Die Geschichte beginnt am 23. Juni 2016. Jon Worth, ein junger, aus Wales stammender Politik-Berater, hatte damals in der Volksbühne eine Party zum Brexit-Referendum organisiert. Viele Gäste folgten der Einladung, die meisten von ihnen gingen davon aus, dass Großbritannien für den Verbleib stimmen würde. Aber es kam anders. Die Mehrheit der Briten entschied sich gegen die Europäische Union.

„Es war ein sehr trauriger Abend“, erinnert er sich. Er sitzt in einem Café in Mitte und blickt auf die Volksbühne. Es war ein Abend, der nicht nur Europa erschütterte, sondern auch sein Leben auf den Kopf stellte. Worth, der viel herumreiste und in ganz Europa arbeitete, machte sich Sorgen. Wird er weiter in Berlin leben können? Braucht er einen deutschen Pass? Eine Berufsanerkennung?

Zwei Jahre sind seitdem vergangen, der Brexit-Irrsinn läuft, im März 2019 scheidet das Königreich automatisch aus. Jon Worth will dagegenhalten, er will kämpfen, wenn nicht für sein Land, dann wenigstens für sich selbst. Er macht schon seit längerem ehrenamtlich Politik, in England bei der Labour Party, in Deutschland trat er 2013 bei den Grünen ein. Er engagierte sich vor Ort, mischte im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg mit, kandidierte für das Bezirksparlament. Doch jetzt, angefeuert durch den Brexit, will er einen großen Sprung wagen.

So schnell wie möglich Deutscher

Er will für die Grünen ins Europaparlament, das 2019 gewählt wird. An diesem Mittwoch wird er seine Kandidatur bekanntgeben. Er will die Interessen der in der EU lebenden Briten vertreten. Sein weiterer Schwerpunkt ist die Verkehrspolitik, das hat er mit Michael Cramer gemeinsam, der grüne Abgeordnete, der nicht mehr antritt. Noch ist vieles unsicher. Aber wenn Worth die Wahl gewinnen würde, wäre er wahrscheinlich die letzte verbliebene britische Stimme im Europa-Parlament.

Kann der Brite es schaffen? Das ist die Frage, bei der es etwas kompliziert wird. Der 38-jährige Digital-Experte ist selbstbewusst, kann gut reden, auch auf Deutsch, ist in Brüssel schon gut vernetzt, derzeit berät er eine europäische Tierschutzorganisation, aber in Deutschland bei den Grünen kennen ihn noch nicht so viele. Anders als Cramer einst hat er keine parlamentarische Erfahrung. Sind die Grünen bereit, einem Außenseiter wie ihm so einen wichtigen Posten zu geben, der oft auch genutzt wird, um schwierige Parteifreunde wegzuloben?

Die andere Frage ist: Ist die Kandidatur legal? Das hängt davon ab, wie großzügig sich die Berliner Einbürgerungsbehörde zeigt. Jon Worth will so schnell wie möglich Deutscher werden, denn ohne EU-Pass kommt er im Mai 2019 – zwei Monate nach dem Brexit – nicht ins EU-Parlament. Er nennt es ein „Rennen gegen die Zeit“. Einen Einbürgerungstest hat er schon gemacht, demnächst reicht er die Unterlagen ein und macht den Sprachtest. Knapp wird es trotzdem. Acht Jahre muss man normalerweise in Deutschland leben, bevor man das Recht auf einen deutschen Pass hat. Bei vorbildlicher Integration reichen sechs Jahre. Darauf setzt der Engländer. „Ich engagiere mich in der Partei, im Sportverein, ich fühle mich hier zu Hause“, sagt er.

Grüne reagieren zurückhaltend

Wenn man mit ihm redet, bekommt man eine andere Perspektive auf die deutsche Politik, über deren Mängel gerade wieder so viel geklagt wird. Jon Worth lobt das System, er schwärmt davon, wie offen die Grünen in Kreuzberg ihn aufgenommen haben, die Diskussionsfreude, die Bürgernähe. „Anders als in Großbritannien funktionieren hierzulande die politischen Parteien noch“, meint er.

In England gebe es Regionen, die von der Politik völlig vergessen worden seien. Durch das Mehrheitswahlrecht dominieren zwei Parteien, die sich blockieren. Eine Rückkehr kann er sich nicht vorstellen. Er verfolgt die britische Innenpolitik genau und ist entsetzt, wie die Regierung auftritt. Obwohl nur neun Monate bleiben, sind die großen Fragen zum Verhältnis zwischen EU und Großbritannien noch ungeklärt. „Und es scheint niemanden zu interessieren“, sagt er und wird ein wenig lauter.

Die Grünen beobachten die Ambitionen des Engländers eher zurückhaltend. Es gebe noch andere Kandidaten, heißt es aus dem Landesverband. Jon Worth lässt sich dadurch nicht einschüchtern. Er will kämpfen.