Berlin - Für Gelächter im Hohen Haus sorgte er über all die Jahre immer wieder, obwohl er sein Präsident ist. Etwa, wenn er genüsslich und angeekelt zugleich verliest, was den Öffentlich-Rechtlichen wichtiger sei als die Bundestagsdebatte, die er hier gerade eröffnet: „Sturm der Liebe“ im Ersten, „Volle Kanne mit Susanne“ im ZDF.

Oder, als er auf die Ankündigung der frisch zu seiner Vizepräsidentin gewählten Grünen Claudia Roth, sie werde „das Amt so machen, wie ich bin“, entgegnete: Das berechtige ja zu den schönsten Hoffnungen. Oder als er dem Liedermacher Wolf Biermann freundlich ermahnte, er sei zum Singen zur Feierstunde geladen worden und müsse sich schon in den Bundestag wählen lassen, wenn er weiter reden wolle.

Laschet lobt „Wortgewalt und geistige Originalität“

Wenn Norbert Lammert (CDU) nun nach elf Jahren im Amt verkünde, 2017 nicht erneut Bundestagspräsident oder einfacher Abgeordneter werden zu wollen, dann werde dem Parlament vor allem sein Humor fehlen, erklärte denn auch prompt sein Landesverbandschef der CDU in Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, aber auch „seine Wortgewalt und seine geistige Originalität“.

Laschet war einer von nur zwei Eingeweihten, die bereits am Montagmorgen einen Brief von Lammert erhalten, in dem der ankündigte, „bei den Bundestagswahlen 2017 nicht wieder zu kandidieren“: „Der Abschied aus der aktiven Politik fällt mir nicht leicht“, schreibt Lammert. Er gehöre dem Bundestag aber nun 37 Jahre an und sei „unter Einbeziehung der fünf Jahre im Rat der Stadt Bochum“ mehr als vier Jahrzehnte Politiker. „Ich denke, es ist nun Zeit für einen Wechsel, zumal auch ich nicht immer jünger werde.“ Lammert ist 67 Jahre alt. Neben Laschet erhielt auch der Kreisverbandschef der Bochumer CDU, Christian Haardt, den Brief. Lammert zählt eben zur alten Schule.

Strobl „von den Socken“

Als seine Entscheidung dann am Abend öffentlich wurde, ereilte sie das politische Berlin wie ein Paukenschlag: Noch am Morgen hatte Lammert an der CDU-Präsidiumssitzung im Konrad-Adenauer-Haus teilgenommen, seine Auftritte in jüngster Zeit deuteten auf keinerlei Amtsmüdigkeit hin – etwa, als er zum Tag der Deutschen Einheit in Dresden dazu aufrief, Deutschland und die Demokratie optimistischer und selbstbewusster gegen ihre Feinde zu verteidigen. So waren nach der Rückzugsankündigung selbst hochrangige CDU-Funktionäre baff: „Ich bin von den Socken“, erklärte etwa CDU-Bundesvize Thomas Strobl.

Der Zeitpunkt von Lammerts Ankündigung ist auch deshalb bemerkenswert, weil er erneut als naheliegender Kandidat für die Nachfolge des scheidenden Joachim Gauck im Amt des Bundespräsidenten gehandelt wird. Allein, dass er als porentiefer CDU-Mann der SPD schwer zu vermitteln ist, spricht gegen ihn – keineswegs aber fehlende Eignung: Parteiübergreifend ist er als scharfzüngiger Intellektueller anerkannt; Respekt erwarb er sich nicht zuletzt dadurch, dass er für die Rechte des Parlaments auch gegen CDU-geführte Bundesregierungen stritt und seine Stimme auch als Präsident im Plenum erhob, wenn er nicht auf Regierungslinie lag, etwa in der Debatte um die schwarz-gelben Atom-Laufzeitverlängerungen, in der Griechenlandrettung und bei der Verurteilung des osmanischen Völkermords an den Armeniern.

Der in Bochum geborene Bäckerssohn ging bereits als Schüler zur Jungen Union, wurde 1975 Lokalpolitiker und seit 1980 im Bundestag. Er war Parlamentarischer Staatssekretär im Bildungs- und Wirtschaftsministerium in mehreren Kabinetten Helmut Kohls. Galt er bis dahin als einflussreich, aber grau, lief Lammert von 2005 an im zweithöchsten Staatsamt zu seiner heutigen Form auf. Über seine Beweggründe, ausgerechnet jetzt zu gehen, können auch die meisten seiner Fraktionskollegen nur spekulieren. Haardt betont jedenfalls ausdrücklich, es gebe keinerlei politischen Zwist: „Das ist eine Entscheidung ganz aus persönlichen Gründen.“