Schwerin - Ein altes Backsteinhaus, Nebeneingang, Steintreppe hoch, dann Holztreppe hoch. Ein Zimmerchen, das noch nach DDR riecht, voller Bücher und Akten, fast ein Antiquariat. Ein Schild: Bürgerbüro für Menschenrechte. Das Zimmer gehört Heiko Lietz, 69. Ein Mann wie ein alter Baum, DDR-Bürgerrechtler, Christ, Theologe, Sturkopf, Moralist. Er saß im Gefängnis, die Stasi observierte ihn jahrelang, es gibt zwei Meter Akten über ihn. Erich Mielke kannte Lietz, die Stasi leitete „Zersetzungsmaßnahmen“ gegen ihn ein. Er war einer, der viel riskiert und den Kopf hingehalten hat.

Er kennt Joachim Gauck seit Gymnasiumzeiten in Rostock. Er hat mit ihm an der Uni Handball gespielt, beide waren im Neuen Forum. Er nennt ihn Jochen.

Den öffentlich ausgetragenen Streit, ob der designierte Bundespräsident Gauck nun ein Bürgerrechtler war oder nicht, kann Lietz nicht verstehen. „Geschwätz auf niederem Niveau“, sagt er.

Für ihn, der Gauck seit 54 Jahren kennt, ist die Sache eindeutig: Natürlich war Gauck keiner. Gauck lebte und arbeitete unter dem Dach der evangelischen Kirche. Er saß nie im Gefängnis. Wie viele Aktivisten, die lange vor 1989 gegen die DDR arbeiteten, sich organisierten, sich trafen, habe es denn gegeben? „Vielleicht 600“, sagt er. „Und 60 als harter Kern“. Er nennt sie Aktivisten oder Dissidenten, Bürgerrechtler, ein West-Wort, wurden sie erst, als die Revolution beendet war. „Gauck war nicht aus diesem Holz“, sagt Lietz.

Alles kommt wieder hoch

Er hat das allerdings auch nicht behauptet. In einer Spiegel-TV-Sendung aus dem Jahr 1993 mit Hellmuth Karasek sagt Gauck, damals Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde: „Ich gehörte nicht zu der Gruppe um Freya Klier und Eppelmann.“ „Fundamentalopposition“ sei seine Sache nicht gewesen.

Heiko Lietz fühlt sich im Moment manchmal so, als würde die Revolution von 1989 noch einmal losbrechen. Alles kommt wieder hoch. Eine Bewegung voller Hoffnung stürzte das marode SED-Regime, Menschen gingen auf die Straße. „Und dann kam Helmut Kohl und sackte alles ein.“

Die Debatte um Gauck, um das richtige Bürgerrechtlertum, um die Rollen, die Menschen damals spielten und heute spielen, um Etiketten, die von Journalisten und Politikern leichtfertig angehängt werden, sie zeigt doch nur, wie wenig aufgearbeitet das ist, was vor 23 Jahren im heutigen Ostdeutschland passierte. „Es ist auch eine Debatte über Verletzungen“, sagt Lietz. Verletzungen, die daher rühren, dass diejenigen, die den Kopf hinhielten, am Ende schlechter wegkamen als die, die hinter der Wohnzimmergardine den Demonstranten zusahen. Die Ungerechtigkeit nagt bis heute.

Kein Vater der friedlichen Revolution

Vielleicht ist auch ein Quäntchen Neid dabei. Manchmal klingt es jedenfalls so. Gauck reise „ohne Skrupel“ auf dem Ticket des Bürgerrechtlers, attackierte ihn Hans Jochen Tschiche, Pfarrer und 1989 Mitbegründer des Neuen Forums. „Er ist kein Vater der friedlichen Revolution, er hat sie beendet.“ Als hätte Gauck jemals etwas anderes behauptet. Wie lautet eigentlich der Vorwurf? Dass er nur ein Glückskind der friedlichen Revolution war? Sich mit fremden Federn schmückt? Dass er jetzt nicht täglich öffentlich erklärt, er sei leider kein Held gewesen, der sein Leben riskierte?

Merkwürdige Dinge mischen sich in dieser Debatte zu einem übellaunigen Sud: Zorn und Ungerechtigkeit, aus den Herbsttagen 1989; dazu Verachtung der alten DDR-Elite gegen den Pfarrer aus Rostock, der demnächst ins Schloss Bellevue einzieht. Schließlich ein Medienhype, der sich nach dem Zerschreddern des Schnäppchenmannes Christian Wulff mit ähnlicher Hitze dem Kandidaten Gauck zuwendet.

Würde er Gauck wählen? „Nein“, sagt Lietz, der Freund von früher. „Aber nicht wegen damals. Er hat sich heute mit einem System arrangiert, in dem der Mammon regiert.“ Aber das ist ein anderes Thema.