Da ist die Rede von „fatalen Fehlern“, von widersprüchlichen Aussagen und von einer „Versagenskette“ der polizeilichen Arbeit in der Nacht vom 19. Februar 2020, als ein Rechtsterrorist in der Innenstadt der hessischen Stadt Hanau neun Menschen aus rassistischen Motiven ermordete. Danach erschoss er in seinem Elternhaus seine Mutter und sich selbst. Mit einem 30-minütigen Video hat die investigative Rechercheagentur Forensic Architecture aus London am Donnerstag eine weitere Lücke in den Ermittlungen der hessischen Sicherheitsbehörden aufgedeckt.

Das Rechercheteam zieht eine mehr als kritische Bilanz des Polizeieinsatzes. So zeigt die Recherche etwa Lücken in der Aufklärung von Aspekten, zu denen die Generalbundesanwaltschaft selbst bereits die Ermittlungen eingestellt hat. Wie zum Vater des Täters: Der behauptet, die Schüsse, mit denen sein Sohn sich selbst und seine Frau erschoss, im Haus nicht gehört zu haben.

Hat der Vater gelogen? Das Team von Forensic Architecture hat den Tatort digital rekonstruiert. Mit aufwendiger Tontechnik und 3D-Modellen vollziehen sie nach, ob die Aussagen des Vaters stimmen können. Das Ergebnis zeigt: Die Zeugenaussagen des Vaters, der inzwischen selbst wegen Beleidigung von Angehörigen der Opferfamilien verurteilt wurde, weisen mehrere Widersprüche auf. Die Ermittlungen der Generalbundesanwaltschaft gegen den Vater zu seiner möglichen Rolle bei dem Attentat wurden allerdings bereits eingestellt. Auch das kritisiert Forensic Architecture.

Der Täter hätte das Haus verlassen können

Weitere Kritik bezieht sich auf den Polizeieinsatz selbst sowie die Aussagen von einigen eingesetzten Beamten, die das Haus des Täters sichern sollten. Zivile Einheiten und SEK-Beamte waren in der Tatnacht vor Ort. Trotzdem waren der Vorder- und der Hintereingang des Hauses nicht bewacht, das Haus fast zwei Stunden nicht gesichert worden, sagt nun Forensic Architecture. Der Täter habe in dieser Zeit fliehen können.

Das zeigt das Team anhand von Videoaufnahmen aus einem Polizeihubschrauber und Wärmebildkameras. Aus Aufnahmen von Funksprüchen aus der Zeit des Einsatzes geht außerdem hervor, dass die Kommunikation zwischen den eingesetzten Einheiten nicht funktionierte.

Wäre der Einsatz anders gelaufen, hätten die Beamten vor Ort die Schüsse aus dem Haus mit großer Wahrscheinlichkeit hören müssen und früher eingreifen können. „Entweder lügt das SEK oder der Obduktionsbericht ist falsch und wurde bisher nicht korrigiert“, sagt die Stimme aus dem Off.

„Damit sind die Behauptungen des Innenministers, der Einsatz sei geradezu vorbildlich abgelaufen, widerlegt“, sagte Günter Rudolph, der Vorsitzende der SPD-Fraktion im hessischen Landtag am Donnerstag.

Der hessische Innenminister Peter Beuth (CDU) gerät seit dem Hanauer Attentat immer wieder in die Kritik, weil er die Polizeiarbeit in der Tatnacht lobt und verteidigt, während immer mehr Fehler bekannt werden. Rudolph sagte: „Statt Transparenz herzustellen und die Fehler einzugestehen, statt die Fehlerquellen zu analysieren und Konsequenzen daraus zu ziehen, versucht CDU-Innenminister Beuth bis heute, die Dinge zu verharmlosen, kleinzureden und unter den Teppich zu kehren. Sein Umgang mit den Fakten ist bedenklich, sein Verhalten gegenüber den Familien der Anschlagsopfer und gegenüber der Öffentlichkeit ist unerträglich.“

Forensic Architecture hatte bereits Anfang dieses Jahres verheerende Fehler zu einem der Tatorte in der Hanauer Innenstadt aufgedeckt.

Das Video zeigte, dass Said Nesar Hashemi und Hamza Kurtović, die zwei jungen Männer, die der Täter in der Arena-Bar ermordete, mit großer Wahrscheinlichkeit noch leben könnten, wäre nicht der Notausgang verschlossen gewesen. Auch die Ermittlungen zum Notausgang sind von den Sicherheitsbehörden eingestellt worden.