik überwiegend schweigt.

Und obwohl wir gerade in Berlin in einem höchst weltlichen Umfeld leben, in dem die Kirchen für die meisten Menschen nur noch, wenn überhaupt, folkloristischen Charakter haben, bestimmen sie mit ihren Feiertagen auch hier den Lebensrhythmus. Nirgends kann man diesen Widerspruch besser erleben als in einem Gottesdienst an Heiligabend. Wenn manche einmal im Jahr überfüllte Kirche kein Ort der Einkehr ist, sondern ein Rummelplatz ahnungsloser, Selfies produzierender Eltern, überdrehter Kinder und überforderter Pfarrer.

Ostern ist anders. Nur wenige kommen auf die Idee, „der Stimmung wegen“ in die Kirche zu gehen, und auch die weihnachtliche Stille fehlt, die allenfalls der Karfreitag noch bietet. Da muss sogar die mächtige Bundesliga pausieren und das Freitagsspiel streichen. Und doch gibt es ein Innehalten, freie Tage, Ferien.

In diesem Jahr scheint das besonders wichtig zu sein. Die ersten drei Monate waren anstrengend, das Wort Brexit ist schon gefallen. Jeden Tag eine neue Volte und am Ende doch wieder nichts entschieden. Man kann das als wunderliches Gebaren der kuriosen Briten belächeln. Tatsächlich aber bringt dieses unendliche Debakel die Europäische Union in aufgewühlten Zeiten gefährlich nahe an den Abgrund. Das spüren viele Menschen, dazu muss man den verschlungenen Pfaden der Brexit-Verhandlungen nicht im Detail folgen.

Angela Merkel, eine Kanzlerin, die über den Parteien steht

So vieles ist unklar, auch bei uns. Manche in der CDU/CSU hatten am Anfang des Jahres gehofft, der Kanzlerschaft Angela Merkels nun bald ein Ende zu bereiten. Das erweist sich als höchst vertrackt. Die Kanzlerin tut ihre Arbeit mehr denn je als eine, die über den Parteien steht, das war schon immer ihre Methode. Viele empfinden das als beruhigend in all dem Durcheinander. Aber wie wird das ausgehen, und wann?

Die Sozialdemokraten versuchen sich vor dem Untergang als Volkspartei zu retten, kann das noch funktionieren? Und werden die Grünen ihren Höhenflug fortsetzen oder doch irgendwann wieder abstürzen?

Gleichzeitig zeigen Zigtausende junge Leute jeden Freitag mit ihren regelwidrigen Protesten, wie wenig sie noch an die Zukunftsversprechen dieser Politiker glauben, die sich doch vor allem mit sich selbst zu beschäftigen scheinen. Ist das nun eine eher beruhigende oder beunruhigende Entwicklung?

Der Brand von Notre-Dame

All das aber hat jetzt für ein paar Tage Ruhe. Auf eine fast mystische Weise trägt dazu auch der Brand von Notre-Dame bei. Das Feuer in dieser so besonderen Kirche konnte man als Fanal verstehen, unser Leben, unsere Zukunft, unser Europa nicht so leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Das Wichtige vom Unwichtigen besser zu unterscheiden. Innezuhalten.

Aber wer könnte dieses Zeichen gegeben haben? Diejenigen, die an Ostern das höchste Fest ihres Glaubens feiern, werden eine Antwort darauf wissen. Und nach Rom schauen und sich fragen, welchen Trost der Segen urbi et orbi des Papstes in diesem Jahr spenden mag. Und ob vielleicht der Papst auch einmal die Schatulle des Vatikans öffnet, für den Wiederaufbau dieses weit über die Kirche hinausweisenden europäischen Symbols.

Nutzen Sie die Ruhe

Beim Wort Spenden erfasst viele aber auch ein Befremden, wie viel leichter Millionen für die Rettung eines Bauwerkes als für Menschen in Not zusammenkommen. Es gibt viele Gründe, die Osterruhe zu nutzen, in sich zu kehren und Kraft zu sammeln für die nächsten Monate voller Entscheidungen, den Landtagswahlen und der Europawahl, Aufregung. Die großen Feiertage sind dann erst einmal vorbei.