Berlin - Vor ein paar Wochen war Britta Haßelmann mal etwas pikiert. Beim Grünen-Parteitag nach dem Scheitern der Jamaika-Sondierungen sagte die Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt nämlich, das Verdienst der Parlamentarischen Geschäftsführerin habe darin bestanden, während der kräftezehrenden Gesprächsrunden für Essen zu sorgen. Haßelmann betonte sinngemäß, keineswegs nur Brötchen geschmiert zu haben – woraufhin Göring-Eckardt twitterte: „Natürlich nicht!“ Sie habe vielmehr „auch noch (!) für Information und Essen gesorgt“.

Am Mittwoch schlug die große Stunde der 56-Jährigen. In der Diäten-Debatte des Bundestages führte sie die AfD so kraftvoll vor, dass sogar die Union in Begeisterungsstürme ausbrach. Die einstige Familienministerin Kristina Schröder (CDU) schrieb bei Twitter: „Mein Mann hat mir den heutigen Auftritt von Britta Haßelmann eben extra auf dem iPad vorgeführt. Wirklich großartig!“

Sehen Sie hier im Video die Rede von Britta Haßelmann ab Minute 18.45.

Haßelmann sagte zunächst, dass sie anstelle ihres AfD-Kollegen Bernd Baumann „im Erdboden versinken“ würde „angesichts der Debatte, die wir hier führen“. So habe die geplante Diäten-Erhöhung zunächst am 13. Oktober im so genannten Vorältestenrat eine Rolle gespielt – mit dem Tenor, dass darüber geredet und bis zur 3. Kalenderwoche 2018 entschieden werden müsse. Baumann habe keinen Widerspruch angemeldet, ja nicht einmal das Wort ergriffen. „Und dann reden wir hier über Scham und über Peinlichkeiten“, so Haßelmann. Sie gucke „da nur nach rechts“, in Richtung AfD eben.

Bei der Beratung der Parlamentarischen Geschäftsführer am 11. Dezember sei die Diäten-Erhöhung abermals Thema gewesen. Und man habe vereinbart, darüber am 13. Dezember endgültig zu befinden. Wieder habe Baumann weder Widerstand geleistet noch eine inhaltliche Anmerkung gemacht. Der Antrag auf Aussprache sei vielmehr von CDU und CSU gekommen. „Und dann“, rief Haßelmann jetzt sehr lautstark in den Saal, „werden heute die Backen so aufgeblasen. Wie scheinheilig ist das denn?“ Wer meine, den Bundestag auf diese Weise vorführen zu können, „der muss früher aufstehen“. Die Parlamentarier applaudierten heftig. Und als Haßelmann resoluten Schrittes auf ihren Platz zurückkehrte, wurde sie von ihrem begeisterten Fraktionschef Anton Hofreiter empfangen. Der AfD-Mann Stefan Keuter hatte die Diäten-Erhöhung zuvor „eine Frechheit“ genannt. Es gehe um hart erarbeitetes Steuergeld.

Haßelmann ist keine Frau der großen Auftritte

Große Auftritte sind Haßelmanns Sache sonst nicht – auch wenn sie dem Parlament seit 2005 angehört und seit 2013 als Erste Parlamentarische Geschäftsführerin amtiert. Die gelernte Sozialarbeiterin vom Niederrhein mit Wahlheimat Bielefeld ist die pragmatisch-praxisorientierte Arbeiterin im Hintergrund. In der Nacht, als Jamaika scheiterte, stand die verheiratete Mutter eines Sohnes, die früher mit Drogenabhängigen arbeitete, plötzlich vor der Kanzlerin. Auch Angela Merkel liebt ja das Unauffällige. Die Frauen versicherten einander ihre Wertschätzung. Und Haßelmann war sichtlich stolz. Wie gefährlich praktische Vernunft sein kann, hat die AfD jetzt schmerzhaft erfahren.

Unions-Fraktionsgeschäftsführer Michael Grosse-Brömer sagte dieser Zeitung über die Kollegin: „Ich arbeite jetzt seit mehreren Jahren mit ihr zusammen. Wenn wir unterschiedlicher Meinung sind, was häufig vorkommt, kann sie sehr anstrengend sein. Sie ist aber immer gut informiert und verlässlich. Deswegen macht mir die Zusammenarbeit mit ihr durchaus Spaß – gerade weil sie nicht immer einfach ist." Grosse-Brömer war einer derer, die Haßelmann den Beifall nicht versagten.