Berlin - Wahlkampf, aber freundlich: Die rbb-Abendschau hatte direkt vor der Sendung mit den Kanzlerkandidaten Annalena Baerbock (Grüne) und Olaf Scholz (SPD) einen Beitrag gebracht, den die beiden Politikgäste des Abends offenbar aufmerksam verfolgt haben. Die Leute mögen keinen Streit zwischen den Parteien und schon gar keine Schlammschlachten im Wahlkampf, war der Tenor des Berichts.

Der anschließende Politiktalk der Kandidaten war dann auch wirklich genau das: Ein freundliches, eher harmloses Gespräch. Jedenfalls am Anfang. Die Grünen-Kandidatin passte zunächst vor allem auf, nicht zu aggressiv rüberzukommen. Das war wichtig, denn Olaf Scholz präsentierte sich als gelassener, erfahrener Kümmerer, der schon alles gesehen hat und der nun endlich als Kanzler die gute Politik machen will, die er sich vorgenommen hat. Einer, der schon was verändern will, aber bitte „behutsam“, damit es für den kleinen Polizisten, der am Stadtrand wohnt und mit dem Auto zur Schicht fährt, nicht teuer wird.

dpa/Kay Nietfeld
Annalena Baerbock will einen Politikwechsel.

Der Streit darüber, wer die Energiewende denn nun eigentlich bezahlen soll, war die Auseinandersetzung des Abends. Baerbock will die Einnahmen aus einem höheren CO2-Preis in Form eines Energiegelds teilweise an die Bürger zurückzahlen. Scholz ist für eine Abschaffung der EEG-Umlage. „Diese Entlastung muss kommen. Wenn ich die nächste Regierung führen kann, werden wir diese Umlage auf Dauer als Belastung verschwinden. Das müssen die Vermieter tragen.“ Das reicht Baerbock aber nicht, weil davon vor allem Menschen mit großen Wohnungen profitieren würden.

Überhaupt fand sie, dass Scholz die gleiche Politik des Zauderns der letzten Jahre fortsetzen will, nach dem Motto „versuchen wir es mal ein bisschen, damit es besser wird.“ Diese Leidenschaft freute Angela Ulrich vom rbb und Stefan Braun von der Süddeutschen Zeitung, die durch den Abend führten. „Schön, dass Sie so engagiert sind“, lobte Ulrich die Grüne.

Doch der SPD-Mann ließ sich nicht unterkriegen. „Die Zukunft kann man sich nicht wünschen, man muss sie hinkriegen“, sagte er und konterte mit vielen Maßnahmen, an denen er in den vergangenen Jahren mitgewirkt hatte. Vor allem aber: Olaf Scholz schaffte es am Montagabend, sich nicht nur nicht aus der Ruhe bringen zu lassen – er wirkte sogar regelrecht vergnügt in der Diskussion. Da könnte sich CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet, der zur gleichen Zeit von Pro 7 befragt wurde, mehr als eine Scheibe abschneiden.

dpa/Kay Nietfeld
Olaf Scholz wirkt vergnügt.

Klar ist, dass in Deutschland eine Wechselstimmung herrscht – und das in einem historisch einmaligen Ausmaß, erläuterte der Wahlforscher Robert Vehrkamp von der Bertelsmann-Stiftung eine neue Studie aus seinem Haus. Demnach wünschen sich 62 Prozent der Deutschen einen Regierungs- und vor allem einen Politikwechsel. In welche Richtung das gehen wird, ist allerdings noch nicht ausgemacht. Die Veränderungswünsche sind nämlich breit gefächert, so der Bertelsmann-Wissenschaftler. Während für die einen der Klimawandel das größte Problem darstellt, ist es für die anderen die Flüchtlingsproblematik und die Einwanderung in Deutschland.

Die Moderatoren wanderten von Thema zu Thema, Baerbock und Scholz zeigten sich sattelfest. Aber dem SPD-Minister gebührte die Genugtuung, die Grünen-Kandidatin kurz in die Defensive zu drängen, als er ihr die mäßige Bilanz des grün regierten Bundeslands Baden-Württemberg beim Ausbau der erneuerbaren Energien vorwarf. Nur 12 Windräder seien in der letzten Legislaturperiode im Ländle gebaut worden, hielt er ihr vor. Touché. Baerbock fiel dazu keine rechte Antwort ein. Die erste Debatte endet daher mit leichten Vorteil für den SPD-Kandidaten. Hätte man vorher nicht gedacht.