Bürger-Umfrage: Die Politik soll mehr auf die Wissenschaftler hören

Die Mehrheit der Bürger hat Vertrauen in die Forschung – mehr als in alle anderen Bereiche. Das zeigt die Umfrage Wissenschaftsbarometer 2022.

Forschung hat in Deutschland einen sehr hohen Stellenwert, auch bei den Bürgern. Hier ein mobiles biologisches Labor der Fraunhofer-Gesellschaft, in dem man neue Entwicklungen vorführen und testen kann.
Forschung hat in Deutschland einen sehr hohen Stellenwert, auch bei den Bürgern. Hier ein mobiles biologisches Labor der Fraunhofer-Gesellschaft, in dem man neue Entwicklungen vorführen und testen kann.Dpa/Roberto Pfeil

Das Vertrauen in die Wissenschaft ist groß – so groß wie in kaum einen anderen Bereich der Gesellschaft. Wenn es zum Beispiel um Fragen der Energieversorgung geht, vertrauen 61 Prozent der Bevölkerung laut einer Umfrage den Aussagen von Wissenschaftlern „eher oder voll und ganz“.

Andere Gruppen schneiden wesentlich schlechter ab, etwa Unternehmer, deren Aussagen nur von 22 Prozent der Befragten wirklich Vertrauen geschenkt wird, gefolgt von Verwandten und Bekannten (19 Prozent), Vertretern von Behörden und Ämtern (19 Prozent), Journalisten (18 Prozent) und Politikern (13 Prozent).

Das zeigen die Daten des Wissenschaftsbarometers 2022, das am 8. Dezember in Berlin vorgestellt wird. Seit 2014 werden unter diesem Namen jährlich die Einstellungen der Bürger in Deutschland zu Wissenschaft und Forschung erhoben. Dahinter steckt Wissenschaft im Dialog (WiD), eine Organisation für die Wissenschaftskommunikation in Deutschland.

Sie wird unterstützt von einem wissenschaftlichen Beirat sowie der Robert-Bosch-Stiftung und der Fraunhofer-Gesellschaft. Für die „repräsentative Bevölkerungsumfrage“ wurden, wie es heißt, Ende September 1037 deutschsprachige Personen ab 14 Jahren telefonisch befragt.

Nur acht Prozent der Befragten haben geringes Vertrauen in die Forschung

„Das Vertrauen in die Wissenschaft liegt im dritten Pandemiejahr noch immer über dem Niveau der Jahre vor Corona“, sagt Christian Kleinert, Geschäftsführer von Wissenschaft im Dialog. Vor allem jüngere Befragte geben an, Wissenschaft und Forschung „eher oder voll und ganz“ zu vertrauen. Unter den 14- bis 29-Jährigen sind es 71 Prozent, unter den 30- bis 39-Jährigen sogar 74 Prozent. Je älter die Befragten werden, desto mehr schwindet das Vertrauen. In der Gruppe ab 60 Jahren haben es nur noch 53 Prozent. Ein Teil der Befragten ist aber auch „unentschieden“ oder macht keine Angaben.

Bei den Gründen für das Vertrauen steht ganz oben: „weil Wissenschaftler Experten auf ihrem Feld sind“. Dem stimmen 67 Prozent zu, gefolgt von den Aussagen: „weil Wissenschaftler nach Regeln und Standards arbeiten“ (60 Prozent) und „weil sie im Interesse der Öffentlichkeit forschen“ (49 Prozent).  

Am höchsten ist das Wissenschaftsvertrauen unter den Befragten mit „hohem formalen Bildungsniveau“ (76 Prozent), womit Abitur, Fachhochschulreife und Studium gemeint sind. Bei Befragten mit „weiterbildender Schule ohne Abitur“ beträgt der Anteil 68 Prozent, bei Befragten mit „Volks- oder Hauptschule“ 44 Prozent.

Bemerkenswert ist, dass nur acht Prozent der Befragten erklären, der Wissenschaft „nicht“ oder „eher nicht“ zu vertrauen. Die Gründe sind unterschiedlich. Ein Drittel findet, dass man Wissenschaftlern misstrauen könne, weil sie „oft Ergebnisse ihren eigenen Erwartungen anpassen“. Für 22 Prozent liegt der Grund eher darin, dass Wissenschaftler „häufig Fehler machen“. Die meisten jedoch – 56 Prozent – stimmen der Aussage zu, „dass die Abhängigkeit von Geldgebern ein Grund sein kann, Wissenschaftlern zu misstrauen“. Hier ist auch eine deutliche Steigerung zu sehen. 2020 sagten dies noch 49 Prozent, 2021 waren es 48 Prozent.

Hohe Medienpräsenz einzelner Forscher bei Ignoranz kritischer Stimmen

„Für die Wissenschaftskommunikation ist es wichtig, die Gründe für Vertrauen und Misstrauen zu kennen, um das Vertrauen in Wissenschaft und Forschung weiter zu stärken und Skepsis adäquat zu adressieren“, sagt WiD-Chef Christian Kleinert. Im Kern zeigt sich, dass weniger die wissenschaftliche Arbeit kritisch betrachtet wird, sondern die Rolle von Wissenschaftlern in der Gesellschaft – möglicherweise auch aufgrund von  Erfahrungen der letzten Jahre.

Die Corona-Pandemie war einerseits geprägt durch die Medienpräsenz einzelner Forscher – oft auch im Rahmen von Regierungspressekonferenzen. Andererseits kamen kritische Forscherstimmen zu wenig zur Geltung – zum Beispiel, wenn es um die Angemessenheit bestimmter Maßnahmen ging oder um die Forderung, breit besetzte Pandemieräte zu bilden.

Im Wissenschaftsbarometer 2022 stimmen 79 Prozent der Befragten der Aussage zu, „dass Wissenschaftler sich öffentlich äußern sollten, wenn politische Entscheidungen Forschungsergebnisse nicht berücksichtigen“. Gut zwei Drittel der Befragten finden, „dass politische Entscheidungen auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen sollten“.

Forschungsergebnisse bei politischen Entscheidungen berücksichtigen

Zugleich ist der Anteil derer gewachsen, „die es nicht als Aufgabe von Wissenschaftlern sehen, sich in die Politik einzumischen“. Dies bejahen heute 50 Prozent, verglichen mit 43 Prozent im Jahre 2021. Vor der Pandemie waren es sogar noch weniger. 2019, als die Proteste von Fridays for Future als Kontext für die Umfrage dienten, meinten 29 Prozent, dass es nicht Aufgabe von Wissenschaftlern sei, sich in die Politik einzumischen. Zugleich stimmten 54 Prozent einer wissenschaftsbasierten Politik zu.

„Das aktuelle Wissenschaftsbarometer zeigt, wie wichtig es den Bürgerinnen und Bürgern ist, dass Forschungsergebnisse bei politischen Entscheidungen gehört werden“, sagt Henry Alt-Haaker von der Robert-Bosch-Stiftung. „Überraschenderweise ist aber jeder Zweite der Meinung, dass die Wissenschaft sich nicht in die Politik einmischen sollte.“

In diesem Ergebnis stecke ein doppelter Auftrag. „Die Politik sollte künftig noch transparenter darstellen, inwiefern ihr Handeln auf wissenschaftlicher Evidenz basiert“, so Alt-Haaker.  Zugleich sollten Wissenschaftler sich angespornt fühlen, „ihre Expertise noch aktiver bereits im Prozess der politischen Entscheidungsfindung anzubieten“. 

Forschung zu Klima und Energie steht für die meisten ganz vorne

Als „sehr wichtig“ und „wichtig“ sehen es die Befragten, dass sich Wissenschaftler „zu den Ergebnissen ihrer eigenen Forschung“ äußern (74 Prozent) sowie „zu den Ergebnissen anderer Wissenschaftler, die zum gleichen Thema forschen“ (71 Prozent). Und 69 Prozent haben großes Interesse an Aussagen „zu den Methoden, die sie in ihrer Forschung nutzen“.

Als wichtigste Forschungsfelder für die Zukunft werden „Klima und Energie“ sowie „Gesundheit und Ernährung“ angesehen. Nur „geringe Anteile an Befragten“ sähen, wie es heißt, Forschung zu „Mobilität und Verkehr“, zu „Kommunikation und Digitalisierung“ oder zu Fragen der „Sicherheit für die Zukunft“ ganz vorne.