Berlin - Von der Schulbank, hinters Gewehr – immer mehr Minderjährige fangen eine Ausbildung bei der Bundeswehr an. Mit über 1500 erreicht die Zahl einen neuen Höchstwert, wie das Verteidigungsministerium auf Anfrage der Linken mitteilt. Jugendliche können mit Einverständnis ihrer Eltern schon mit 17 Jahren bei der Truppe anfangen. Zu Auslandseinsätzen und Wachdiensten werden sie zwar erst mit 18 Jahren eingeteilt, aber  an Waffenübungen nehmen sie im Rahmen der Grundausbildung bereits teil.

„Die Forderung nach einem Rekrutierungsstopp für Minderjährige ist aktueller denn je“, sagte die Sprecherin für Demografiepolitik der Grünen im Bundestag, Doris Wagner, dieser Zeitung. Sie fordert die Rekrutierung von unter 18-Jährigen einzustellen. „Mit ihrer neuen Youtube-Serie wirbt die Bundeswehr derzeit nämlich ganz unverhohlen und offensiv um möglichst jugendlichen Nachwuchs. Aber Minderjährige haben in der Bundeswehr nichts verloren.“ Es sei absurd, dass man sich Sorgen darüber mache, welche Folgen Videospiele für die seelische Entwicklung von Jugendlichen hätten – und gleichzeitig würden die Bundeswehr Jugendliche an ganz realen Waffen ausgebildet werden.

Auch die Linke hält die Rekrutierung von Minderjährigen für einen „Skandal“, sagte der Abgeordnete Norbert Müller, ihr kinder- und jugendpolitischer Sprecher im Bundestag, der WELT. Das müsse aufhören, denn Schutzrechte von Kindern und Jugendlichen dürften nicht Vorrang vor militärischen Interessen haben. Die Linke verweist auf neuere Befunde der Hirnforschung, nach denen die Gehirnentwicklung junger Menschen erst zu Beginn der dritten Lebensdekade abgeschlossen sei. Deswegen will die Linke an diesem Donnerstag einen Antrag in den Bundestag einbringen, wonach die Rekrutierung von Minderjährigen sofort beendet werden soll.

Deutschland hat 2004 das Fakultativprotokoll „Beteiligung von Kindern an bewaffneten Konflikten“ zur UN-Kinderrechtskonvention  miterarbeitet und ratifiziert. Die Forderungen des internationalen Bündnisses „Coalition to Stop the Use of Child Soldiers“, dass Jugendliche unter 18 nicht angeworben, zwangsrekrutiert oder in Feindseligkeiten eingesetzt werden sollen, wurden dabei berücksichtigt. Die Mehrheit der UN-Staaten hat erklärt, auf die Einbeziehung von Minderjährigen in ihre Streitkräfte zu verzichten. Deutschland  lässt aber immer noch  Minderjährige zu. „Die Rekrutierung von Jugendlichen untergräbt den internationalen Kampf gegen den Einsatz von Kindersoldaten“, sagt Doris Wagner.  „Wie können wir von anderen verlangen, nur Volljährige zu Soldaten zu machen, wenn wir selbst uns nicht daran halten? Mit minderjährigen Rekruten macht sich Deutschland bei diesem wichtigen Thema einfach unglaubwürdig.“

Deswegen hatten die Grünen bereits 2011 eine kleine Anfrage an die Bundesregierung gestellt, in der die andauernde Rekrutierung von unter 18-Jährigen in Deutschland kritisch hinterfragt wird.

Die Bundesregierung begründet die Zulassung von 17-Jährigen damit, dass die Einbeziehung freiwillig erfolge, die Eltern ihre eindeutige Zustimmung geben müssen und eine umfassende Aufklärung über die Pflichten im Militärdienst stattfinde.

Im vergangenen Jahr haben mehr als 21.000 Personen ihren Wehrdienst bei der Bundeswehr angetreten, eine Gesamtzahl für 2016 gibt es noch nicht. Die 1500 Minderjährigen machten unter den neuen Rekruten mehr als sieben Prozent ihres Jahrgangs aus. Vor fünf Jahren, als die verpflichtende Wehrpflicht auslief, waren es dagegen nur rund 690 Minderjährige, die eine Ausbildung bei der Bundeswehr begonnen hatten.