Berlin - Theoretisch sind es noch sechs Wochen bis zur Berliner Mehrfach-Wahl. Praktisch sind ab Sonntag die Wahlverzeichnisse bereit. Das heißt: Bald können Wahlberechtigte Briefwahl beantragen und ihre Kreuze setzen.

Das ist wichtig. Für Leute, die nicht mobil sind oder an Sonntagen zur Arbeit müssen. Oder nicht zu Hause sind. Die Briefwahl ist auch komfortabel. Für Menschen etwa, die sich nicht durch einen parallel stattfindenden Berlin-Marathon kämpfen wollen (wer entscheidet so was?), oder sich nicht festlegen können. Das ist ja so ein Ding bei uns Millennials. Und ganz ehrlich: bei all den Abstimmungen, die anstehen – warum nicht mit Zeit und all den Listen in der Hand noch fix das Internet befragen?

Auch insgesamt geht der Trend von der Urne zur Post: Seit 1994 ist der Briefwahlanteil ungebrochen gestiegen – von 13,4 Prozent auf 28,6 Prozent vor vier Jahren. In diesem Jahr rechnet die Bundeswahlleitung mit einem noch größeren Anteil, logisch, es ist ja Pandemie. In Zeiten von erhöhter Infektionsgefahr ist die Entscheidung für den Brief also auch eine Frage der Gesundheit.

Allein: Gegenüber diesen Vorteilen stehen zwei gewichtige Argumente. Der Gang zur Urne hat ja nicht nur als demokratisches Ritual den Zweck, an die bürgerlichen Pflichten zu erinnern. Das Prozedere muss im öffentlichen Raum stattfinden – sichert es doch am ehesten, dass jede und jeder geheim und frei abstimmen kann. Ohne nervösen Schulterblick.

Jeder Tag ist mehr Zeit, die Programme zu verstehen

Und dann auch noch das „Epochale“ dieser Wahl. Angela Merkel tritt ab. Das Klima knallt gerade auch den (vor-)letzten Realitätsverweigerern die ökologische Rechnung für die menschliche Wachstumsgier auf den Tisch. Die Wohnungsnot steigt.

Eile und Gewohnheit sind da keine guten Ratgeberinnen. Während die Kandidierenden durch ihre Fettnäpfchen mäandern, ist für die Wahlberechtigten jeder Tag mehr Wissen, ist mehr Zeit, die Versprechen zu verstehen. Die die es sich erlauben können, sollten sie sich auch nehmen.