Halle/Saale - Eigentlich hätte er ahnen können, dass sein großes Projekt nicht so einfach werden würde. Dass es Vorurteile geben würde, Missverständnisse, Unsicherheiten. Auch hier wieder, im Café „Zimmer frei“ in Halle an der Saale. Es ist nur ein paar Schritte von der „Mohren-Apotheke“ entfernt, auf dem Tisch wirbt ein Papp-Aufsteller für „Machwitz Kaffee“ mit drei grinsenden Afrikanern – wie zu der Zeit, als man sie noch Negerlein nannte.

Karamba Diaby, 51, wird im Herbst der erste schwarze Abgeordnete im deutschen Bundestag sein. Die SPD hat den Kommunalpolitiker, der in Afrika geboren wurde, zu ihrem Spitzenkandidaten in Halle gemacht, sein Einzug ist sicher. Das macht ihn gerade weltweit bekannt. Doch Diaby selbst will nicht über seine Herkunft aus Afrika reden; nicht darüber, ob er sich um Rassismus in seinem Wahlkampf sorgt. Schon gar nicht über die Negerlein auf dem Pappschild. Er hat Größeres vor, Ernsteres: Bessere Bildungspolitik, Ostdeutschland vertreten. Doch es ist alles nicht so einfach.

Am Morgen zuvor, ein Samstag im Mai, SPD-Geschäftsstelle in Halle: Karamba Diaby kommt etwas zu spät, dafür serviert er dem Team frischen Filterkaffee. „Es läuft super, es gibt viel Echo auf meine Kandidatur“, sagt er. Er trägt die Haare kurz, eine schmale Brille, Streifenhemd und sandfarbene Hose, und spricht mit einem afrikanischen Akzent, in dem das R rollt. Heute steht Wahlwerbung beim Stadtfest an, Diaby packt einen Stapel bunter Visitenkarten ein, mit seinem Foto darauf.

Heute kommt die New York Times

„Insgesamt haben wir 50.000 Flyer gedruckt“, sagt Stefan Will, „plus T-Shirts und Bierdeckel.“ Will, ein untersetzter Mittvierziger mit freundlichen Augen, ist technischer Leiter des SPD-Wahlkampfs in Halle. „Karamba ist ein irre positiver Typ“, sagt er. „Er spricht Kreise an, die die SPD kaum erreicht. Viele Junge, die Migrantencommunity.“ Seit Diaby aufgestellt ist, riefen Medien, Verbände, Honoratioren aus ganz Deutschland an, sagt Will. „Sehr spannend!“ Inzwischen hat Diaby einen Presseagenten, ehrenamtlich zwar, aber er bedient Anfragen von BBC, CNN, bundesweiter Presse, Funk, Fernsehen. Heute kommt die New York Times.

Ist ja auch eine super Geschichte: Ein Waise aus dem Süden Senegals gewinnt 1985 ein Uni-Stipendium – zufällig für die DDR. Als er ankommt, spricht er kein Wort Deutsch. Er studiert in Leipzig Chemie, schreibt seine Doktorarbeit in Halle, aber ehe er abschließen und heimgeschickt werden kann, kommt erst eine hübsche Sächsin dazwischen, dann die Wende. Als frischer Dr. Diaby findet er keine Arbeit, jobbt in Sozialvereinen, wird von der Kommunalpolitik entdeckt. 2008 geht er zur SPD, ein Jahr später sitzt er im Stadtrat, vier Jahre später wohl im Bundestag. Eine Biografie wie im Hollywoodfilm.

Natürlich wäre Karamba Diaby nicht der erste Abgeordnete mit ausländischen Wurzeln, das moderne Deutschland hat ja sogar zwei Parteichefs zu bieten, die das auch von sich behaupten können. Der Unterschied ist nur, dass der Grüne Cem Özdemir in Schwaben geboren wurde und der Liberale Philipp Rösler deutsche Adoptiveltern hat. Diaby dagegen wuchs in Afrika auf. Und man sieht es ihm an – das ist dann doch etwas anderes in einem Land, dessen Feuilletons kürzlich diskutierten, ob Kinderbücher noch das Wort Neger verwenden sollten. Ein Land, das gerade eine rassistische Mordserie aufzuklären versucht.

Für Karamba Diaby hat all das nichts mit seiner Kandidatur zu tun. „Man soll mit mir über meine politischen Ziele sprechen, nicht über meine Herkunft“, sagt er.

Wahlkampfleiter Will sagt: „Wir haben Karamba für seine gute Stadtratpolitik aufgestellt, nicht für irgendeine Exklusivität.“

"Er ist ein Menschenfischer"

Stolz sei man aber schon, nun in die Geschichtsbücher einzugehen. Diaby selbst sagt, dass schon der erste Afrikaner, der je in Deutschland studierte, in Halle lebte. 1730. Dass schon die erste Frau, die je im Parlament sprach, Sozialdemokratin war. 1919. Große Fußstapfen für einen ehrenamtlichen Kommunalpolitiker, der sein Geld als Referent im Landessozialministerium verdient.

Dann taucht er ins Stadtfest ein. Auf der Bühne besingt ein Liedermacher die Schönheit der „Stadt mit den fünf Türmen“, daneben präsentieren sich Gewerkschaften, Parteien und Wurstverkäufer. Als Diaby am SPD-Stand ankommt, kreischt die Frau hinter den Waffeleisen: „Karamba!“ Es klingt wie ein Schlachtruf. Die Helfer sind eifrig und jung, Halle ist Uni-Stadt. Der Kandidat läuft zur Hochform auf. Er gratuliert einem Arbeitslosen, an dessen Namen er sich aus einer Umschulung erinnert, zur Verlobung. Er plaudert mit Studenten aus Guinea, die er aus dem Ausländerbeirat kennt. Der Frau vom örtlichen Unicef-Büro, die ihm das Herz über interne Querelen ausschüttet, sagt er: „Es gibt Höhen und Tiefen.“ Die Frau lächelt. Wahlkampfleiter Will sagt stolz: „Er ist ein Menschenfischer.“

An den Gewerkschaftsständen hat Diaby für jedes Anliegen einen Punkt von den SPD-Flyern parat. Oder, noch lieber, eigene Anekdoten. Als die Gastrobranche auf die Rente mit 67 schimpft, erzählt er von seiner „Schwiegermama“, die in der DDR Kranführerin war und nach 1990 zur Altenpflegerin umschulen musste. „Mit 57 hat sie gesagt: Ich kann nicht mehr. Deshalb sage ich, für anstrengende Berufe muss es früher Rente ohne Abschlag geben.“ – „Karamba hat hier schon viel bewegt“, sagt eine Wahlhelferin. „Er hat die Partei offener gemacht. Weil er ein Typ zum Anfassen ist.“

So gesehen wurde der Politiker Karamba Anfang der 90er geboren: in Halles Kleingärten. Für die Doktorarbeit untersuchte Diaby, ob die nahen Chemiefabriken die Schreberparzellen vergiften. Die Messungen an Kohlrabi, Porree und Sellerie wurden zu Studien der ostdeutschen Nachwendegesellschaft. „In Kleingärten finden sich Menschen aller Schichten“, schwärmt Diaby. „Damals gab’s große Neugier an meinem Forschungsergebnis – und weil jemand wie ich bis dahin nicht durch die Gärten lief.“ Er lacht.

Deutscher seit 2001

Wie anders die Zeiten noch waren. Die DDR hatte Ausländer und Deutsche voneinander abgeschirmt; der Argwohn war groß. Aber die Gärtner waren von ihm begeistert, glaubt man dem, was Diaby heute erzählt. Er sprach mit ihnen über ihren Sellerie, dann über ihre Seelenlage: Wie war die Wende für Sie? Was waren Sie früher? Was kommt nach der Arbeitslosigkeit? „Am Ende sagten sie: Herr Doktor, nimm dir doch einen Garten bei uns!“

Nun ist Diaby wieder auf Kleingartentour. Fotos vom „Laube-zu-Laube-Wahlkampf“ zeigen ihn, begleitet von Jusos in Shirts mit den Aufdrucken wie „Vielfalt schafft Werte“ und „Team Karamba“: Gespräche am Gartenzaun, im Hintergrund Neubaublocks und Deutschlandfahnen auf Datschendächern. Eine harmonische Erfolgsgeschichte. Oder?

Diaby ist seit 2001 Deutscher. Den Pass wollte er aus Wut auf die CDU-Kampagne gegen doppelte Staatsbürgerschaft. Heute ist von Wut nichts mehr zu spüren. Von selbst spricht Diaby Rassismus gar nicht an. Wer nachfragt, erfährt, dass er 1991 als Student in Halle von Jugendlichen beschimpft und verprügelt wurde. Wer googelt, findet eine Hetzkampagne gegen ihn. Als Bundeschef des Integrationsrates, zu dem er 2011 aufgestiegen war, hatte er im Thilo-Sarrazin-Streit gefordert, dessen Thesen als volksverhetzend einzustufen. Er wurde in Hunderten Mails beschimpft, Morddrohungen inklusive. Diaby ließ sich lächelnd von der Bild-Zeitung fotografieren. „Ich werde mich nicht verstecken“, zitierte sie ihn.

Seitdem kam sowas nicht mehr vor, sagt Diaby. Ohnehin will er sich nicht aufs Integrationsthema konzentrieren. Wer Bildungs- und Sozialpolitik verbessere, helfe der Integration besser. Dafür zieht er in den Bundestag. Und nicht Berlin oder Frankfurt schickt ihn, sondern Halle, die moderne, junge Stadt. Wo selbst das Rentnerpaar, das beim Stadtfest über ihn tuschelt, einander nur zuraunt, da stehe ja dieser prominente Politiker. „Ich find toll, dass er Deutschland zeigt, wie weltoffen Halle ist“, sagt der Rentner.

Klischees vom Osten

Doch als Deutschland dann wirklich auf Halle blickte, kam es ganz anders. Der Spiegel war als erstes auf Diabys Kandidatur aufmerksam geworden. Aber als sein Bericht erschien, zerbrach etwas in Halle. Der „erste Schwarzafrikaner“, der in den Bundestag will, komme aus einer „Hochburg der Rechtsradikalen“, stand im großen Magazin aus Hamburg. Er treibe Wahlkampf, wo die NPD bei der Landtagswahl „in manchem Viertel fast zehn Prozent“ geholt habe; wo einige Ecken „lebensgefährlich für Menschen mit dunkler Hautfarbe“ seien. Ganz Halle fühlte sich verunglimpft, der Stadtrat debattierte den Text, Lokalpolitiker forderten Entschuldigungen. Diaby war schockiert. Für ihn steht die Geschichte, wie er 1991 überfallen wurde, dafür, wie weit Halle in den 22 Jahren seither vorankam.

Im Spiegel liest sie sich, als riskiere er im Wahlkampf den Tod. Plötzlich klang seine Nominierung nicht mehr nach Vorreiterrolle, sondern wie ein Irrtum. Er verkörperte nicht mehr eine moderne Stadt im Osten, sondern die Rückkehr zu den Bildern Lichtenhagen und Hoyerswerda, die vor 20 Jahren das Bild von Ostdeutschland bestimmten. Die Lokalpresse widerlegte die Zahlen des Spiegels, die Bürger von Halle beklagten sich über die Klischees, die die Westmedien immer noch vom Osten pflegten. Diabys Kandidatur drehte sich immer noch um Vorurteile, aber sie war von einer Schwarz-Weiß- zu einer Ost-West-Geschichte geworden.

Karamba Diaby entschuldigte sich sicherheitshalber. Er habe Halle nie schlecht gemacht. Er sieht sich keineswegs als Opfer, sondern als „authentisch ostdeutschen Politiker“. Ob ihm die Geschichte geschadet habe? „Wir werden sehen“, sagt er.

Zwei Wochen später sitzt Diaby in einer Schulaula zwischen Platten- und Altbauten im Norden von Halle. Ein Dutzend Kommunalpolitiker treffen sich zur Sitzung des Bildungsausschusses. Der einzigen behindertengerechten Schule fehlt ein Rollstuhlzugang zur Turnhalle. Die CDU will ihn bewilligen, Diaby fragt, ob die Finanzierung steht. Es geht um marode Sportplätze und um Gymnasiumsplätze, die in den wohlhabenderen Vierteln verlost werden müssen. Zwei Väter berichten vom Förderverein, eine Lehrerin sucht Hilfe für ein Schulfest. Von hier wirkt der Bundestag sehr fern.

Politische Ideen

Nach der Sitzung stellt sich Bildungsdezernent Tobias Kogge zu Diaby. Kogge ist in der CDU, war früher Sozialbürgermeister von Dresden und ist der einzige hauptberufliche Politiker hier. Erst am Vortag, erzählt er unvermittelt, habe eine Gruppe von 50 Rabbinern die Synagoge in Halle besucht. „Die waren im Stadtbild sehr auffällig“, sagt er. „Und es gab keinerlei Probleme.“ Man dürfe Alltagsrassismus zwar nicht kleinreden. Aber gerade das schlechte Wahlergebnis in Halle habe den Einzug der NPD in den Landtag verhindert. Halle habe ganz andere Sorgen: „Abwanderung, Hochschulfinanzen, leere Gewerbegebiete – und deshalb fehlende Steuereinnahmen!“ Der neue Armutsbericht sei verheerend: Halle habe einen Migrantenanteil von nur vier Prozent, aber hier lebten viel mehr Menschen von Sozialleistungen als in Bremen oder Berlin. Kogge holt Luft. Aus seiner lokalpatriotischen Verteidigung gegen die Rassismusvorwürfe ist ein ziemlich düsteres Bild geworden. Es gebe natürlich auch positive Entwicklungen, man könne ja mal telefonieren, sagt er. Dann gibt er Diaby die Hand und geht.

So kommt es, dass Karamba Diaby am Abend noch mal seine politischen Ideen erklären will. Vielleicht im Café? Er will sichergehen, seit der Spiegel-Geschichte. Am Tisch erklärt er, dass Bildungspolitik der Schlüssel für alles sei. Er sagt, dass es oft helfe, die Perspektive zu wechseln und dass er deshalb Begegnungsreisen für Pädagogen aus Halle in den Senegal organisiert hat. Das will er auch als Bundestagsabgeordneter versuchen, statt der üblichen Berlin-Besuchsgruppen.

Er zeigt Zeitungsmeldungen vor, die er gut und andere, die er schlecht fand. Ein westdeutsches Lokalblatt titelte: „Ein Schwarzer für die Roten“. Das findet Diaby daneben. „Ich würde auch nicht sagen: Frau Merkel, die weiße Politikerin.“ Andererseits, als ein SPD-Genosse nach seiner Nominierung twitterte, „Der erste Schwarze, den man wählen kann!“, fand das Diaby witzig und verteidigte ihn gegen Kritik von Grünen und Linken.

Was also ist das Besondere an seiner Kandidatur? „Ach, eigentlich zeigt die ganze Aufmerksamkeit nur, wo Deutschland steht. Jetzt ist es noch etwas Besonderes, dass ich kandidiere. In zehn Jahren werden unsere Kinder darüber lachen“, sagt Karamba Diaby. Er bestellt noch ein Bier, und als es kommt, stellt er es neben seine Aktentasche, die er immer dabei hat. In ihr stecken alle seine Termine und Unterlagen. Von außen ist sie mit buntem afrikanischen Stoff bezogen.