Berlin - Fragt man Cansel Kiziltepe, was sie von ihren beiden Herausforderern eigentlich politisch unterscheidet, dann muss sie einen Moment überlegen. „Unsere Schnittmenge ist größer als das, was uns trennt“, sagt die SPD-Abgeordnete dann.

Stellt man Canan Bayram von den Grünen die gleiche Frage, dann überlegt auch sie erstmal und spricht dann über die Parteien. „Der SPD reicht es, Politik anzukündigen. Die Linke ist mir zu hierarchisch.“ Ja, aber deren Bundestagskandidaten hier in Friedrichshain-Kreuzberg? Die seien integre Leute.

Pascal Meiser, dem Linke-Kandidaten, fällt sofort eine Antwort ein. Die anderen beiden seien Abweichler in den eigenen Reihen. „Was ich vertrete, dafür steht auch die Partei. Bei mir weiß man, was man bekommt.“ Er würde zum Beispiel niemals Merkel zur Kanzlerin wählen – worum ihn die aber wohl auch nie bitten würde. Aber echte Differenzen zu Kiziltepe und Bayram hat auch er nicht. „Wir haben unterschiedliche Profile“, sagt er.

Einer der spannendsten Wahlkämpfe in Berlin ist also auf eine Weise schrecklich langweilig. Drei Kandidaten haben realistische Chancen, die Nachfolge von Hans-Christian Ströbele im Bundestag anzutreten. Viermal hat der altlinke Rebell den Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg-Prenzlauer Berg Ost gewonnen, 2009 sogar mit sagenhaften 46 Prozent. Jetzt will und kann er nicht mehr, mit 78 Jahren verlässt Ströbele die Politik. Die drei Herausforderer von Grünen, Linken und SPD erwecken wiederum den Eindruck, sie könnten sofort eine Koalition eingehen, die dann Mieten deckeln, Auslandseinsätze der Bundeswehr stoppen und die Videoüberwachung einstellen würde. 75 Prozent der Wähler gaben 2013 Grünen, Linken oder SPD ihre Erststimme – größeren rot-rot-grünen Konsens gibt es nirgendwo in der Stadt.

Der Ströbele-Wahlkreis

Aber wenn man auf ideologische Kämpfe und Schlammschlachten verzichten kann, dann ist die Entscheidung in Friedrichshain-Kreuzberg richtig interessant. Für die Grünen, weil hier eine ihrer Keimzellen ist und weil sie hier ihren einzigen direkten Wahlkreis verteidigen. Für die Linken, weil sie nach Ströbele eine Chance sehen, erstmals einen Ost-West-Bezirk zu erobern, 2013 lag sie bereits bei den Zweitstimmen an erster Stelle. Und für die SPD – auch sie hatte 2013 ein besseres Zweitstimmenergebnis als die Grünen. Eigentlich war Friedrichshain-Kreuzberg zuletzt gar kein Grünen-Wahlkreis mehr – es war der Ströbele-Wahlkreis.

Umso größer ist die Herausforderung für Canan Bayram. 51 Jahre ist sie alt, Anwältin, seit 2006 Mitglied des Abgeordnetenhauses, seit 2009 Mitglied der Grünen, vorher war sie bei der SPD, die sie wegen Sarrazin verließ. Das Interview findet in der Mokkabar an der Gneisenaustraße statt. Hier, im Kreuzberger Südwesten, ist sie noch nicht so bekannt. Im Friedrichshainer Norden, wo sie wohnt, wurde sie dreimal direkt gewählt.

Das muss auch dieses Mal klappen. Einen Platz auf der Landesliste verweigerte ihr die grüne Basis beim Parteitag. Hegt sie Groll? „Nein, das macht mich freier“, sagt Bayram. Man darf ihr das glauben, Parteidisziplin wäre für sie in diesem Wahlkampf wohl eher schädlich. Cem Özdemir mag in Kreuzberg wohnen, mit seinen Sympathien für Schwarz-Grün hätte er in seiner Wahlheimat kaum eine Chance. Wie sie ihre Freiheit nutzen will, demonstrierte Bayram schon beim Bundesparteitag im Juni. „Einfach mal die Fresse halten“, rief sie dem Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer zu, der für eine restriktive Asylpolitik eintritt. Bayram kam damit bundesweit in die Presse, aber das sei kein Kalkül gewesen, versichert sie. „Ich bin schon einmal wegen eines Rassisten aus einer Partei ausgetreten.“

Wahlkampf ohne Schlammschlacht 

Krawall beherrscht sie also, zumindest rhetorisch. Was ihr auch helfen dürfte, ist ihr Engagement für eine Lösung des Konflikts um die Rigaer Straße – für eine ihrer vorigen Wahlkampfbroschüren ließ sie sich auf der Kreuzung vor einem der Autonomenhäuser fotografieren.

Aber reicht das alles – oder verabschieden sich Altlinke und junge Rebellen von den Grünen und ihren zwei Realo-Spitzenkandidaten? Pascal Meiser glaubt daran. Fast 2.000 Stimmen lag die Linke in Friedrichshain-Kreuzberg 2013 vor der SPD, mehr als 7.000 Stimmen betrug ihr Vorsprung zu den Grünen. „Löhne rauf, Mieten runter“ hat Meiser auf seine Plakate geschrieben. Der eigentliche Coup in seinem Wahlkampf sind aber die neue Plakate, die von dieser Woche an aufgehängt werden. Der Cartoonist Seyfried hat sie gezeichnet, der jahrelang Ströbele unterstützte. Eines seiner typischen Wimmelbilder mit Kreuzberger Gestalten hat Seyfried für ihn gezeichnet. Meiser findet darauf aber nur, wer ihn kennt. Er wolle keinen Personenkult, sagt er. Und der würde wohl auch durch ein lustiges Plakat nicht entstehen.

Meiser kennt sich aus in den Kiezen, kann Anekdoten erzählen, hat fundierte Standpunkte und kann sich regelrecht echauffieren, dass die CDU nicht dafür eintritt, ein Gewerbemietrecht einzuführen. „Wenn die wirklich was tun wollten für die kleinen Betriebe, hätten sie das längst getan“, sagt er. Aber zuvorderst ist er ein Parteipolitiker, er gibt auch nichts anderes vor. Seit knapp vier Jahren leitet er den Bezirksverband. Hauptberuflich arbeitet er in der Kampagnenabteilung der Bundespartei. Das ist ehrenwert, aber von Ströbeles politischem Werdegang – der in diesem Wahlkreis nun einmal der Maßstab ist – so weit entfernt wie der Kotti vom Bundestag, also Lichtjahre.

Ein Aufstieg wie im SPD-Bilderbuch

Im Bundestag ist Cansel Kiziltepe schon angekommen. 2013 zog die 41-Jährige über die Landesliste ins Parlament ein. Sie ist eine der sehr wenigen Abgeordneten, deren Familie einen Migrationshintergrund hat. Geboren wurde sie aber in Berlin, als einzige der drei Kandidaten ist sie in Kreuzberg aufgewachsen und wohnt – anders als der Moabiter Ströbele – bis heute im Bezirk. Ihre Biografie ist eine Aufsteigergeschichte wie aus dem sozialdemokratischen Bilderbuch – die Eltern rackerten, sprachen selbst kaum Deutsch, wollten aber, dass es den Töchtern einmal besser geht. Also brachten sie die Kinder jeden Morgen bis ans andere Ende des Bezirks in eine Ganztagsgrundschule. „Das war meine Rettung“, sagt Kiziltepe. Später arbeitete sie bei der Gewerkschaft, dann im VW-Management.

Vor gar nicht langer Zeit hätte Kiziltepe vielleicht allein mit dieser Biografie für sich werben können. Aber die türkische Gemeinschaft ist längst gespalten, Präsident Erdogan hat von der Wahl der SPD abgeraten, der Wahlkampf in Kreuzberg ist dadurch nicht leichter. Also verweist Kiziltepe auf ihren Kampf für das Dragoner-Areal, das der Bund privatisieren wollte. Sie sei 2013 schon für Rot-Rot-Grün eingetreten, sagt sie. Die Verschärfungen des Asylrechts habe sie nicht mitgetragen, was ihr in Kreuzberg helfen dürfte. Aber sie räumt ein, dass alles einfacher wäre, wenn die Begeisterung um Spitzenkandidat Martin Schulz nicht so schnell abgeklungen wäre.

Entmutigen lassen will sie sich trotzdem nicht. „Kiziltepe heißt ,roter Berg’“, sagt sie. So ein Name verpflichte.