Berlin - Ich weiß, ich weiß. Seit Jahren, nein Jahrzehnten wird über die legendäre deutsche Bürokratie gelästert. Da gibt es wenig Neues zu berichten. Berge von Papier stapeln sich auf Schreibtischen in verstaubten Ämtern. Bei jedem Arztbesuch müssen Patienten neue Bögen ausfüllen, als wäre die Informationstechnik noch nicht erfunden. Und dann die permanente Flut von Papier, die man von seiner Krankenkasse per Post erhält (wird meistens weggeworfen). Eine Steuererklärung für ein deutsches Finanzamt vorzubereiten, ob auf Papier oder online – fühlt sich jedes Mal an, wie die geisttötendste Zeitverschwendung, die es überhaupt gibt. Das alles betrifft nur den Durchschnittsangestellten. Für den Hartz-IV-Empfänger sieht es noch schlimmer aus. Aber am schlimmsten ist vielleicht der Papierkram, den ein Kleinunternehmer in Deutschland zu erledigen hat, ganz zu schweigen von dem, was auf ihn zukommt, wenn er irgendwann Insolvenz anmelden muss.

Mir geht es aber nicht nur um die bloßen Unannehmlichkeiten der Bürokratie, es geht um die realen Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Menschen. Ein konkreter Fall: Einer meinen engsten Freunde musste vor drei Jahren zwei Unternehmen wegen Insolvenz schließen, beide im Bereich Gastronomie – eine Firma war eine GmbH. Seitdem kämpft er nur noch mit Papierkram. Das Gericht möchte einen Haufen Unterlagen bekommen, der Insolvenzverwalter einen Stapel Papier nach dem anderen. Das Finanzamt droht plötzlich mit einem Bußgeld aus dem Jahr 2018. Die Behörden kommunizieren kaum miteinander. Und so weiter und so fort. Gefühlt jede Woche bekommt mein Kumpel Ärger von den Behörden, die ihn wie einen korrupten Großunternehmer behandeln. Und all dies durchzumachen, Jahr für Jahr, macht einen physisch und psychisch krank. Mein Freund ist am Boden. Er findet keine Kraft mehr, sich mit fast 50 neu aufzustellen, sich neu zu erfinden. Ich behaupte, der Staat und seine ewigen Forderungen sind zum Großteil daran schuld.

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