Berlin - In dieser Woche hat Annalena Baerbock vermutlich zum ersten Mal eine Ahnung davon bekommen, dass es bis zur Bundestagswahl am 26. September noch ein langer ungemütlicher Ritt wird. Erst seit einem Monat ist die 40-jährige Grünen-Vorsitzende die designierte Kanzlerkandidaten ihrer Partei – doch bereits jetzt ist der Wahlkampf für sie ein Stahlbad geworden. Selbst erfahrene Wahlkämpfer der Grünen sind überrascht, wie krass die Anfeindungen teilweise sind.

Die Querelen um den Querulanten und Tübinger Grünen-Bürgermeister Boris Palmer gehören da mittlerweile schon zu Baerbocks geringsten Sorgen. Palmer hatte sich via Facebook in eine Rassismusdebatte eingemischt und mit mehr als geschmacklosen Äußerungen die Parteispitze derart gegen sich aufgebracht, dass nun die Reißleine gezogen und gegen ihn ein Parteiausschluss-Verfahren eingeleitet werden soll. Das aber wird Monate dauern und könnte im Wahlkampf immer mal wieder zur Unzeit aufpoppen. Die gute Nachricht: Der Grünen-Altvordere Rezzo Schlauch vertritt Palmer jetzt als Anwalt in dieser Sache – und hat seinem Mandaten erst mal ein Redeverbot erteilt. Das darf durchaus als Dienst an der Partei verstanden werden.

Nebeneinkünfte: Baerbock gab mehr als 25.000 Euro zu spät an

Unangenehmer sind die Fehler, die sich Annalena Baerbock in der kurzen Zeit ihrer Kandidatur selbst zuschreiben muss. Kleinere Fehler, aber sie wären besser unterblieben. Etwa die Sache mit den Nebeneinkünften, die die Bundestagsabgeordnete Baerbock vergessen hatte, anzugeben. Und das, obwohl gerade die Grünen hier unerbittlich für mehr Transparenz gerade bei den Nebentätigkeiten der Abgeordneten kämpfen. Unnachgiebig wird dabei auf die Verfehlungen gerade der Unionsabgeordneten aufmerksam gemacht.

Und dann vergisst die Parteivorsitzende rund 25.500 Euro, die sie von ihrer Partei seit 2019 als Sonderzahlungen erhalten hat, ordnungsgemäß anzugeben. Das hat sie beim Bundestag erst im März nachgeholt und damit viel zu spät. Sanktionen wird es deshalb aber keine gegen sie geben. Bei der ersten Verfehlung in Sachen Anzeigepflicht schickt die Bundestagsverwaltung einen mahnenden Brief, damit ist die Sache dann erledigt. Natürlich nicht für den politischen Gegner.

Auch beim Lebenslauf Baerbocks gab es erst kürzlich kleinere Nachbesserungen, die ihr Studienfach betreffen und die natürlich prompt auffielen. Ergebnis: Bei der üblichen Pressekonferenz der Grünen am Anfang der Sitzungswoche musste sie sich die Frage gefallen lassen, welchen Studienabschluss sie denn nun habe. Sie hat einen, aber in solchen Momenten merkt man Baerbock den Missmut ein bisschen an. Dann gehen die Mundwinkel leicht nach unten, sie kneift die Augen zusammen und man macht sich schon auf eine schnippische Antwort gefasst. Die bleibt aus, die Kandidatin hat sich im Griff. Doch wer die Zähne zusammenbeißt, wirkt zwar beherrscht, aber nicht entspannt. Und gerät dann auch mal ins Hintertreffen.

Das musste Baerbock bei der ersten Live-Diskussion mit dem SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz diese Woche beim RBB erleben. Scholz wirkte geradezu vergnügt, lächelte viel – nutzte jede Gelegenheit, seine Regierungserfahrung zu betonen und zählte jede Menge Projekte auf, die er als Kanzler angehen möchte. Beim Megathema Klima geriet er allerdings doch in die Defensive. Dennoch endete diese Diskussion mit einem leichten Vorteil für Scholz. Aber Baerbock lernt schnell. Beim ersten Fernsehduell aller dreier Kandidaten am Donnerstagnachmittag im WDR sah die Sache schon wieder anders aus.

Falsche Nacktfotos und sexistische Kommentare: Hass aus dem Netz gegen Baerbock

Natürlich sind auch Armin Laschet und Olaf Scholz scharfer Kritik und nicht selten auch regelrechter Häme ausgesetzt. Aber von den beiden sind im Internet noch keine (falschen) Nacktfotos aufgetaucht. Sie müssen nicht erklären, wie sie die Kanzlerschaft wuppen wollen, obwohl sie Kinder haben. Sie müssen auch nicht hinnehmen, dass diese kleinen Kinder auf Fotos unverpixelt in der Zeitung landen. Und vor allem müssen sie sich nicht nach jedem Auftritt sexistische Kommentare über ihr Aussehen gefallen lassen.

Keine Frage: Wenn Frauen für ein öffentliches Amt kandidieren, müssen sie sich immer noch auf fiesere Attacken gefasst machen als ihre männlichen Konkurrenten. Deutschland im Jahr 2021 – nach 16 Jahren mit einer Frau als Kanzlerin. Annalena Baerbock wird sich das alles klargemacht haben, bevor sie antrat. Es dann wirklich zu erleben, ist aber doch etwas anderes. Noch vier Monate Zähne zusammenbeißen.