Die größte ethnische Minderheit in den USA ist auch die am relativ wenigsten bekannte: die Deutsch-Amerikaner. Nach der letzten Volkszählung rechnen sich heute etwa 44 Millionen Amerikaner zu jenen, die Deutsche als ihre Vorfahren bezeichnen. Sie haben von Zeitungen und Medien über Weihnachtsgebräuche und die Erfindung des $-Zeichens bis zur Wohnungsbau- und Kulturpolitik und der ersten Atombombe die USA tief geprägt. Deutsch-Amerikaner gelten aber auch als die am besten in den American Mainstream integrierte Bevölkerungsgruppe, von der kaum mehr als Oktoberfeste und die New Yorker Steuben-Parade geblieben sei.

Das jedenfalls war die Überzeugung vieler Forscher und Historiker bis 2016. Doch dann gewann Donald Trump die Wahlen auch in den Staaten an den Großen Seen und im Mittleren Westen der USA. Die oft hauchdünnen, wenige 10.000 Stimmen zählenden Mehrheiten, die er erhielt, machten klar, dass das, was Wahlforscher bis dahin als „White Vote“ zusammenfassten – allenfalls irische Katholiken und Juden wurden als Sondergruppen intensiver betrachtet – keineswegs einheitlich ist.

Der „German Belt“ zwischen Pennsylvania und Oregon ist historisch besonders stark durch die Siedlung von Deutsch-Amerikanern geprägt. Einige Bundesstaaten wie Iowa sind weit überwiegend, viele Gemeinden bis zu 70 oder 80 Prozent von den Nachfahren deutschsprachiger Einwanderer geprägt. Doch im Unterschied zu schwarzen Amerikanern, den Nachfahren von Polen, Iren, Italienern, Juden, Chinesen oder Japanern und Latinos haben Deutsch-Amerikaner kaum eine kollektive Identitätspolitik entwickelt: Einwanderer aus Bayern, Preußen, Österreich oder der Pfalz einigte wenig mehr als die Sprache. Die New Yorker East Side, als „Little Germany“ lange drittgrößte deutschsprachige Kommune nach Berlin und Wien, war schon um 1900 von Abwanderung ausgezehrt, wurde zur China-Town und zu Little Italy. Der Kriegseintritt der USA 1917 und noch mehr der Machtantritt Hitlers 1933, der Zweite Weltkrieg und der Holocaust wurden dann zum Lackmustest nationaler Loyalitäten. Erst in den 1970ern, nachdem Zehntausende amerikanischer Soldaten in der Bundesrepublik erlebt hatten, dass Deutschland sich geändert hatte, wurde das Bekenntnis als Deutsch-Amerikaner langsam wieder gesellschaftlich akzeptabel. Aber auch Donald Trump hat lange behauptet, sein Großvater sei aus Schweden und nicht aus der Pfalz eingewandert.

Dennoch konstatierten die Wahlhistoriker Per Urlaub und David Hünlich von Department of Germanic Studies an der University of Texas in Austin schon 2016: „Deutsch-Amerikaner bahnten Trump den Weg ins Weiße Haus“, hätten ihm lange eisenhart demokratisch wählende Staaten wie Wisconsin oder Michigan gesichert. Die Untersuchung ist methodisch etwas pauschal, aber zeigt doch die aktuelle Bedeutung lange zurückreichender Traditionen und daraus entstandener Interessen.

Grafik: BLZ/Sabine Hecher, Quelle: Wikipedia

Zwar sind die Nachkommen jener, die seit den 1830er-Jahren auch vor den repressiven deutschen Monarchien in die USA geflohen sind, traditionell eher liberal und sogar links eingestellt. Sie haben sich intensiv gegen die Sklaverei eingesetzt, für soziale Freiheiten und den Freihandel, die amerikanische Gewerkschaftsgeschichte ist ohne Deutsch-Amerikaner so wenig zu schreiben wie die Geschichte der vielen Freikirchen. Aber sie waren und sind auch besonders verankert in der hochspezialisierten Landwirtschaft, im hochwertigen Handwerk und in der mittelständischen Industrie. Ihre Ideale prägen die oft so idyllischen, auf ihre Geschichte, ihren Wohlstand und die Ordnung stolzen Klein- und Mittelstädte des Nordens und Westens der USA. Gerade diese Wirtschaftszweige und sozialen Welten aber seien, so Urlaub und Hünlich, besonders hart getroffen von der Globalisierung, der Verlagerung von Industrien nach Mexiko oder Asien. Eine neue Generation befürchte deswegen den endgültigen Zusammenbruch ihrer Welt, sei besonders enttäuscht von „den Eliten“, habe deswegen 2016 Trump gewählt.

Vor allem sein isolationistisches Versprechen „America First“ habe dabei, so die beiden Forscher in einer gerade erst veröffentlichten Untersuchung, unter Deutsch-Amerikanern stark verfangen. Was eine lange Tradition hat: Schon 1992 sei der Isolationist Ross Perot besonders stark von Deutsch-Amerikaner gewählt worden. Auch Barack Obama sei im Vergleich zu seinem Konkurrenten John McCain eher isolationistisch gewesen – und habe mehr als 60 Prozent der deutsch-amerikanischen Stimmen erhalten. Es gehe also um Isolationismus, nicht um Rassismus. Genau deswegen seien nun viele Deutsch-Amerikaner auch besonders enttäuscht von Trump, der zwar viele Verträge gebrochen oder neu verhandelt, damit aber den Industrien und der Landwirtschaft kaum geholfen habe. Seine schamlose Korruption und Frauenverachtung, die katastrophale Covid-19-Politik schlügen nun mehr zu Buche. Was letztlich auch eine Identitätsfrage ist: Trump bedroht mit seiner rassistischen Spaltungsrethorik nämlich genau das Ideal jener sozial ausbalancierten heilen Welt, das als eigentliches Erbe der Deutsch-Amerikaner gilt.

Die Demokraten haben dies Thema wie 2016 übrigens weitgehend ignoriert. Trump dagegen weiß genau um die Bedeutung dieser Wählerschicht: Letztes Jahr hat er einen Herzenswunsch vieler Deutsch-Amerikaner erfüllt, machte den 5. Oktober zu ihrem nationalen Erinnerungs- und Feiertag, so wie ihn die Iren mit dem St. Patrick’s Day haben.

Nikolaus Bernau forscht und lehrt an der Technischen Universität Berlin zur Geschichte und Kultur der Deutsch-Amerikaner zwischen 1848 und 1917.