Soldaten des Wachbataillons beim Bundesministerium der Verteidigung besprechen sich an einem Arbeitsplatz im Gesundheitsamt Spandau.

Foto: Berliner Zeitung/Carsten Koall

BerlinDer ungewöhnlichste Einsatz der Bundeswehr in dieser Pandemie hat erst vor wenigen Tagen begonnen. Am 18. Juni erreichte das Kommando Territoriale Aufgaben der Bundeswehr in Berlin der Antrag, die Reihentestung der Beschäftigten der Fleischfabrik Tönnies im Kreis Gütersloh zu unterstützen. Einen Tag später waren die ersten Soldaten vor Ort. Sie kommen aus Einheiten aus Ahlen, Augustdorf, aus Rennereod, Rheine und Münster. Genehmigt wurde ihr Einsatz jedoch in Berlin. Nicht im Verteidigungsministerium, sondern in einem Kommando, das vor sieben Jahren speziell für die Krisenhilfe im eigenen Land eingesetzt wurde.

Das Kommando Territoriale Aufgaben, so der offizielle Name, ist dafür verantwortlich, Einsätze im Rahmen der Katastrophenhilfe zu gewähren - und das schnell. „Das ist unsere originäre Aufgabe“, sagt der Leiter des Kommandos, Generalmajor Carsten Breuer. Er steht seit gut zwei Jahren an der Spitze des Kommandos, das seinen Sitz in der Julius-Leber-Kaserne in Wedding hat. Es umfasst insgesamt etwa 20.000 Soldaten und zivile Mitarbeiter, darunter auch rund 10.000 Reservisten.

Breuer hat es sich zur Aufgabe gemacht, jeden Hilfsantrag innerhalb von 24 Stunden zu genehmigen oder abzulehnen. Es geht aber auch beträchtlich schneller, wenn es sein muss. Im Einsatz gegen die Schneemassen in Bayern Anfang 2018 wurden Hilfeleistungen binnen 90 Minuten entschieden, wenn die Zeit drängte. „Wichtig ist, dass die Lageteams alles, was für die Entscheidung wichtig ist, zusammentragen“, sagt Breuer. „Ich möchte möglichst viele Informationen haben und will mir das selbst genau vorstellen können.“ Carsten Breuer, 55 Jahre alt, wirkt im persönlichen Gespräch freundlich und entspannt, kein bisschen zackig oder soldatisch.

Er führe derzeit ein Kommando mit zwei Geschwindigkeiten, sagt Breuer. Wegen der Covid-Krise wird auch bei der Bundeswehr im Homeoffice gearbeitet, wo immer es geht. Gleichzeitig muss die Einsatzbereitschaft des Kommandos aufrechterhalten werden.

Generalmajor Carsten Breuer in der Operationszentrale des Kommandos Territoriale Aufgaben der Bundeswehr. 

Foto: Berliner Zeitung/Carsten Koall

Damit der Einsatzstab in der Julius-Leber-Kaserne zusammenarbeiten und zugleich die Abstandsregeln einhalten kann, ist man in einen der größten Tagungsräume auf dem weiträumigen Gelände umgezogen. Die Soldaten dort sind sich einig darüber, dass es unangenehmere Arbeitsplätze gibt: Bodentiefe Fenster geben den Blick ins Grüne frei. Sie stehen offen, sodass man das Gezwitscher der Vögel hören kann, der Kronleuchter an der Decke gibt dem Raum etwas Repräsentatives. Verklebte Kabel am Boden führen zu den Schreibtischen, an denen die Hilfsanträge aus der gesamten Bundesrepublik bearbeitet werden, nach Bundesländern getrennt. Jeder Soldat hat am Schreibtisch eine Stellwand mit einer Landkarte des jeweiligen Bundeslandes vor sich. Straff gespannte Fäden führen vom Einsatzort an den Rand der Karte, wo sich die Details des jeweiligen Einsatzes in Stichpunkten finden. Der gesamte Verlauf wiederum ist fein säuberlich in Ordnern abgeheftet.

Der Aufwand an Bürokratie ist erheblich, denn bei den Einsätzen gilt das Prinzip der Subsidiarität, das heißt, dass der hilfesuchende Landkreis erst einmal selbst alle Mittel und Ressourcen ausschöpfen muss, bevor er sich erfolgreich an die Bundeswehr wenden kann. Das heißt: Jeder Antrag auf Hilfe wird genau geprüft, längst nicht alle werden genehmigt. Und im Verlauf einer Hilfeleistung muss überprüft werden, ob sie noch notwendig ist. „Anfangs wurden wir vor allem nach Ärzten und auch Schutzmaterial gefragt“, sagt Carsten Breuer. „Aber das war auch bei uns rar.“

Gewissermaßen am Ende von einem der Fäden auf der Berlin-Karte sitzt der 18-jährige Hieronim Gleba in einem Büro im Gesundheitsamt Spandau. Im normalen Bundeswehr-Leben ist er Protokoll-Soldat in der 4. Kompagnie Wachbataillon, das sonst Staatsgäste besucht. Aber die gibt es in Corona-Zeiten schon länger nicht mehr, also hilft Gleba jetzt im Gesundheitsamt aus. Er hat sich freiwillig gemeldet - wie die anderen vier Soldaten, mit denen er derzeit in Spandau eingesetzt ist, auch.

Neben der Tastatur seines Computers liegt eine Excel-Tabelle, die teilweise mit handschriftlichen Ergänzungen versehen ist. Glebas Aufgabe ist es, die Angaben in das Computerprogramm Sormas einzutragen. Die Abkürzung steht für Surveillance Outbreak Response Management System. Es ist ein Programm, das die Entstehung und Ausbreitung von Seuchen verhindern oder eindämmen soll. Durch Sormas sollen Infizierte schneller identifiziert und alle beteiligten Gesundheitseinrichtungen in Echtzeit informiert werden. In Spandau ist das System erst seit kurzer Zeit im Einsatz. Am Anfang musste man sich wie fast überall mit Excel-Tabellen behelfen.

Hieronim Gleba teilt sich das Büro mit einem gleichaltrigen Kameraden. Beide wirken mit ihren Kampfanzügen ein bisschen exotisch. Nicht alle Einrichtungen, in denen Soldaten arbeiten, sind damit einverstanden, dass diese in Uniform erscheinen. In Pflegeheimen etwa ist das meist unerwünscht, vermutlich weil die Uniform die Patienten erschrecken könnte. Die Soldaten tragen dann meist ihre grauen Trainingsanzüge oder auch Zivil. In Spandau ist die Uniform kein Problem. Die fünf Soldaten hier fallen zwar auf, aber nur den Sachbearbeitern, mit denen sie zusammenarbeiten. Mit Bürgern haben sie nur am Telefon zu tun.

Die Hauptaufgabe der Soldaten ist die Nachverfolgung von Kontaktpersonen von Menschen, die positiv getestet wurden. Außerdem helfen sie bei der telefonischen Betreuung jener, die sich in Quarantäne befinden. Die bekommen alle zwei Tage einen Anruf vom Bezirksamt, teils, um nach Symptomen zu fragen, teils, um zu kontrollieren, ob sie auch wirklich zu Hause bleiben. „Die Stimmung bei den Angerufenen ist durchmischt“, sagt Hieronim Gleba. Durchmischt - das ist ein diplomatisches Wort dafür, dass die Isolierten am Telefon auch schon mal ausfällig werden. Die meisten seien aber verständig genug, um zu wissen, dass die Quarantäne notwendig ist. Derzeit sind in Spandau rund 115 Personen in Quarantäne, nicht alle haben ein positives Testergebnis, manche hatten schlicht Kontakt mit Infizierten.

Positive Testergebnisse dürfen die Soldaten aus rechtlichen Gründen nicht übermitteln, weil dies immer mit der Quarantäne-Aufforderung einhergeht. „Das machen die Mädels nebenan“, sagt ein Soldat und meint damit die Sachbearbeiterinnen des Gesundheitsamtes, die die Soldaten auch eingearbeitet haben. Man verstehe sich gut, heißt es von beiden Seiten. „Man will in diesen Pandemie-Zeiten auch etwas beisteuern“, erklärt Christoph Otte, der sich ebenfalls freiwillig für den Dienst im Gesundheitsamt gemeldet hat. „Es ist außerdem mal etwas Neues.“

Insgesamt arbeiten in Berlin 60 Soldaten in den Gesundheitsämtern und anderen Bereichen. Die Gesundheitssenatorin habe die Bundewehr früh mit einbezogen, heißt es. Die Soldaten haben zum Beispiel auch beim Bau des Sonderkrankenhauses an der Jafféstraße geholfen, das fertig ist, bis jetzt aber noch nicht gebraucht wurde. Nicht alle Bezirke sind allerdings erpicht auf eine Zusammenarbeit mit der Bundeswehr. Friedrichshain-Kreuzberg und Lichtenberg haben grundsätzlich abgelehnt. Und auch in Spandau sei man erst skeptisch gewesen, ob die Zusammenarbeit klappe, sagt die Leiterin des Spandauer Gesundheitsamtes, Gudrun Widders. Nach wenigen Tagen im Einsatz war sie jedoch überzeugt. „Die jungen Männer sind ganz toll und sehr engagiert“, lobt sie und erwägt bereits, eine Verlängerung des Einsatzes über den Juli hinaus zu beantragen.

In Spitzenzeiten der Pandemie waren im Spandauer Gesundheitsamt 124 Menschen mit dem Thema Corona befasst. Jetzt sind es noch 35 Leute plus fünf Soldaten. Weil die  Bundeswehr hilft, können die Mitarbeiter des sozialpsychiatrischen Dienstes nun wieder ihrer eigentlichen Arbeit nachgehen.

Und auch beim Krisenstab in der Julius-Leber-Kaserne ist in den letzten Wochen eine gewisse Routine bei der Bewältigung der Corona-Krise eingezogen. Man beobachtet die Lage aufmerksam, befindet sich aber nicht mehr in einer  Ausnahmesituation. Waldbrände, Flutkatastrophen, das Schneechaos, aber auch die logistische Unterstützung von Großveranstaltungen in Deutschland  wie etwa bei der Fußball-WM – die Einsatzorte und -gründe für das Kommando sind vielfältig. Aber immer sind die Einsatzkräfte hochwillkommen und tragen zum guten Image der Bundeswehr bei. 

Ganz anders das Image des Kommandos Spezialkräfte, dessen Abkürzung KSK  fast zum Synonym für rechtslastiges Elitedenken und falsch verstandenen Korpsgeist in der Bundeswehr geworden ist. Am Montag hat der Militärische Abschirmdienst (MAD) in einer öffentlichen Anhörung die Verdachtsfälle von Rechtsextremisten und Reichsbürgern in dem Kommando auf mittlerweile 600 angesetzt.

„Es ist unsäglich“, kommentiert Carsten Breuer die Vorfälle, deren Zahl in den vergangenen Monaten immer wieder nach oben korrigiert werden musste. „Die allermeisten Soldaten sind mit großem Idealismus dabei und brennen für ihre Aufgaben. Diese Extremfälle schaden uns allen.“ Dennoch will er auch in Bezug auf das KSK den Generalverdacht nicht stehen lassen. Das Kommando agiere keineswegs so abgeschottet, wie es in der Öffentlichkeit oft dargestellt werde. Und auch dort seien die meisten überzeugte Demokraten, die sich verpflichtet hätten, weil sie Menschen helfen wollen.

So wie Generalmajor Breuer selbst. Was mag er besonders an seiner Arbeit? Dass er sich immer wieder auf neue Situationen einstellen muss. „Ich weiß nie, was auf mich zukommt“, sagt er. „Das macht aber gerade den Reiz der Aufgabe aus.“ Um genau Bescheid zu wissen, reist er drei Tage pro Woche durch die Bundesländer, um sich die Hilfseinsätze vor Ort genau anzusehen.

Zu Beginn der Pandemie hat Breuer zweimal wöchentlich mit der Verteidigungsministerin über die aktuelle Lage telefoniert, nun teilt er ihr nur noch außergewöhnliche Hilfseinsätze persönlich mit. Der in der Fleischfabrik dürfte dazugehören: In den Kreisen Gütersloh und Warendorf sind es mittlerweile 319 Soldaten, die vor allem die mobilen Abstrich-Teams unterstützen. Es ist der größte Einsatz der Bundeswehr im Kampf gegen die Corona-Pandemie. Bis jetzt.