Berlin - Katrin Göring-Eckardt gefällt‘s. „Das ist ein hübscher Zufall der Geschichte, der da jetzt rein spielt“, sagte die Vorsitzende der grünen Bundestagsfraktion am Dienstag dieser Zeitung. „Es zeigt vor allem: Wir Frauen können das.“ Und zwar unter anderem, weil es für sie „in der DDR eine größere Selbstverständlichkeit“ gegeben habe, „in Verantwortung zu gehen“.

Mit dem „hübschen Zufall“ ist gemeint, dass nicht nur Göring-Eckardt selbst als Spitzenkandidatin ihrer Partei bei der Bundestagswahl antritt, sondern es zwei weitere Ostfrauen gibt, bei denen dies ebenfalls feststeht – Kanzlerin Angela Merkel und Linksfraktionschefin Sahra Wagenknecht – sowie eine vierte, bei der wohl bloß noch die Frage offen ist, mit welchem Mann an der Seite sie ihre Partei in die Wahl führen wird: AfD-Chefin Frauke Petry. Zufall oder nicht?

Ostdeutsche Frauen haben berufliches Selbstvertrauen

Unbestritten ist, dass Frauen in der DDR in einem viel höheren Maße erwerbstätig waren. Und auch wenn es keine von ihnen ins höchste Machtzentrum, das SED-Politbüro, schaffte, so sagt die Autorin des jüngst erschienenen Buches „Frauen in der DDR“, Anna Kaminsky, doch: „Natürlich ist diese Konstellation letztlich Zufall. Aber dieser Zufall ist auch das Ergebnis des beruflichen Selbstvertrauens, das viele ostdeutsche Frauen in den 1970er und 1980er Jahren entwickelt haben und mit dem sie in die deutsche Einheit gestartet sind.“

Überdies kommt es nicht von ungefähr, dass die wohl bekannteste Feministin des jungen Deutschland, Anne Wizorek, aus Rüdersdorf in Brandenburg stammt und von sich sagt, ihr Vorbild sei weniger Alice Schwarzer gewesen als die berufstätigen Frauen in der DDR. Wizorek findet es „schön, dass ostdeutsche Frauen stärker vertreten sind in der deutschen Politik. Aber man muss auch gucken, was dahinter steht.“ So könne sie weder Wagenknechts noch Merkels Positionen teilen.

Zum Befund der DDR-Prägung passt eine Erhebung der Unternehmensberatung Ernst & Young anlässlich des Internationalen Frauentages, der zu folge die bei der Frauenförderung fortschrittlichsten Unternehmen in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen sitzen. Dort sind bis zu 25 Prozent der Leitungspositionen weiblich besetzt. In Bremen sind es 12 Prozent.

Tief im Protestantismus verwurzelt

Auffällig bei den vier Spitzenkandidatinnen ist zudem, dass drei von ihnen tief im Protestantismus wurzeln. Merkel kommt aus einem Pfarrhaushalt. Göring-Eckardt amtierte als Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland. Petry war mit dem Pfarrer Sven Petry verheiratet. Göring-Eckardt erklärt: „Dass ostdeutsche Politikerinnen und Politiker einen Bezug zur evangelischen Kirche haben, hat viel mit der DDR zu tun. Denn natürlich war die evangelische Kirche in der DDR der Ort, an dem man Demokratie ausprobieren konnte. Es gab mit den kirchlichen Synoden quasi Parlamente. Da konnte man lernen, wie Demokratie geht.“

Das evangelische Pfarrhaus erscheint wie schon bei der Wahl des einstigen Pfarrers Joachim Gauck zum Staatsoberhaupt als ostdeutsche Schule der Demokratie schlechthin. Der West-Katholizismus der frühen Bundesrepublik unterliegt.

Im Übrigen lassen sich die vier Frauen kaum über einen Leisten schlagen. Freilich gibt es bemerkenswerte Berührungspunkte. So führen Wagenknecht und Petry mit der Linken und der AfD Parteien an, die im Osten stärker sind als im Westen. Beide sind mit führenden westdeutschen Männern aus derselben Partei liiert: Oskar Lafontaine und Marcus Pretzell. Das Private und das Politische fließen ineinander.

Überhaupt sind drei der vier Frauen heute mit westdeutschen Partnern zusammen. Petry wiederum ging im Alter von 14 Jahren mit ihrer Familie in den Westen, während Merkels Familie bereits in den fünfziger Jahren von dort in den Osten kam. Es existieren in ihren Leben also starke Bezüge ins jeweils andere Deutschland.

Gesamtdeutsche Politik

Petry, in Dresden geboren, ist die ostdeutsche Prägung wegen ihrer sächsischen Sprachmelodie zwar noch am ehesten anzumerken. Gleichwohl machen alle vier selbstverständlich gesamtdeutsche Politik. Ja, Wagenknecht lebt in Merzig an der deutsch-französischen Grenze. Weiter weg vom Osten geht es kaum. Und ein öffentliches Thema ist das alles ohnehin nicht mehr. So zeigt das Quartett die Unterschiede zwischen Ost und West ebenso an wie das Zusammenwachsen der Landesteile.

Göring-Eckardt betont unterdessen: „Zur DDR-Wahrheit gehört auch: Wenn ,Mutti‘ früh zur Arbeit ging, dann machte sie abends trotzdem Haushalt und Kind.“ An der Glorifizierung des untergegangenen Staates möchte die grüne Spitzenkandidatin trotz Frauentag nicht mitwirken.