Berlin - Große Erleichterung für Berlin: Nach langen Debatten kann das Berliner Institut für Gesundheitsforschung (BIG) volle Fahrt aufnehmen. Es erhält eine unbefristete Förderung, allein fürs laufende Jahr 83,3 Millionen Euro. Das Besondere: 90 Prozent sind vom Bund, 10 Prozent vom Land Berlin. Grundlage ist eine Verwaltungsvereinbarung zwischen Bund und Land, über deren Abschluss die Berliner Wissenschaftsverwaltung am Freitag offiziell informiert hat.

Nicht nur für Berlin, sondern auch bundesweit ist die Vereinbarung ein Novum. Zum ersten Mal wird hier die 2015 beschlossene Grundgesetzänderung angewandt, der zufolge der Bund Wissenschaftseinrichtungen eines Landes auch langfristig fördern kann. Bis dahin war dies nur im Rahmen befristeter Projekte und Programme möglich.

Die Verwaltungsvereinbarung sieht vor, dass der Bund als Partner direkt in die Charité mit einsteigt. Bisher war das 2013 gegründete BIG gemeinsam von der Charité und dem Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) getragen worden. Nun werde das BIG „in einen eigenständigen Exzellenzbereich innerhalb der Charité überführt“, wie es in der Vereinbarung heißt. Das BIG werde damit zur dritten Säule der Charité – neben Medizinischer Fakultät und Uni-Klinikum. Vertreter des Bundes sitzen künftig im Aufsichtsrat der Charité und im Verwaltungsrat des BIG.

Institut für Gesundheitsforschung war 2013 gegründet worden

Den Verantwortlichen ist es wichtig zu betonen, dass das BIG wirtschaftlich unabhängig ist und sein Vermögen eigenständig verwaltet. Das MDC soll „privilegierter Partner“ des BIG werden und eng in die Entwicklung des Instituts eingebunden sein. Insider sehen die direkte Einbindung des BIG in die Charité als beste Lösung an. Sie biete die größte Nähe zu den Patienten, denen die Forschung gilt, heißt es. Und sie beende eine jahrelange Unsicherheit über die Zukunft des BIG.

Das Institut war 2013 gegründet worden. Es soll „innovative Gesundheitsforschung von übergreifender Bedeutung“ betreiben, heißt es in der Vereinbarung. Spitzenwissenschaftler aus aller Welt forschen hier an den Grundlagen neuer Therapien, die den Patienten möglichst bald zugutekommen sollen – Translation genannt. 

Dabei geht es unter anderem um Therapien gegen Krebs, Alzheimer und Herz-Kreislauf-Krankheiten. Derzeit forschen am BIG 20 Professoren und drei Nachwuchsgruppen. Zu den berufenen Professoren gehören Immunologen, Mikrobiologen, Herz-Kreislauf-Forscher, Bioethiker, aber auch Spezialisten für Gehirnsimulationen oder mathematische Modellierung des neuronalen Lernens.

Bund steigt bei der Charité ein: Vereinbarung muss im Juli den Bundesländern zur Zustimmung vorgelegt werden 

Doch trotz aller Erfolge geriet das BIG in den vergangenen Jahren ins Schlingern. Es kam zu Führungsquerelen. Grund war die komplizierte Zusammensetzung des Vorstands der gemeinsamen Einrichtung von Charité und MDC. Die Folgen waren Interessenkonflikte und eine erschwerte Profilbildung, wie es in einem Gutachten hieß. Um die Zukunft des BIG und auch die Bundesförderung dauerhaft zu sichern, brauchte es eine neue Konstruktion.

Ein Jahr lang wurde über eine Vereinbarung verhandelt. Nun sind die Staatssekretäre des Regierenden Bürgermeisters und Berliner Wissenschaftssenators Michael Müller (SPD) und der Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) zu einem für beide Seiten annehmbaren Ergebnis gekommen. Die Vereinbarung muss im Juli noch den Bundesländern in der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) zur Zustimmung vorgelegt werden.

Die Vereinbarung stärkt die Bedeutung Berlins nicht nur finanziell, mit Bundesmitteln von jährlich mehr als 70 Millionen Euro, sondern auch auf anderer Ebene: Das BIG soll künftig deutschlandweit Projekte auf dem Gebiet der translationalen biomedizinischen Forschung fördern.

Max-Delbrück-Centrum will eine abgesicherte "privilegierte Partnerschaft"

Das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) hat am Freitag die Entscheidung zur Zukunft der Berliner Instituts für Gesundheitsforschung (BIG) begrüßt. Nun müsse der Begriff der "privilegierten Partnerschaft" mit Leben gefüllt und auch finanziell abgesichert werden, heißt es in einer Erklärung des MDC.

Nach langer Wartephase sei endlich eine Lösung gefunden worden, von der die Patienten profitieren könnten, sagte Martin Lohse, Wissenschaftlicher Vorstand am MDC. Die Ausgestaltung der neuen Partnerschaft sollte „klar geregelt werden“, so Lohse, „am besten in der Vereinbarung selbst“. Planungssicherheit sei nötig, um internationale Forscher nach Berlin holen zu können und ihnen eine attraktive Perspektive zu geben.

Man sei gerne bereit, die am MDC „aufgebauten hervorragenden Technologieplattformen“ weiterhin gemeinsam mit dem BIG  zu nutzen, weiterzuentwickeln „und auch so zu finanzieren“, sagte Lohse. Auch das weltweite Forschungsnetzwerk des MDC wolle man weiter ins BIG einbringen, „die Kliniker der Charité daran teilhaben lassen und es mit ihnen ausbauen.“ Im Gegenzug wünsche sich das MDC über das BIG einen Ausbau der gemeinsamen Translation in die Klinik. Lohse ergänzte: „Eine Partnerschaft lebt vom gegenseitigen Nutzen.“

Forscher arbeiten an neuen Therapieansätzen gegen Krebs und Diabetes

Das MDC hat als eines der weltweit führenden biomedizinischen Forschungsinstitute entscheidend zum Aufbau des BIG beigetragen. Lohse verwies auf herausragende Forschungen. So sei das MDC daran beteiligt gewesen, den international anerkannten Spezialisten für die Bildung von Blutgefäßen, Holger Gerhardt, aus London nach Berlin zu holen. Gerhardt suche nach Wegen, wie man die Bildung neuer Blutgefäße beeinflussen kann.

Das spiele bei sehr vielen Erkrankungen eine wichtige Rolle: bei Krebs ebenso wie bei Netzhautschäden im Auge, die bei Zuckerkrankheit zur Erblindung führen können. Gerhardts Arbeit sei „ein Paradebeispiel dafür, dass wir heute nicht mehr nur auf ein Organ oder ein bestimmtes Leiden starren dürfen, wenn wir die Ursachen von Erkrankungen analysieren wollen“, sagte Lohse. Diese neue Perspektive in der Medizin könne künftig vielen Patienten zugutekommen.

Forscher aus Charité, MDC und BIG arbeiteten gemeinsam an einer Studie namens Belove mit 10.000 Patienten. Diese, die an  Erkrankungen der Blutgefäße leiden, wie Herzinfarkt und Schlaganfall. Sie sollen über viele Jahre beobachtet werden, um herauszufinden, warum manche die Krankheit relativ gut überstehen und andere nicht.

In weiteren Projekten werden unter anderem neue Wege gesucht, das Neuroblastom zu erkennen und zu behandeln. Dies sei eine vor allem bei Kindern auftretende Krebserkrankung des Nervensystems, so Lohse, und könne sehr unterschiedlich verlaufen. Die Professoren Angelika Eggert (Charité) und  Matthias Selbach (MDC) fahndeten nach molekularen Signaturen, die unter anderem Aussagen über die Eigenschaften des Tumors erlauben. Die Erkenntnisse sollten dabei helfen, Aussagen über die Prognose der Erkrankten zu machen und künftig auch andere bösartige Tumore individuell besser behandeln zu können.