Boris Johnson ist eher selten unterwegs in seinem Wahlkreis.
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UxbridgeNur noch ein paar Tage, dann will Ali Milani Geschichte schreiben. Am 12. Dezember 2019 nämlich stimmen die Menschen im Königreich über ein neues Parlament ab. Und an diesem 12. Dezember, es wird ein Donnerstag sein, will der Brite Milani den amtierenden Premierminister des Königreichs indirekt aus dem Amt werfen – indem er ihn als Abgeordneten für den Wahlkreis Uxbridge und South Ruislip ablöst und für die Labour-Partei ins britische Unterhaus einzieht.

An diesem Sonnabend Ende November versammeln sich rund 40 Unterstützer von Milani vor dem Bürgerzentrum im Städtchen Uxbridge. Häuserwahlkampf, wie fast jeden Tag. Uxbridge, im Westen von London gelegen, ist ein Mittelklasse-Vorort im guten Sinne – geringe Arbeitslosenquote, der Müll wird pünktlich abgeholt. Hier endet die Piccadilly Line der Londoner U-Bahn.

Die Aktivisten hoffen, dass Uxbridge eine Endstation für Boris Johnson sein wird. Es wäre beispiellos, wenn der Premierminister seinen Wahlkreis nicht halten könnte. Glaubt man Milani, stehen die Chancen keineswegs schlecht. Vielleicht ist es aber auch ein Ding der Unmöglichkeit.

Fast ein wenig ruppig

Ali Milani, 25 Jahre alt, als Kind aus dem Iran nach London gekommen und in einer Sozialwohnung aufgewachsen, ist wenig charmant, fast ein wenig ruppig. Er bewirbt sich als „echter lokaler Abgeordneter“ aus der Nachbarschaft. Sein Gegner, der Premierminister Boris Johnson, ist ein extrovertiertes Politik-Chamäleon, 55 Jahre alt und nie um einen Spruch verlegen.

Der Wahlkreis, für den Johnson seit 2015 im Parlament sitzt, ist eine klassische Tory-Hochburg und galt deshalb stets als sicherer Sitz. Doch im Jahr 2017 gewann Johnson lediglich mit 5 034 Stimmen Vorsprung. Deshalb gehört die Gegend zu jenen Zielen der Opposition, in denen bekannte Kabinettsmitglieder der Konservativen abgesetzt werden sollen.

Nicht nur der Brexit-Obercheerleader Johnson muss um seinen Sitz bangen, auch auf die Bezirke des europaskeptischen Außenministers Dominic Raab sowie des Innenministers Sajid Javid haben es verschiedene Gruppen und Kampagnen abgesehen. Sie nutzen Slogans, die mal einen netteren Anstrich haben wie „UnseatBoris“ („Setzt Boris ab“), mal weniger freundlich klingen wie etwa „#FckBoris“. Es engagieren sich vor allem junge Menschen, mit bunten Umzügen und Karnevalsstimmung wollen sie Altersgenossen zum Wählen bewegen.

Häuserwahlkampf für Labour in Uxbridge – Ali Milani unterwegs.
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Der Labour-Mann Ali Milani ist durch den David-gegen-Goliath-Kampf zu einer kleinen Berühmtheit geworden. Und so herrscht beinahe so etwas wie Wahlkampf-Tourismus in Uxbridge. Gegner des konservativen Brexiteers Johnson kommen aus anliegenden wie fernen Wahlkreisen, um Milani zu unterstützen. Geht es noch um Pro-Ali? Oder vielmehr um Anti-Boris?

Unter den Aktivisten, die sich an diesem Sonnabend versammelt haben sind vier Studenten aus Oxford, London und Bristol und auch die Gemeinderätin Catherine aus Berwick-upon-Tweed im Norden Englands. Sie besucht eigentlich ihre Tochter Anne in Uxbridge – Wahlkampf als Familienausflug.

„Ich bin schlicht desillusioniert von der Politik“

Um Catherines Hals baumelt ihr Labour-Mitgliedschaftsausweis, am Kragen ihrer Jacke klebt ein roter Labour-Sticker. Tochter Anne steht etwas abseits von der Gruppe und flüstert, dass sie nach zehn Jahren bei den Sozialdemokraten vor einem Jahr die Labour-Partei verlassen hat. „Ich bin schlicht desillusioniert von der Politik“, sagt die 39-Jährige und erinnert an die unzähligen Brexit-Dramen. An das Chaos und Gezeter bei Labour, bei den Konservativen, bei allen, überall in Westminster.

Der Brexit, er hat das Land zermürbt. Anne will es auch kaum laut aussprechen, aber tut es dann doch. „Uxbridge ist der beste Ort, in dem ich je gewohnt habe: schöne Parks, organisierte Müllabfuhr, nette Einkaufszone“, sagt sie. „Meine Mutter denkt schon, ich bin zu den Tories übergelaufen.“

Der Tross um Milani erhält ein kurzes Briefing von einem Wahlkampf-Helfer. Am Ende ruft er: „Es spielen sich in Uxbridge bemerkenswerte Szenen ab.“ Das soll in etwa die Botschaft für die ausströmenden Labour-Aktivisten sein.

Tories liegen vorn

Vor allem das Wetter ist bemerkenswert in Uxbridge, bemerkenswert miserabel, selbst für britische Verhältnisse. Es ist kalt und grau, der Nieselregen weicht die roten Broschüren und Poster auf, die die Labour-Leute später durch die Briefschlitze stecken sollen.
November in England. Doch die Vorweihnachtszeit ist wenig besinnlich, es herrscht Wahlkampf. Meist abends, im Dunkeln, in der Kälte, wenn die Wähler eigentlich ihre Ruhe auf dem Sofa haben wollen.

Und die Bemühungen der Opposition scheinen bislang nicht fruchten zu wollen. In den Umfragen liegen die Tories klar vorn. Laut einer aktuellen Erhebung des Meinungsforschungsinstituts YouGov würden die Konservativen derzeit 359 von den insgesamt 650 Sitzen gewinnen, Labour dagegen nur 211 – und damit 51 weniger erobern als zuletzt. Die Schottische Nationalpartei (SNP) käme auf 43 Sitze, die Liberaldemokraten auf 13.

Boris Johnson gilt bei seinen Kritikern seit Jahren als Unruhestifter, als Clown, als Politiker, der eine ganz eigene Auslegung der Wahrheit hat. Trotzdem deutet alles darauf hin, dass er für die Tories die absolute Mehrheit holen wird.

Brexit-frustriertes Volk

Wie kann das sein? Liegt es allein an der Schwäche der Opposition, die tief über den Brexit-Kurs zerstritten ist und mit Jeremy Corbyn den unbeliebtesten Labour-Chef aller Zeiten präsentiert? „Die Konservativen haben gute Arbeit darin geleistet, so zu tun, als werde die Sparpolitik nun vorbei sein“, erklärt Politikwissenschaftler Tim Bale von der Queen-Mary-Universität in London. Und sie hätten es auch geschafft, den Menschen zu suggerieren, dass nur mit Tories an der Regierung der Brexit vollzogen würde.

Es ist das Hauptverkaufsargument von Boris Johnson, das er mantrahaft und gerne ungefragt bei jeder auch unpassenden Gelegenheit wiederholt. Wie will er die versprochenen 20.000 Polizisten in so kurzer Zeit ausbilden? – Wir werden den Brexit durchziehen. So geht das ununterbrochen. Aber es kommt beim Brexit-frustrierten Volk an.

Das mit Brüssel ausgehandelte Abkommen, das noch vor nicht allzu langer Zeit als Verrat an der nordirischen Unionistenpartei DUP betrachtet worden wäre, verkauften die Tories jetzt als „fantastischen Deal für das Königreich, für den Johnson gepriesen werden sollte“, so Bale. Verkehrte Welt auf der Insel, wieder einmal.

Johnson weniger unbeliebt als Corbyn

Dabei ist auch Johnson nicht beliebt bei den Briten, aber eben weniger unpopulär als sein Widersacher Jeremy Corbyn. „Es ist kein Schönheitswettbewerb, es ist ein hässlicher Wettkampf“, sagt Politologe Tim Bale. Die Leute hätten nur wenig Vertrauen in die beiden Männer, sie könnten sich aber Johnson zumindest als Premierminister vorstellen – was vor allem daran liege, dass Boris Johnson aktuell Premierminister ist.

Es komme hinzu, dass sich die Tories auf fünf bis sechs Versprechen beschränkten, die sie den Menschen auf allen Kanälen einhämmern, während Labours Manifest „mit 1 001 Zusagen gefüllt ist, die die Wähler nicht unbedingt erreichen“.

Zurück nach Uxbridge. Ali Milani und sein Team beginnen den Häuserwahlkampf in der Bridge Road, wo sich Backsteinbauten aneinanderreihen, die sich alle zum Verwechseln ähnlich sehen. Erstes Haus rechts, die Nummer 102 steht in goldenen Lettern am Tor, Milani klopft. Ein treuer Labour-Wähler öffnet, reckt den Daumen nach oben und ruft Milani nach kurzem Small Talk zu: „Viel Glück! Du wirst es brauchen.“

Einige Anhänger hat Ali Milani schon gefunden, aber ob das reichen wird, ist fraglich.
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Tatsächlich bahnt sich eine krachende Niederlage an. Nicht nur, dass Corbyn die Partei weit nach links – für viele zu weit – gerückt hat. Auch die Kritik an seinem Umgang mit den Antisemitismus-Vorwürfen wird täglich lauter.

Antisemitismus-Vorwürfe

In dieser Woche griff der britische Chef-Rabbiner Ephraim Mervis den linken Oppositionsführer scharf an. Von der Spitze der Partei fließe Antisemitismus wie ein Gift von oben nach unten herab. Jeder möge sich seine Wahlentscheidung genau überlegen. Es handle sich um ein „Führungsversagen“, das die Frage aufwerfe, ob Corbyn für ein hohes Amt geeignet sei, so Mervis.

Der Vorwurf, unter Jeremy Corbyn würde ein linker Antisemitismus bei Labour toleriert, ist nicht neu, genausowenig wie die Reaktion des Oppositionsführer darauf. Während eines Interviews in dieser Woche wurde der 70-jährige Corbyn gefragt, ob er sich für den in seiner Partei herrschenden Antisemitismus entschuldige. Corbyn tat es nicht, auch nicht nach der vierten Nachfrage. Er beteuerte stattdessen, Labour verurteile strikt jedweden Rassismus und Antisemitismus. Jüdische Mitglieder wenden sich in Scharen von Labour ab, Abgeordnete verlassen verbittert die Partei.

„Wahl zwischen Pest oder Cholera“

Und dann wäre da noch das wichtigste Thema der britischen Nachkriegszeit: der Austritt des Königreichs aus der EU. Aber während alle über den Brexit sprechen, will Corbyn am liebsten schweigen. Er weigert sich bis heute, sich auf eine der beiden Seiten – leave oder remain – zu schlagen. Stattdessen verspricht die größte Oppositionspartei einen neuen Deal mit Brüssel und dann eine erneute Volksabstimmung, bei der auch der EU-Verbleib auf dem Zettel stehen soll.

Ist der Chef im Gespräch mit Wählern an der Haustür ein Problem? „Es geht nicht um Corbyn“, antwortet der Labour-Kandidat Milani gereizt, während er ein Haus nach dem anderen in Uxbridge abklappert. Die Menschen sorgten sich vielmehr um Bildung, um die Gesundheitsversorgung, wegen der Kriminalität.

Eine Stunde später und rund 100 Türen weiter ist klar: Es geht eben doch sehr viel um Jeremy Corbyn. „Ich habe immer Labour gewählt, aber würde niemals für Corbyn stimmen“, sagt eine Frau, die sich als Audette vorstellt. Sie sagt, die Wahl zwischen Johnson und Corbyn sei eine „Wahl zwischen Pest oder Cholera“. Milani drückt ihr trotzdem einen Zettel mit seinem Konterfei in die Hand, er wird im Altpapier landen. „Boris ist das kleinere Übel. Er kann ein Idiot sein, aber er ist nicht dumm“, sagt Audette noch. Corbyn dagegen sei ein Kommunist und gefährlich.

Ein paar Selfies

An diesem grauen Sonnabend wirbt auch Boris Johnson nur wenige Kilometer entfernt um Aufmerksamkeit. Er ist mit seinem Vater Stanley, der durch das britische Pendant des Fernseh-Dschungelcamps berühmt geworden ist, unterwegs. An Türen klopft Johnson lediglich für die Fotografen. Hier ein paar Selfies, dort ein paar Handshakes. Johnson gefällt sich in der Rolle des Politstars. Und er scheint sich seines Sieges sicher zu sein, obwohl er in der Gegend sonst kaum auftaucht, weder hier lebt noch ein Büro betreibt.

Selfies macht Johnson nur für die Fotografen.
Foto: imago/Andrew Parsons

Zwar heißt es im Internet, es gebe ein Quartier der Konservativen im Ort. Doch wer an der schmucklosen Hintertür des Backsteinbaus unweit des Bahnhofs klingelt, wird per Sprechanlage abgewiesen. Kommunikation unerwünscht, Fragen ebenso. Kontakt zum Abgeordneten muss man über das Unterhaus in Westminster aufnehmen.

Uxbridge ist für Boris Johnson nur Mittel zum Zweck, anders als sonst üblich auf der Insel, wo die Kandidaten für gewöhnlich in der Region verankert sind und die Wähler darauf Wert legen, dass sich ihr Unterhaus-Vertreter um lokale Belange kümmert.
Aber bei Boris Johnson laufen die Dinge traditionell anders. Dieser Tage vor allem gut.