Dresden - An Erich Kästner führt kein Weg vorbei in Dresden. Immerhin wurde der berühmte Schriftsteller dort geboren, hat dort gelebt und geschrieben und sich manche Gedanken gemacht über den Sachsen als solchen. Der Mann, der an diesem Dienstagvormittag an Kästners Gedankenreichtum nicht vorbeikommt, ist Werner Patzelt, Politikwissenschaftler der TU Dresden, der sich gut eingearbeitet hat in all die Wut, den Zorn, in Pegida und AfD und das Loch rechts neben der CDU. Jedenfalls antwortet er auf die Frage, was mit Sachsen los sei, mit einem Kästner-Satz: Die Sachsen seien eben „nicht so gemütlich wie sie sprechen“ würden.

Einer hört ihm interessiert zu und das ist Frank-Walter Steinmeier, der Bundespräsident, der zwei Tage lang Feldforschung betrieben hat in der Gegend, zu der seinem Vorgänger Joachim Gauck einmal der Kraftausdruck „Dunkeldeutschland“ eingefallen ist. Am Dienstagmittag sitzt der Präsident also neben dem Politikwissenschaftler und CDU-Ministerpräsident Stanislaw Tillich in einer Runde von 150 Menschen in der Dresdner Dreikönigskirche. Die Überschrift der Veranstaltung heißt: „Unterschiede aushalten. Streit wagen. Demokratie leben.“ Und, um es kurz zu machen: Niemand muss in dieser Runde an diesem Tag irgendetwas aushalten oder wagen.

Ein bisschen zu schön, um wahr zu sein

Ein merkwürdiger Besuch ist das. Der Erkenntnisanspruch des Präsidenten und die Wirklichkeit, die ihm dank einer so fleißigen wie vorsichtigen Mitarbeiterschaft vorgeführt wird, klaffen doch erheblich auseinander. Es ist ein bisschen zu schön, um sächsisch und wahr zu sein. Joachim Gauck könnte das aus Erfahrung bestätigen: Immer wenn er in Sachsen auftauchte, ob in Sebnitz, Bautzen oder Görlitz – immer stand ein Häuflein Wutbürger parat, um ihn aufs Heftigste auszuschimpfen.

Ja, und nun ist Frank-Walter Steinmeier da und keiner brüllt. In Penig war er am Montag, einer hübschen Kleinstadt in Mittelsachsen, wo er selbstgemachten Kräuterlikör bekam und wo in der Nähe des Rathauses ein mittelalter Pegidist stand, der sehr gegen Steinmeier eingestellt war, aber auf Nachfragen, warum denn eigentlich, nicht erklären konnte, was los sei. Dann ging er. Schön für den Herrn Bundespräsidenten, aber nicht sehr nützlich, wenn er die in Sachsen herrschende Unzufriedenheit erforschen will.

Aber wie soll man es auch machen? So ein kleiner Bundespräsidentenbesuch kommt vom logistischen Aufwand her angeblich der Besiedlung des Mars gleich. Er besucht Firmen und Landräte, den Landtag und die Bundeswehr. Er schreibt sich in Goldene Bücher, fährt in ein Bergwerk, was kernige Bilder gibt. Er nimmt trink- und essbare Geschenke aus der Region entgegen oder ein Räuchermännchen. Dabei wird er scharf bewacht und von unzähligen Mitarbeitern begleitet. Er kommt manchmal mit richtigen Menschen zusammen. Nur wenn er Pech hat, bleibt es bei den von der fleißigen und besorgten Mitarbeiterschaft Ausgesuchten und Vorgeprüften. Den üblichen Verdächtigen halt, den Netten.

Allerorten Sonnenschein

In der Dresdner Dreikönigskirche muss man diesen Eindruck gewinnen. Draußen scheint erstmals in diesen Tagen die Sonne, drinnen sowieso. Ein Mitarbeiter aus der Landesregierung erzählt später nebenbei im Treppenhaus und im Flüsterton, wie es gelungen sei, die Zornigen und Pöbelnden, die Rüpel und Enthemmten auszusieben, damit es nicht schlimm wird. Die Hardliner, wie das in Dresden heißt.

Beim Besuch Steinmeiers hat man es mit dem Sieben etwas übertrieben, was sich an den Fragen zeigt, die dem Herrn Bundespräsidenten gestellt werden, nachdem er seine kurze Rede gehalten hat. Eine Rede, die seinen Unmut zusammenfasst und dann in sehr ausgewogenen Fragen und Gedanken über das Sächsische und ein paar Ratschläge einmündet: „Zu Recht ist der Mut der Sachsen in die Geschichte eingegangen und sollte, wie ich finde, in der deutschen Erinnerung einen viel größeren Raum einnehmen“, meint der Präsident. „Andererseits ist auch zu merken: Viele Menschen sind müde von den vielen Veränderungen und Anpassungsleistungen, die ihnen seit der Deutschen Einheit abverlangt wurden. Die Transformation hat Kraft gekostet, und die Eliten, die sie vorantreiben – in Wirtschaft und Verwaltung, auch in Bildung, Wissenschaft und Kultur –, diese Eliten stammen auch 27 Jahre nach der Einheit zu einem erheblichen Teil nicht von hier, sondern aus den alten Ländern. Das fällt auf und sorgt für Unmut.“

Die Sachsen, meint der Präsident, scheinen an den Erfolgen ihrer Heimat, zumindest in der eigenen öffentlichen Wahrnehmung, oft nicht angemessen teilzuhaben. „Nicht die ganze Erklärung, aber vielleicht ein Element davon, warum die Wut auf das sogenannte Establishment in Politik und Medien so groß geworden ist. Das Sachsen-Bashing seit Pegida tut sein Übriges.“

Sachsen weiß, wo es hapert

Natürlich will Steinmeier nicht zu denjenigen gehören, die zur „Stigmatisierung des Freistaats“ beitragen. „Aber ich möchte auch die Befunde der Wissenschaft nicht verschweigen, die viele Ursachen, viele Faktoren für die jüngsten Entwicklungen zusammengetragen haben und sagen: Jeder einzelne Faktor findet sich auch in anderen Regionen Deutschlands, doch die Summe hier in Dresden, in Freital, Meißen, Clausnitz und Bautzen, die Summe ist das Problem.“

Was also tun? Natürlich: Sprechen. „Unsere Gesellschaft braucht die offene Debatte über Herausforderungen und Probleme“, sagt der Präsident. Einerseits. „Allerdings, der Gestus der Empörung, enthemmte Wut und Drohung, seien sie gegen Flüchtlinge oder gegen Bürgermeister gerichtet, helfen uns in keinem dieser Fälle weiter.“ Andererseits.

Nun ja, soweit ist man auch schon in Sachsen. Man weiß, wo es hapert. Es braucht Leute mit Rückgrat, es braucht mehr politische Bildung an Schulen. Die hat man in Sachsen nach 1990 fast eingestellt. „Ein Fehler“, gibt Ministerpräsident Tillich zu.

Niemand ist wütend

Der Bundespräsident hat gesprochen, das Volk im Saal fragt. Niemand ist wütend. Es treten ans Mikrophon: Ex-Pfarrer, Gesprächskreisleiter, Lehrer, Sozialarbeiter, Personalräte, die evangelische Jugend. Der Ex-Pfarrer, ein freundlicher älterer Herr, möchte gerne wissen, ob Frank-Walter Steinmeier einmal eine Ruck-Rede halten wird. Und wenn ja, wo sich der Ruck thematisch befindet. Aber Steinmeier ist nicht nach Ruck-Rede. An diesem Dienstag nicht und womöglich auch sonst nicht. Ob so etwas wirklich helfe, das wisse er auch nicht, sagt er.

Aber wer weiß das schon. Auf der Hauptstraße vor der Kirche scheint die Sonne immer noch. Unter den großen Platanen schlendern Dutzende Polizisten auf und ab. Eine junge Frau im Hintergrund vor einem Café überlegt laut, ob sie losbuhen oder schimpfen soll, wenn Steinmeier die Kirche verlässt. Aber nein, dann doch nicht. Sie hat keine Zeit, steigt auf ihr Klapprad und ist weg.