Berlin - Neulich hat Torsten Albig bei einer Segel-Regatta eine Sechs-Liter-Flasche Rotwein gewonnen. Die Trophäe werde in seiner Wohnung „wohl ewig stehen bleiben“, kündigte der SPD-Ministerpräsident von Schleswig-Holstein an. Er trinke zwar gerne  Rotwein, aber so eine Magnum-Flasche sei denn doch zu viel.

Am Freitag waren nicht alle Genossen sicher, ob sich der 52-Jährige tatsächlich an seinen Vorsatz gehalten hat. Manche unkten sogar Schlimmeres: „Legal können die Substanzen  nicht gewesen sein“, spekulierte Johannes Kahrs, der Sprecher des rechten Seeheimer Kreises, über Albigs Zurechnungsfähigkeit bei einem Interview. „Manchem setzt die Sommerhitze anscheinend ziemlich zu, vor allem im Norden“, ätzte Jan Stöß, der Vorsitzende des linken Berliner SPD-Landesverbandes. Anderswo in der SPD schwankte man zwischen Kopfschütteln, Entsetzen und Wut.

„Ich glaube, sie macht das ganz ausgezeichnet“

Auslöser ist ein 15-minütiges Interview, das Albig dem NDR gegeben hat. Bei einem Cafè Latte und blauem Sommerhimmel über der Kieler Förde spricht der Ministerpräsident zunächst souverän über die Flüchtlingspolitik, die Haushaltskonsolidierung in seinem Land und die Griechenlandkrise. Dann kommt die Sprache auf die mageren Umfragewerte der SPD. Natürlich sei das unbefriedigend, räumt Albig ein. Aber Angela Merkel sei eine sehr populäre Bundeskanzlerin. Und: „Ich glaube, sie macht das ganz ausgezeichnet.“

So viel Lob für die CDU-Vorsitzende ist in der SPD - zumal angesichts der Spannungen zwischen Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble - eher unüblich. Schon diese Bemerkung hätte also ausgereicht, um die Genossen in Wallung zu bringen. Doch Albig plauderte weiter: Er halte es für schwierig, gegen Merkel eine Wahl zu gewinnen. Das sieht man auch im Willy-Brandt-Haus so, würde das aber niemals offen aussprechen. Ob denn SPD-Chef Sigmar Gabriel 2017 nur als Zählkandidat antrete, hakte der Reporter nach. Wichtig sei, dass die SPD in der großen Koalition wesentliche Akzente setze, antwortete Albig. Das müsse man herausstellen: „Dazu brauchen wir einen starken Kandidaten. Ob die Bezeichnung Kanzlerkandidat dann noch richtig ist, werden wir sehen.“

Ein abwegiger Gedanke

Die Genossen ohne Anspruch aufs Kanzleramt? Das heißt nichts anderes, als dass ein SPD-Ministerpräsident zwei Jahre vor der Bundestagswahl das Rennen verloren gibt. „Der Gedanke ist völlig abwegig, dass die SPD ohne Kanzlerkandidaten in die Bundestagswahl 2017 gehen könnte“, konterte SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi eilig.

Interessanter als die Dementis ist indes die Frage, was Albig umgetrieben hat. Mangelnde Erfahrung im Umgang mit den Medien kann man dem eloquenten Ex-Sprecher des damaligen Finanzministers Peer Steinbrück kaum unterstellen. Eher ein ungebremstes Selbstbewusstsein, den Hang zur Inszenierung als Klartextredner und eine demonstrative Ferne zum Berliner Politikbetrieb. Auch Steinbrück hatte er einst von der Kandidatur abgeraten: „Tu Dir das nicht an!“. Er sollte recht behalten. Soviel Empathie für Gabriel empfindet Albig freilich nicht. Wahrscheinlicher sei daher, dass er sich durch den öffentlichkeitswirksamen Aufschlag in Szene setzen und angesichts magerer eigenen Umfragewerte als Landesvater eine Art Popularitätsanleihe bei der Kanzlerin versuchen wolle, unken Berliner Genossen.