Bundestagswahl 2017: Dieses Ergebnis wird unser Land verändern – AfD muss Gesicht zeigen

Diese Wahl verändert Deutschland. Nein, sie wird nicht Deutschlands Rolle in der Welt verändern, weil Angela Merkel wohl trotz allem wieder Kanzlerin sein wird. Diese Wahl aber kann Deutschlands Ansehen in der Welt ändern, weil es für einige Nachbarn unseres Landes befremdlich sein dürfte, dass in Deutschland siebzig Jahre nach Kriegsende auch Rechtsradikale Politik machen im Berliner Reichstag, in dem heute der Bundestag sitzt.

Diese Wahl wird unser Land verändern, weil wir uns damit auseinandersetzen müssen, dass nicht wie in den vergangenen 27 Jahren nach der Wiedervereinigung einige wenige Versprengte rechtsradikalen Politikern ihre Stimme gegeben haben, aus Protest oder aus Überzeugung. Jetzt sind es viele, es sind unsere Nachbarn, Arbeitskollegen, unsere Bekannten. Die AfD ist die drittstärkste Partei.

AfD kann mehr als Stimmung machen

In einer Straße mit hundert Wählern haben sich mehr als 13 der Nachbarn für eine rückwärtsgewandte, in Teilen offen rechtsradikale Partei entschieden. In einem Mietshaus mit 40 Parteien leben in fünf Wohnungen Unterstützer der AfD. Statistisch gesehen. In der Realität sind es vor allem im Osten Deutschlands ganze Mietshäuser, in denen die Bewohner sich einig sind: Wir wollen ein anderes Land, darum wählen wir AfD. Die Ergebnisse in Brandenburg sind deutlich.

Nehmen wir das an. Im doppelten Sinne. Wir sollten das akzeptieren – und es auf uns zukommen lassen. Denn es wird so sein, Politiker der AfD werden eine starke Fraktion im neuen Bundestag stellen, sie werden dort Ausschüsse leiten, sie können nun mehr als Stimmung machen: nämlich Politik. Sie müssen ihr Gesicht zeigen, und das ist, so seltsam das klingt, das Gute an diesem Wahlergebnis.

Einfache Wünsche reichen nicht in einer komplizierten Welt

In den vergangenen Jahrzehnten haben Menschen, die sich gegen Ausländerfeindlichkeit im Land gestellt haben, diesen Slogan geprägt: Gesicht zeigen. Sich also mit der ganzen Person für menschenfreundliche Überzeugungen einsetzen, das war das Ziel derjenigen, die ihr Gesicht zeigen wollten. Drehen wir die Sache doch einmal und schauen nun, welches Gesicht uns in den kommenden vier Jahren all jene zeigen, die glauben, dass die Zukunft Deutschlands in der Vergangenheit liegt.

Dann wird sich wahrscheinlich bald zeigen, dass sich mit dem Schwärmen über Wehrmachtssoldaten und dem Hass gegen das Fremde kein Land gestalten lässt. Dann wird sich erweisen, dass eine komplizierte Welt sich nicht mit einfachen Wünschen gestalten lässt, auch nicht von der AfD.

Das ist es, was uns im Parlament erwartet. Aber diese Wahl könnte Deutschland auch deshalb verändern, weil jetzt die Nachbarn in den Städten und Straßen einander ihr Gesicht zeigen müssten. Weil diejenigen, die glauben, dass Wutreden und Drohgebärden in die Zukunft führen, sich dazu bekennen müssten.

Deutschland ist roher geworden

Wir werden mehr über unser Land erfahren, weil mehr Menschen offen zeigen, dass sie diese Gesellschaft ablehnen. Deutschland ist roher geworden. Aber noch einmal: Stellen wir uns dem, dem Streit, der Auseinandersetzung in dieser Gesellschaft.

Und stellen wir auch Fragen: Wie kommt es, dass AfD-Politiker wie Alexander Gauland im Jahr 2017 deutsche Traditionen mit Wehrmachtssoldaten verbinden und nicht zum Beispiel mit Konrad Zuse, dem Berliner Erfinder des ersten funktionsfähigen Computers, also dem Erfinder der Digitalisierung? Wie kommt es, dass ein hochtechnologisiertes Land wie die Bundesrepublik Vergangenheitsträume träumt? Mindestens vier Jahre lang werden wir von diesen Träumen auch im Bundestag hören.

Die Mehrheit der Deutschen muss jetzt Gesicht zeigen

Aber da sind ja auch die anderen, die zu Recht sagen: Wieso sollte sich dieses Land grundlegend verändern, wenn die große Mehrheit der Deutschen für die anderen Parteien gestimmt hat, Menschen, die eher an die Zukunft denn an Wehrmachtssoldaten denken, wenn sie an Deutschland denken? Und das ist richtig: Wie immer sich die geschwächten Christdemokraten mit den Freidemokraten und Grünen organisieren, welches Bündnis die zerlegte SPD und die Linken unterstützen – es kann ein Bündnis gegen Radikalismus, gegen Wut und Geschrei sein. Und es wird noch immer die große Mehrheit der Deutschen vertreten.

Aber diese Mehrheit hat mit der Wahl auch eine neue Aufgabe bekommen, auch ihr Selbstverständnis wird sich verändern: Sie muss Politik gegen echte Gegner machen; diese Mehrheit ist jetzt eine große innerparlamentarische Opposition gegen Hass und Vergangenheitsträume. Und für mehr Zukunftsthemen, die in diesem Wahlkampf kaum eine Rolle gespielt haben. Auch diese Mehrheit der Deutschen und ihrer Volksvertreter müssen jetzt: Gesicht zeigen.