Der Bundestag hat über die Zukunft der Organspende entschieden.
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BerlinDer Bundestag hat entschieden: Beim Thema Organspende soll künftig die erweiterte Zustimmungslösung gelten. Jeder Bürger ab dem Alter von 16 Jahren soll in regelmäßigen Abständen - etwa bei der Verlängerung des Personalausweises - aktiv mit der Frage einer möglichen Organspende konfrontiert werden. Hausärzte sollen mindestens alle zwei Jahre über eine mögliche Spende beraten. Die Antworten  - Organspender, Ja oder Nein - sollen dann in einer zentralen Datenbank registriert werden.

Ob damit das dramatische gesellschaftliche Problem gelöst werden kann, ist zu bezweifeln.  Denn in Deutschland warten etwa 10.000 Menschen auf ein Organ, weil sie lebensgefährlich erkrankt sind. Aber nur jeder Zehnte auf der Warteliste hat die Chance auf Rettung. Denn auch 2019 gab es in Deutschland nicht einmal tausend Spender. Und es kann jeden Menschen treffen, dass Herz, Lunge, Niere oder Leber versagen. 

Durchgefallene Widerspruchslösung

Die Situation ist so ernst, dass zum Beispiel manche verzweifelte Ärzte fordern, dass nur noch jene Erkrankten ein Spenderorgan erhalten sollten, die selbst einer Organ- oder Gewebeentnahme zugestimmt haben, sprich: einen Organspendeausweis besitzen.  Die im Bundestag durchgefallene Widerspruchslösung, dass ein Patient selbst aktiv einer möglichen Organspende widersprechen muss, wäre einer gesellschaftlich notwendigen Lösung sicher am nächsten gekommen. Hier wäre jeder ein potenzieller Spender gewesen, der keinen Widerspruch einlegt.

Allerdings gelten in der Medizin ethische Prinzipien. Zu diesen gehören neben der Gerechtigkeit, der Schadensvermeidung und dem Patientenwohl auch das Selbstbestimmungsrecht des Patienten. Gerechtigkeit  bedeutet: Gleiche Fälle müssen gleich behandelt werden. Niemand kann also eine Organtransplantation davon abhängig machen, ob der Empfänger selbst potenzieller Spender ist oder nicht. Gerechtigkeit wird formal durch klare Richtlinien durchgesetzt. Die Vergabe der Organe für Deutschland und andere europäische Länder mit etwa 137 Millionen Menschen wird durch eine zentrale Institution – Eurotransplant – geregelt. Nach transparenten Verfahren. Was allerdings nicht ausschließt, dass Daten manipuliert werden, um bestimmte Patienten auf der Warteliste nach vorn zu schieben, wie Transplantationsskandale zeigten.

Man kann das Thema nicht mehr verdrängen

Die jetzt beschlossene Lösung entspricht dem ethischen Prinzip des Selbstbestimmungsrechts des Patienten. Jeder hat das Recht, selbst zu entscheiden, was mit ihm geschieht – und dieses hat der Arzt zu respektieren.

Nun kommt es darauf an, wie Menschen davon überzeugt werden, dass sie im Falle des ärztlich festgestellten Hirntodes ihre Organe spenden. Das Gute ist, dass durch die neue Lösung Menschen dazu bewegt werden, sich aktiv mit dem Thema auseinanderzusetzen. Das war bisher nicht notwendig. Man konnte das Thema einfach verdrängen. Nun muss man sich damit befassen.

Die Medizin muss sich aber auch im Klaren sein, dass es begründete Ängste gibt, die etwa in der Frage gipfeln: "Wie tot muss ich sein, bevor ich ausgeweidet werde?" Es geht also um bessere Information. Zum Beispiel darüber, dass die Hirntoddiagnostik von zwei Ärzten unabhängig voneinander nach strengen Kriterien vorgenommen werden muss. Oder darüber, dass nur wenige Menschen wirklich einen Hirntod erleiden. Mediziner berichteten darüber, dass es  in einer 1000-Betten-Klinik gerade mal 20 Patienten im Jahr seien, die wirklich für eine Organspende in Frage kämen. Und zwar sind es eher ältere Menschen, die zum Beispiel eine Hirnblutung erleiden, weniger Patienten mit Auto- und Motorradunfall, wie es noch vor einigen Jahrzehnten der Fall war.

Manche Medizinethiker bezeifeln auch, dass die mangelnde Spendebereitschaft der Menschen das eigentliche Problem sei. Die Medizinethikerin Claudia Wiesemann vom Deutschen Ethikrat zum Beispiel sagte: "Das Problem ist die mangelnde Bereitschaft der Krankenhäuser, am Organspendesystem teilzunehmen."

Ein deutlicher Vertrauensverlust

Um mehr Menschen zu überzeugen, dass beim Thema Organspende wirklich "alles mit rechten Dingen" zugeht, muss sich auch der Krankenhausbetrieb ändern. Dieser ist stark auf Wirtschaftlichkeit und Effizienz ausgerichtet. Ärzte unterliegen knallharten Kennziffern, müssen "Fälle machen". Der Patient mit seinen Fragen und Ängsten rückt in den Hintergrund. All dies wirkt dem entgegen, was man erreichen möchte.

Nach Aussagen von Medizinethikern hat zum Beispiel der 2010 bekannt gewordene Organspendeskandal dazu geführt, dass die deutschen Spenderzahlen von etwa 1300 im Jahr 2007 auf unter 800 zehn Jahre danach abrutschten. Vor allem bei Mitarbeitern im Gesundheitswesen habe es einen deutlichen Vertrauensverlust gegeben, sagen Medizinethiker.

Um auch bei der neuen Lösung mehr Menschen dazu zu bewegen, potenzielle Organspender zu werden, braucht es vor allem Transparenz und Vertrauen. Gut ist aber, dass Menschen jetzt vor die moralische Pflicht gestellt werden, sich überhaupt zu entscheiden.