Berlin - Ich bin ein Freund der Papageien, darf aber keine halten. Die Gattin macht sich nichts aus Federn. Manchmal gucke ich mir auf YouTube leise weinend Sittiche an. Etwa, wie man sie abrichtet: Angenommen, Bubi soll lernen, enthusiastisch am Pürierstab zu knabbern. Also hältst du ihm das Ding hin, bis er daran pickt. Jetzt klickerst du mit einem Kugelschreiber oder Knackfrosch. Anschließend darf Bubi kurz am Hirsekolben schnabulieren. Das Geräusch koppelt Wunschverhalten und Prämie. Dann da capo. Es klappt auch mit Hunden und Leguanen.

Menschen lassen sich sogar coronagerecht dressieren. Der Knackfrosch ist die Inzidenzzahl. Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker hält „ein Belohnungssystem“ für „besonders geeignet“. Wenn „eine niedrige Inzidenz automatisch Lockerungen bedeutet und eine steigende Inzidenz ebenso automatisch zu harten Einschränkungen führt“, sei „für jeden verständlich, warum es lohnenswert ist, sich an bestimmte Maßnahmen zu halten“. Die Frau kennt sich aus mit Risikominimierung und Kontaktfolgenabschätzung. Nach einer Silvesterparty entwickelte sie, lange vor Corona, die legendäre „Eine-Armlänge“-Abstandsregel. – Halt, bevor der Text weitergeht, kurz zum Tierschutz: Den Pürierstab ausschalten! Zudem verbietet es sich, Wellensittiche mit „harten Einschränkungen“ zu schurigeln, etwa durch Käfigarrest.

Die Politik erzieht Bürger, indem sie ihnen Grundrechte verabreicht oder entzieht, und das anhand einer extrem suspekten Kennziffer. Das hat was, gerade für jemanden, der sich eher für mündig hält denn für einen, bei aller Sympathie, Ziervogel. Somit wird ein Kneipenbesuch zum, auf Managerdeutsch, Inzidenz-Incentive. Das Volk kann ihn sich verdienen. Es braucht sich nur seuchensicher zu benehmen. Dann gibt’s Leckerli. Der Mensch hat nämlich, wenn er sich anstrengt, die Natur im Griff. Aber so was von. Sollte das Virus grassieren, kann das nur am Schlendrian liegen. Da muss Vater Vorsorgestaat streng sein.

Ich reiße mich am Riemen, befolge die Regeln, finde aber, dass alles Grenzen hat und es immer Abwägungsgründe gibt sowie in aller Regel mindestens eine Alternative. Um Gesundheit in Kategorien wie Schuld und Sühne zu denken, bin ich wohl zu kleinmütig. Krankheit und Siechtum sind für mich keine Strafen der Natur, um den Menschen zu einem optimalen Leben anzuhalten. Mit solcher Geisteshaltung brächte ich ja keinen Erdnussflip mehr herunter.

Der Mensch rottete schon viele Tierarten aus. Aber bisher nur ein Virus, die Pocken. Dessen Kollegen kommen immer wieder, oft in neuen Kostümen. Manche Forscher fordern den totalen Triumph über Sars-CoV-2. Andere halten das für unmöglich. Ich habe keine Ahnung. Womöglich müsste der Mensch nur radikal genug gegen den Erreger vorgehen und damit auch gegen sich selbst und sein Menschsein. Kann sein, dass zu einem exorbitanten Preis auch null Covid zu haben ist, zumindest solange das Leben darin besteht, vor dem Tod wegzulaufen oder sich vor ihm wegzuschließen. Und wenn wir auf die Art mit Corona durch sind, yippie, dann wird die Grippe ausradiert. Es folgen Schnupfen und Herpes, Feigwarzen und der flotte Otto. Wenn wirklich alle alles tun, bleibt ganz bestimmt jeder gesund, bis in alle Ewigkeit. Vielleicht ist ja tatsächlich alles machbar. Vielleicht muss man das nur bedingungslos genug wollen. Ich will nicht.