Berlin - Als Mädchen sah Cristiana Pedersoli ihren Vater oft wochenlang nicht. Doch in den Sommerferien des Jahres 1973, da war sie elf, durfte sie mit ihm nach Spanien reisen. Dort sollte Carlo Pedersoli, den außerhalb des römischen Familiendomizils fast alle „Bud Spencer“ riefen, für einen neuen Film  mit seinem Freund Mario Girotti vor der Kamera stehen, der  sich bei der Arbeit „Terence Hill“ nannte.

Viele Szenen der Action-Komödie „Zwei wie Pech und Schwefel“ wurden in einem Vergnügungspark nahe Madrid gedreht. „Eine Woche lang durften mein Bruder und ich alle Attraktionen ausprobieren“, erinnert sich Cristiana Pedersoli, „unser Lieblingsspaß war es, hoch oben von einer Balustrade in dieses Bad aus lauter Ballons zu springen.“

Während die Tochter des vor drei Jahren verstorbenen, zur schwergewichtigen Legende gewordenen Schauspielers die Geschichte erzählt, hat man sogleich die passende Szene vor Augen: In einem Saal, hergerichtet für eine Feier, verteilen Bud und Terence fröhlich Backpfeifen, Kopfnüsse und entwaffnende Sprüche. Und wenn die Verfolger dann auf ihren Hintern landen, entsteht ein Sound aus effektvoll platzenden Luftballons und den fröhlichen Rhythmen des Songs „Dune Buggy“ von Oliver Onions, einem der großen Filmmusikhits der Seventies.

Cristiana Pedersoli wurde ein Platz zugewiesen, oft direkt hinter der Kamera, wo sie ihrem Vater bei der Arbeit zusehen konnte. Mit seinem imposanten Körper walzte er stoisch durch ein Meer aus Spielzeug und Erwachsenen, die nach den lustigen Schlägen wie Zinnsoldaten umkippten. Dann kam die Drehpause: „Papa nahm uns an die Hand, und wir warfen uns gemeinsam immer wieder auf die bunten Ballons.“

Anekdoten über Papa Bud 

Es gibt etliche solcher Anekdoten, die Cristiana in dem Buch „Mein Papa Bud“ aufgeschrieben hat, das vergangene Woche im Berliner Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf erschienen ist. Vor allem aber wird darin der Familienmensch und Neapolitaner Carlo Pedersoli lebendig. „Wir hatten ein inniges Verhältnis, und ich habe gerade in seinen letzten Lebensjahren noch sehr viel mehr über seine Persönlichkeit erfahren“, sagt seine 57-jährige Tochter beim Treffen in Berlin.

Cristiana Pedersoli ist zierlich und  agil, ihr blondes Haar trägt sie  lang. Und wenn sie herzhaft lacht, was sie beinahe nach jedem Satz tut, dann lässt sich die Ähnlichkeit mit den Gesichtszügen ihres Vaters besonders gut ablesen. Dieser sei zu Hause genauso „liebevoll, lustig und verspielt“ gewesen wie am Filmset: „Er war ein Gemütsmensch“, sagt die Frau, die Bildende Künstlerin geworden ist und noch immer die obere Etage ihres Elternhauses bewohnt.

„Als Kind habe ich mit Buntstiften Kritzeleien gemalt. Alle um mich herum sagten immer nur: ,Du hast aber ein schönes Bild gemalt.‘ Und da endete auch schon ihr Interesse. Doch Papa war da anders. Er setzte sich auf mein Bett, nahm meine Bilder in die Hand, beobachtete sie sorgfältig und fragte mich dann, was sie darstellten. Er war dabei immer sehr konzentriert. Stolz wie ich war, verriet ich ihm meine Interpretation, und er nickte mit dem Kopf, lächelte und sagte mir, ich solle weitermachen.“

Streitfreudige Familienkultur

Bei den Pedersolis muss es sehr munter und durchaus streitfreudig zugegangen sein, wenn man Cristiana zuhört.  Nach Ansicht von Mama Maria – die auch im Buch zu Wort kommt – war sie die Lieblingstochter des Vaters („gleiches Temperament, ein ähnlicher Charakter“). Die jüngste Tochter Diamante, 47, lebt als Architektin in den USA. Der erstgeborene Sohn Giuseppe, 58, trat früh in die Fußstapfen seines Dads, spielte in ein paar seiner Filme mit, in  „Zwei sind nicht zu bremsen“ zum Beispiel und in „Bud, der Ganovenschreck“, und arbeitet heute erfolgreich als Produzent.

Ihr Vater habe nie aufgehört, sich sein Kindsein zu bewahren, sagt Pedersoli: „Als ich klein war, dachte ich, er sei ein Zauberer, wenn er mit uns spielte und mit seinen abenteuerlichen Geschichten und dieser tiefen Stimme faszinierte. Die Magie, die von ihm ausging, ist nie verflogen.“

Stoff zum Erzählen hatte der Sohn aus einer wohlhabenden sizilianischen Fabrikantenfamilie genug angesammelt. In jungen Jahren bereiste er Lateinamerika, lernte die Sprache und Kultur der Indios kennen. Dann studierte er Jura in Rom und reiste als großes Schwimmtalent und mehrfacher italienischer Meister um die Erde, einschließlich der Olympia-Teilnahmen in Helsinki 1952 und Melbourne 1956. Und schließlich begann er  in den 60er-Jahren damit, unter dem Künstlernamen „Carlo Poli“ zarte Liebeslieder zu singen und auch für andere zu komponieren. Schauspieler wurde er erst mit Ende 30, und eher aus Zufall als aus innerem Antrieb. 

Musik war und blieb die große Leidenschaft.   Bei zwei seiner größten Filmerfolge, „Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle“ und „Sie nannten ihn Mücke“, ist er sogar als Co-Komponist des Soundtracks aufgeführt. „Wenn Papa seine Gitarre in die Hand nahm, verschwand sie förmlich in seinen großen Händen. Und wir Kinder waren glücklich, mit ihm zu Hause improvisieren zu können und auf Kokosnüssen herumzutrommeln.“ Es wurde zudem viel getanzt bei den Pedersolis, Cristiana genoss diese Momente auch noch im hohen Alter ihres Vaters: „Sein großer Körper wurde schwerelos, er bewegte sich leicht, durch den Tanz konnte er das ihm innewohnende Glück ausdrücken.“

Abnehm-Kur für Carlo Pedersoli

Großes Herz,  Großer Appetit: Was zum Kern eines jeden Bud-Spencer-Films gehört, galt auch im Privatleben: „Es war eine Freude, ihm beim Essen zuzusehen.“ Versuche, ihn zu einer Diät zu bewegen, seien allesamt gescheitert. Auch als ihm einmal ein Freund eine  Kur in einer teuren deutschen Abnehm-Klinik spendierte: „Beim ersten Abendessen wurde ihm ein trockenes Stück Fleisch von der Größe einer Sardelle serviert. Papa entschuldigte sich und  kletterte durch ein Fenster nach draußen. Auf dem Weg zum Hotel hatte er ein kleines Restaurant gesehen, und dort bestellte er beim Gastwirt sofort das Beste aus der Küche.“

Dass der vielseitig begabte Carlo Pedersoli überhaupt zum Kinostar aufstieg, war letztlich auch eine Folge seines Heißhungers. Ehefrau Maria, eine Tochter des berühmten Filmproduzenten Peppino Amato („La Dolce Vita“), erhielt einen Anruf vom Regisseur Giuseppe Colizzi. Er erkundigte sich  nach Carlos Gewicht. Maria Pedersoli antwortete, er habe „noch mal kräftig zugelegt“. Sie war sicher, dass sich damit eine Filmkarriere des Familienvaters, der ab und zu kleine Rollen in Sandalen-Filmen in den römischen Cinecittà-Studios angenommen hatte, endgültig erledigen würde. 

Doch für Colizzi war  Leibesfülle genau richtig. Denn er benötigte für seinen Western „Gott vergibt ... Django nie“ einen kräftigen Schwimmer, der seinen Partner durch einen reißenden Fluss trägt.

1967 war das, und der Partner hieß  Mario Girotti  – und  die beiden harmonierten  in diesem an sich brutalen Italowestern so augenzwinkernd locker,  dass sie erst zwei Fortsetzungen drehten und –  fortan unter den Künstlernamen  Bud Spencer und Terence Hill –  in insgesamt 17 gemeinsamen Filmen  zu einem der erfolgreichsten Duos der Kinogeschichte wurden. 

Spencer als genussfreudiger Brummbär und Hill als tolldreister Glücksjäger ergänzten sich ideal. Cristiana Pedersoli: „Sie waren wie zwei Kinder und hatten so viel Spaß.“ Es entstand eine enge private Freundschaft, und der inzwischen 80-jährige Terence Hill hält weiterhin Kontakt zur Familie: „Sie haben beide etwas geschaffen, das über ihre Filme weit hinausreicht und heute wichtiger denn je ist:  Ihre Prügel verletzen niemanden, sondern bringen die Leute zum Lachen. Und sie stehen immer für die Schwachen ein.“

Das Vermächtnis des Vaters bewahren

Cristiana Pedersoli hat das Vermächtnis ihres Vaters zu ihrer Mission gemacht.  „Uns erreichen immer noch Tausende von Zuschriften“,  sagt sie, vor allem aus Deutschland. Beim „Spencerhill Festival“ im sächsischen Lommatzsch absolvierte sie gerade einen gefeierten Auftritt mit Jess Hill, dem Sohn von Terence Hill, um danach gleich weiter nach Neapel weiterzureisen, um eine Ausstellung über ihren Vater  zu eröffnen.  

Carlo Pedersoli starb am 27. Juni 2016 mit 86 Jahren in einem Krankenhaus in Rom, seine gesamte Familie war um ihn  versammelt. „Er hatte entschieden, nach einem sehr erfüllten Leben zu gehen“, sagt seine Tochter, „denn infolge eines Sturzes fühlte er sich auf einmal körperlich eingeschränkt. So wollte er anscheinend nicht leben.“  Nach einer kurzen Pause fügt sie hinzu: „Bei seinem letzten Atemzug hat er mich angelächelt.“