Harte Ausbildung: KSK-Soldaten werden im Häuserkampf und Geiselbefreiung trainiert. Fördert das Elitedenken ungesunden Corpsgeist? 
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BerlinDas laute Hupkonzert, das in dem Moment ertönt, als Annegret Kramp-Karrenbauer im Reichstag aus dem Aufzug steigt, gilt nicht ihr. Der Lärm veranstalten Hunderte Reiseunternehmer, deren Protestfahrt mit Bussen gerade am Brandenburger Tor angekommen ist, als die Verteidigungsministerin pünktlich um 11.30 Uhr im Verteidigungsausschuss eintrifft. Die Abgeordneten haben da schon viereinhalb Sitzungsstunden hinter sich. Der Besuch der Verteidigungsministerin ist der vorletzte Tagesordnungspunkt am Mittwoch – aber der mit der höchsten Aufmerksamkeit.

Es geht – mal wieder – um das Kommando Spezialkräfte (KSK). Ein Hauptmann, der gerade in der Elitetruppe der Bundeswehr seine Ausbildung macht, hat in einem Brandbrief an die Ministerin massive Kritik geübt. Auf insgesamt zwölf Seiten schildert er schwere Missstände in der Ausbildung. Da Beschwerden von der Inneren Führung unterdrückt oder verschleppt würden, wandte er sich direkt ans Ministerium.

„Toxische Verbandskultur“ im KSK

Seine Vorwürfe wiegen schwer. So ist in dem Brief, der der Berliner Zeitung vorliegt, von einer „toxischen Verbandskultur“ im KSK die Rede. Diese könne nur durch eine „vollständig externe Untersuchung und anschließender Reformierung“ der Einheit zerschlagen werden. Der Hauptmann berichtet außerdem von „rechtsextremen Tendenzen und Prägung durch vermutlich Rechtsextreme“ sowie einer kompletten Abhängigkeit der Auszubildenden gegenüber der Willkür von Vorgesetzten, die zu einer Art Kadavergehorsam führe. In eigener Sache beschwert sich der Soldat darüber, dass er trotz sehr guter Ausbildungsergebnisse wegen einer Privatangelegenheit aus dem KSK entlassen werden sollte, wegen „charakterlicher Nichteignung“. Dieses Merkmal, so der Verfasser des Briefes weiter, werde gezielt gegen Anwärter eingesetzt, die ihre eigene Meinung sagten und sich nicht an der „kollektiven Widerspruchslosigkeit“ beteiligten.

Der Brief ging Anfang Juni im Ministerium ein und war bereits Thema in der Arbeitsgruppe KSK, die Kramp-Karrenbauer schon zuvor berufen hatte und die im Juni bereits zweimal getagt hat. Anlass dafür war die Festnahme eines KSK-Soldaten im Mai. Der Elitesoldat, der im Umgang mit Sprengstoff trainiert war, soll ein privates Waffenlager angelegt haben. Der Taskforce, die Kramp-Karrenbauer daraufhin ins Leben rief, gehören neben Ministeriumsvertretern unter anderem die neue Wehrbeauftragte Eva Högl sowie der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Eberhard Zorn, an. Sie soll schnell Ergebnisse liefern: Die Verteidigungsministerin hat angekündigt, die Ergebnisse noch vor der Sommerpause vorzustellen.

Dem Verteidigungsausschuss gab Kramp-Karrenbauer am Mittwoch  einen Zwischenbericht. Nach Aussage von Teilnehmern erklärte sie, dass man den Brandbrief des Hauptmanns ernst nehme. Abgesehen von der Tatsache, dass die Bundeswehr Spezialkräfte brauche, werde im Bezug auf eine Reform des KSK alles infrage gestellt. Dabei steht auch im Raum, das Spezialkommando an einem anderen Ort anzusiedeln oder es direkt dem Verteidigungsministerium zuordnen.

„Das Kommando muss aufgelöst werden“

Der Soldat, der den Brandbrief geschrieben hat, arbeite nun in einer Arbeitsgruppe zur Aufarbeitung der Fälle am Standort des KSK im baden-württembergischen Calw. Der Sprecher der Linken im Verteidigungsausschuss, Tobias Pflüger, sieht das skeptisch. „Der KSK-Hauptmann hat in seinem Brief klargestellt, dass eine Aufarbeitung der Vorfälle im Kommando nur extern erfolgen kann und das sehen wir genauso“, sagte er der Berliner Zeitung. „Das Kommando muss aufgelöst werden.“

Ganz so weit wollen die anderen Mitglieder des Verteidigungsausschusses nicht gehen. Die verteidigungspolitische Sprecherin der FDP, Marie-Agnes Strack-Zimmermann, begrüßte es, dass nun mit „mit eiserner Hand“ durchgegriffen werde. „Das wird allerdings auch höchste Zeit“, so Strack-Zimmermann. Denn darin sind sich alle Experten einig: „Das KSK hat ein spezielles Problem“, wie es der SPD-Verteidigungsexperte Fritz Felgentreu ausdrückt. Der Militärische Abschirmdienst spricht von 20 Verdachtsfällen in der rund 1000 Mann starken Truppe. Nun müsse geprüft werden, ob es ein rechtes Netzwerk gebe, so Felgentreu.

Aufhorchen ließ die Abgeordneten in diesem Zusammenhang ein Hinweis, den Hauptmann J. in seinem Brandbrief gab. Er schreibt von „Vereinen oder privaten Firmen“, die im Bereich Ausbildung ein „Geflecht von Abhängigkeiten“ erzeuge und das von Dritten kaum durchdrungen werden könne. Man wird sehen, ob die Taskforce der Verteidigungsministerin hier Dunkel in die Sache bringen kann. Strack-Zimmermann verwies darauf, dass der im Mai festgenommene KSK-Soldat bereits seit drei Jahren unter Verdacht stand. Eine Zeugin habe aber ihre Aussage wieder zurückgezogen, weshalb man ihm bis zur Entdeckung seines Waffenarsenals nichts nachweisen konnte. „Ich hoffe sehr, dass nun auch Soldatinnen und Soldaten den Mut finden, ihr Schweigen zu brechen“, sagte Strack-Zimmermann der Berliner Zeitung. Der Brief des Hauptmannes sei in dieser Hinsicht ein gutes Zeichen, da zum ersten Mal jemand aus dem Inneren des Bundeswehr sein Schweigen breche.