Herr Stoeck, viele Menschen haben bei den Waldbränden in Kalifornien oder beim Brückeneinsturz von Genua vor drei Monaten ihr komplettes Hab und Gut verloren. Was geht seelischen in diesen Menschen vor?

Grundsätzlich reagieren Menschen sehr unterschiedlich, doch man kann drei Phasen unterscheiden. Die erste Phase ist die Schockphase, in der man Verzweiflung und Niedergeschlagenheit empfindet. Das kann sich aber auch im Verhalten ausdrücken: Manche Menschen sind wie erstarrt und ziehen sich zurück, andere weinen oder schreien.

Ist das eine Frage des Charakters?

Eher eine Frage der persönlichen Entwicklung. Unsere Widerstandsfähigkeit, die sogenannte Resilienz, entwickelt sich im Laufe unseres Lebens. Wenn wir gelernt haben, mit Krisen umzugehen, so macht uns das ein Stück weit widerstandsfähiger und gibt uns Sicherheit.

Was passiert in der zweiten Phase?

Das ist die Auseinandersetzung mit dem, was passiert ist. Das Verstehen und die Eingliederung: Wie konnte das passieren, warum passiert das gerade mir? Auf der anderen Seite gibt es dann auch etwas Kämpferisches, nach dem Motto „Ich muss und kann das schaffen“. Ein Drama, das ausgefochten werden muss: Verlust, Wut und Neubeginn. In der dritten Phase folgen dann die Überwindung und die Neuorganisation.

Unterscheidet sich denn der Verlust einer Wohnung und meiner materiellen Erinnerungen von anderen Verlusterfahrungen?

Die Menge der Betroffenen ist bei Katastrophen wie den Waldbränden oder dem Brückeneinsturz größer, die Konsequenzen sind in der Regel dramatischer. Die Menschen verlieren ja nicht nur ihr Heim, sondern auch ihr Zuhause. Da geht ein Stück Identität verloren, ein Teil des eigenen Lebens.

Ist bei solchen Geschehnissen mit Spätfolgen zu rechnen?

Es gibt Menschen, die massiv traumatisiert sind und sehr darunter leiden und bei denen dies zu einer prolongierten Trauer führen kann, zu Verzweiflung und Suizidgedanken. Also im Grunde unterscheidet sich das nicht von anderer Trauer, nur die Intensität ist eine andere, denn alles, was sonst schützend und stabilisierend wirkt, ist weg. Unser vertrautes Umfeld ist verschwunden. Es fehlt der Rückzugsort, das Zuhause, wo meine Erinnerungen aufbewahrt wurden.

Gibt es auch Menschen, die ganz anders auf solche Erfahrungen reagieren?

Ja, es gibt Menschen, die das positiv für sich auslegen und das als eine Chance auf einen Neuanfang empfinden. Das hängt eben von der eigenen Resilienz ab. Es gibt das da die ganze Bandbreite der Empfindungen, es gibt Menschen, die die vorher bestehenden Nachteile in die Waagschale werfen und daraus einen Nutzen ziehen: „Ich war hier ohnehin nicht zufrieden und wollte weg. Nun kann ich es“. Man muss aber sagen, dass der Verlust der persönlichen Erinnerungen, des Hauses, der Wohnung, immer ein elementarer Einschnitt ist. Das ist für viele Menschen ein schweres Trauma und eine sehr schwere Phase in ihrem Leben.

Entwickelt man in solchen Situationen auch vermehrt Wut auf Institutionen?

Wut ist eine der Reaktionsformen. Wut ist immer die Möglichkeit, ein Stück weit die Kontrolle über eine Situation wieder zu erlangen. Man wird wieder handlungsfähig und empfindet sich nicht mehr in der passiven Lagen des Ausgeliefertseins.

Wie helfen Sie Menschen in solchen Situationen?

Am Anfang geht es um ganz elementare Bedürfnisse. Das sind organisatorische Dinge die dann notwendig sind. Man muss die Leute in solchen Situationen oft an die einfachsten Dinge erinnern: Essen, Trinken, Schlafen. Im nächsten Schritt muss man den Menschen vor Augen führen, welche Krisen sie schon gemeistert haben, damit sie sich nicht so hilflos fühlen. Diejenigen, die mittelfristig stark unter dieser Erfahrung leiden brauchen dann ganz klassische symptomatische Hilfe.