Der Zustand des mit dem Coronavirus infizierten britischen Premierministers Boris Johnson hat sich verschlechtert. 
Foto: dpa/Matt Dunham

LondonMit dem Ausfall des Premierministers hat in der britischen Regierungszentrale beträchtliche Ungewissheit Einzug gehalten. Während der an Covid-19 erkrankte Boris Johnson am Dienstag auf der Intensivstation des benachbarten St. Thomas-Krankenhauses lag, rangen seine Minister in Downing Street um einen funktionsfähigen Regierungsapparat.

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Ein Regierungssprecher sagte am Dienstagmittag, der Premier sei in einem stabilen Zustand und habe keine Lungenentzündung. Es werde ihm Sauerstoff verabreicht, aber auf ein Beatmungsgerät angewiesen sei er nicht. Johnson war am Sonntagabend in die Klinik eingeliefert worden, weil er Husten und Fieber auch nach zehn Tagen nicht abschütteln konnte. Am Montagabend wurde er auf die Intensivstation verlegt.

Ein Polizist steht vor dem St. Thomas Hospital. Der britische Premierminister Johnson ist wegen seiner Covid-19-Erkrankung auf die Intensivstation verlegt worden. 
Foto: dpa/Victoria Jones

Trump betet

Das löste einen Schock in Downing Street aus und trug Johnson alarmierte Genesungswünsche aus aller Welt ein. Heimische Politiker wie auch auswärtige Staatsund Regierungschef wünschten ihm Durchhalte-Vermögen und rasche Besserung. Der Buckingham Malaie erklärte, die Königin werde auf dem Laufenden gehalten über die Verfassung des Premiers. Die Queen übermittelte gute Wünsche an Johnsons Familie und an seine schwangere Partnerin Carrie Symonds, die kürzlich selbst an einer milden Form von Covid-19 gelitten hatte.

US-Präsident Donald Trump versicherte, „alle Amerikaner“ beteten für seinen „sehr guten Freund“ in London. Und die US-Administration habe, um zu helfen, alle Ärzte von Boris kontaktiert“. Trumps Angebot, experimentelle Medikamente für Johnsons Behandlung bereitzustellen, lehnte London aber dankend ab.

Außenminister Dominic Raab, der nun als „Erster Minister“ Johnsons Stellvertreter ist, erklärte, der Premier habe ihn vor Überstellung auf die Intensivstation um die Vertretung gebeten. Der Titel „Erster Minister“ war ihm 2019 eher beiläufig verliehen worden. Er ist denn auch von der plötzlichen Entwicklung sichtlich schockiert. Am Dienstag leitete er alle Sitzungen in der Regierungszentrale, nachdem zuvor der Kabinettssekretär eingesprungen war. Raab versicherte, die Regierungsgeschäfte liefen weiter. „Es gibt einen unglaublich starken Team-Geist.“ Scharf kritisiert wird aber die Informationspolitik der Regierung. Downing Street hatte Johnsons Gesundheitszustand in den vergangenen Tagen beharrlich zu verharmlosen versucht. Auch Johnson selbst hatte in einem am Freitag gesendeten Video noch einen Teil seiner Symptome verschwiegen.

Der britische Außenminister Dominic Raab. 
Foto: imago images

Erste Auseinandersetzungen

Die Frage, wer nun eigentlich mit welcher Legitimität und in welchem Ausmaß Verantwortung trägt in London, führte zu ersten Auseinandersetzungen. So wollte der konservative Vorsitzende des Verteidigungsausschusses in Westminster, Tobias Elwood, wissen, wer jetzt für die nationale Sicherheit verantwortlich sei – wer also die Kontrolle über die britische Atomstreitkraft hat. Der für die Kabinettskoordination zuständige Minister Michael Gove sagte, die Regierung sei keinem Auskunft schuldig. Gote hat sich, weil ein Familienmitglied an Corona erkrankt ist, daheim isoliert. Die vorgesehene Rangfolge bei weiteren Ausfällen erklärte dann ein Regierungssprecher: Sollte auch Außenminister Raab krank werden, würde Schatzkanzler Rishi Sumak einspringen. Nach Sumak wäre dann Innenministerin Priti Patel an der Reihe.

Mit den bei Pressekonferenzen im Wechsel auftretenden Ministern und ihren sich in buntem Reigen ablösenden wissenschaftlichen Beratern gibt die britische Regierung schon seit Wochen ein recht wirres Bild ab. Schon bevor Johnson von der Bühne verschwand, nannten Kommentatoren den Regierungskurs konfus. Nun finden Kritiker, es sei eine unhaltbare Situation, dass recht unerfahrene Politiker die Regierungsgeschäfte versehen und zudem keine parlamentarische Kontrolle möglich ist.

In Großbritannien sind inzwischen mehr als 6 000 Menschen an den Folgen von Covid-19 gestorben.