Kardinal Reinhard Marx hält einen Gottesdienst im Münchner Liebfrauendom.
Foto: dpa/ Erzbistum München Und Freising

Eine neue Theologie, mehr Menschlichkeit, mehr Freiheit, ein neues Zeitalter des Christentums: Wenige Monate nach seinem Rückzug vom Vorsitz der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) fordert der Münchner Kardinal Reinhard Marx eine grundlegende Erneuerung der katholischen Kirche. In seinem Buch „Freiheit“, mahnt er einen grundsätzlichen Wandel an - und geht mit konservativen Widersachern hart ins Gericht. „Die kirchlichen Skandale und Krisen der letzten Jahre haben die Dringlichkeit zur Erneuerung unterstrichen“, schreibt der 66-Jährige. „Bei mir jedenfalls hält die Erschütterung darüber an, dass ‚Schein‘ und ‚Sein‘ in der Kirche selbst so eklatant auseinanderfallen konnten.“

Die Geschichte der Kirche gehe nicht zu Ende. „Zu Ende geht aber möglicherweise eine bestimmte Sozialgestalt und auch eine bestimmte Sprache“, betont der Erzbischof von München und Freising. Es werde sich vieles ändern an kirchlichen Lebensgewohnheiten. „Das betrifft das Zueinander von Freiheit und Gehorsam, Glaube und Leben, das Verhältnis von Männern und Frauen, Laien und Klerikern, Vielfalt und Einheit in der Kirche.“

Auch Joseph Ratzinger äußerte sich zur modernen Welt

Zu der Erneuerung, die er fordert, gehört es für ihn zwingend, moderne Freiheiten als gesellschaftliche Errungenschaft zu betrachten. Gewissensentscheidungen von Menschen seien „unbedingt zu respektieren“. Es gehe „nicht an, die Freiheitsgeschichte der modernen Welt als Irrweg zu verdammen oder gar als Bedrohung des Glaubens und der Kirche zu sehen“.

Diese Ausführungen sind vor allem vor dem Hintergrund bemerkenswert, dass Joseph Ratzinger, der emeritierte Papst Benedikt XVI., sich gerade erst in einer neuen Biografie völlig gegensätzlich zu modernen Freiheiten geäußert und beispielsweise Homosexualität nur notdürftig verklausuliert als Werk des Antichristen bezeichnet hat.

Ratzinger, dem Kritiker vorwerfen, er habe sich als konservativer Schattenpapst gegen seinen Nachfolger Franziskus in Stellung bringen lassen, kommt in Marx' Buch genau einmal vor - explizit „Joseph Ratzinger“ genannt und nicht Papst Benedikt. Zum Vergleich: Papst Franziskus findet rund 30 Mal meist lobende Erwähnung.

Das Cover des Buches „Freiheit" von Kardinal Reinhard Marx.
Foto: dpa/ Kösel-Verlag

Marx wendet sich in „Freiheit“ gegen konservative, reaktionäre Strömungen

Musste Marx, der auch schonmal den Ruf hatte, ein Konservativer zu sein, sich als DBK-Vorsitzender bis zu seinem überraschenden Rückzug in diesem Frühjahr oft noch zurücknehmen in seinem erwachenden Reformeifer, deuten nun zahlreiche Ausrufezeichen in seinem neuen Buch darauf hin, dass es damit nun womöglich vorbei ist.

Er galt ohnehin schon als treibende Kraft hinter dem Reformprozess der katholischen Kirche in Deutschland, der „Synodaler Weg“ genannt wird und sich mit der Sexualmoral, dem Zölibat und der Stellung der Frau befassen soll. Konservative wie der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki und besonders der frühere Regensburger Bischof und ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation im Vatikan, Kardinal Gerhard Müller, gelten als scharfe Kritiker dieser Linie.

In seinem Buch nennt Marx keinen dieser Namen. Doch er wendet sich klar gegen konservative, reaktionäre Strömungen. Eine Kirche, „die in einer rein negativen Sicht der Moderne verharrt und sich zurückträumt in eine idealisierte Vergangenheit (...) ist nicht nur überholt, sondern sogar zu verhindern. Dass solche Stimmen zum Teil vermehrt zu hören sind, beunruhigt mich.“ Diese hätten „nichts gelernt aus der Geschichte“. Er könne nicht akzeptieren, „dass der Weg der Kirche ein Weg in eine größere Enge, in einen stärkeren Fundamentalismus wird und sich möglicherweise sogar politisch, gesellschaftlich und auch theologisch auf eine autoritäre Restauration zubewegt.“

Kardinal Marx  hofft auf neue Epoche des Christentums

Der Kardinal schreibt, er hoffe auf „eine neue Epoche des Christentums“ und eine „neue Theologie“, die „einen Schritt weiter“ gehe. „Es muss eine Theologie sein, die noch stärker lernt, die ‚Zeichen der Zeit‘ im Licht des Evangeliums zu deuten“, betont Marx. „Eine Kirche, die ihren Glauben hauptsächlich in theologisch reflektierten Texten und im Katechismus ausdrückt (...) wird Menschen kaum anziehen können.“ Der Kirche dürfe „nichts Menschliches fremd sein“. „Wenn frei sein und katholisch sein nicht zusammengehören können, ist der Weg des Glaubens in die Zukunft versperrt“.

Wenn frei sein und katholisch sein nicht zusammengehören können, ist der Weg des Glaubens in die Zukunft versperrt

Kardinal Reinhard Marx

Das klingt zum Teil ungemein progressiv, ganz konkret wird Marx allerdings nicht. Zum Umgang der katholischen Kirche mit Homosexuellen äußert er sich nicht. Und das Wort Zölibat kommt nicht einmal vor auf den 175 Seiten des Buches. In seinem eigentlich ziemlich flammenden Plädoyer für mehr weiblichen Einfluss in der Kirchenleitung betont er, dass es ihm dabei explizit nicht um die Priesterweihe für Frauen geht.

Es gehe nicht darum, „eine ‚Zeitgeistkirche‘ zu schaffen“, betont Marx. „Wird die Kirche in diesen Auseinandersetzungen unserer Zeit auf der Seite der verantwortlichen Freiheit stehen und sich für eine offene Gesellschaft einsetzen, in der diese Freiheit gelebt werden kann?“, fragt er. „Ich hoffe es sehr!“ Wieder ein Ausrufezeichen.