KAHRAMANMARAS - Eigentlich hat er einen klaren Auftrag: die Zivilbevölkerung vor Raketen zu schützen. Spieß Thomas W. ist einer von 300 Bundeswehr-Soldaten, die zu einer Nato-Mission in der Südtürkei gehören. Allerdings interessieren ihn Angriffe aus Syrien gerade nicht. Sein aktueller Gegner ist ein Generator.

Der Generator steht auf dem Kies im improvisierten Werkstattbereich der Giza-Kaserne in Kahramanmaras, eine Plane schützt ihn vor dem Nieselregen. Thomas W. zieht die Plane herab und zeigt auf das defekte Getriebe. Er und seine Kameraden mussten den Generator schon mehrmals auseinanderschrauben. „Wir haben die Dinger aus Deutschland angekarrt, die laufen hier 24 Stunden am Tag. Ihr Verschleiß ist riesig“, sagt er mit Hamburger Akzent. Nein, nein, wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er einfach vor Ort welche gemietet, sagt er. Leistungsfähigere, die länger durchhalten. Doch allem Ärger mit der Technik zum Trotz: Eigentlich sind Thomas W. und seine Techniker-Kollegen froh, etwas zu tun zu haben. Denn der viel größere Gegner ist die Langeweile.

Die Soldaten sind Teil eines trinationalen, gut tausend Mann starken Kontingents in der Nähe der syrisch-türkischen Grenze. Die Türkei hatte im vergangenen November um den Schutz durch Patriot-Raktetenabwehrsysteme gebeten. Im Dezember stimmte der Bundestag dem Einsatz zu (wir berichteten), im Januar traf die erste Ausrüstung der Nato-Soldaten im Hafen von Iskenderun ein. Neben den deutschen Soldaten in Kahramanmaras haben US-Truppen im südlicheren Gaziantep und niederländische Einheiten im weiter westlichen gelegenen Adana Quartier bezogen.

Marcel K. und Christoph K. sind gerade mit einem Auftrag von Thomas W. beschäftigt. Vor ihnen ragt eine flache, zweiteilige Fahrzeugrampe aus dem Matsch, die sie gegossen haben, daneben steht ein Fahrzeug ohne Räder, auf Steinen aufgebockt. Den Zement für die Rampe haben die beiden jungen Soldaten selbst bezahlt. Noch kleben Holzbretter an den Rändern; dass sie heute die Verschalung abnehmen können, ist ein kleiner Höhepunkt ihrer Woche. Das sagt jedenfalls ihr Vorgesetzter Thomas W.

Die Operation „Active Fence“ in der Türkei verläuft bisher ruhig und sorgt doch für Schlagzeilen. Im März veröffentlichte Hellmut Königshaus, der Wehrbeauftragte der Bundesregierung, einen Bericht, in dem er die Einsatz-Bedingungen der deutschen Soldaten kritisierte. Es gebe nicht genug Unterkünfte auf dem Kasernengelände, das sich die Bundeswehr mit einem türkischen Artillerie-Trupp teilt. Die Soldaten könnten das Lager kaum verlassen und vor allem die sanitären Anlangen seien unzumutbar. Bald machte das Wort von der „Toiletten-Krise“ die Runde. Der Einsatz, der als Solidaritätsbeweis gedacht war, schien die Beziehungen zwischen der Türkei und Deutschland ernsthaft zu gefährden.

Die Affäre Dixi-Klo

Das Wetter ist schlecht heute, es nieselt, und dichter Nebel verdeckt die Raketenwerfer auf dem Hügel. Thomas W. führt durch sein kleines, matschiges Werkstatt-Reich: Dort komme der Waschcontainer hin, da hätten sie sich eine Tischlerei eingerichtet. Dabei läuft er auf eine blaue Toilettenbox am Eingang zu. „Die legendären Dixi-Klos!“, sagt er, etwas genervt. Klar, es habe Probleme gegeben, aber vieles davon sei vereinzeltem „persönlichen Empfinden“ zu verdanken gewesen. Und überhaupt: In Afghanistan hätten sie an manchen Standorten ihre Fäkalien sogar verbrennen müssen.

Der Einsatz in der Türkei ist so zu einem Sinnbild für die unentschlossene, uneinheitliche Syrien-Politik der Nato-Staaten geworden: Man muss über Toiletten reden, sollte aber eigentlich eine gemeinsame Strategie entwickeln. Denn die politischen Unterschiede zwischen den Nato-Partnern sind groß. Der türkische Premierminister Tayyip Erdogan begann schon 2011, die syrischen Rebellen im Alleingang zu unterstützen. Die Türkei förderte die Bildung des oppositionellen Syrischen Nationalrates, gewährt Rebellengruppen Schutz und lässt Waffentransporte an die Aufständischen über ihr Staatsgebiet zu.

Bei ihren Bündnispartnern warb die Türkei für die Einrichtung einer Flugverbotszone in Nord-Syrien. Aber Erdogan konnte sich nicht durchsetzen. Wenigstens seiner Bitte nach Patriot-Systemen kamen die anderen Nato-Staaten nach, wenn auch nicht in vollem Umfang. Um die ganze türkisch-syrische Grenze zu schützen, hatte Erdogan um 20 Patriot-Batterien gebeten. Die seien nicht alle verfügbar, erwiderte daraufhin die Nato. Nur sechs Batterien wurden in die Türkei verlegt.

Hunderte Kilometer Grenze zwischen Syrien und der Türkei sind nicht geschützt. Aus dem Brüsseler Nato-Hauptquartier heißt es, dass die Patriot-Länder, die Türkei und Nato-Offizielle „die Standorte gemeinsam ausgesucht haben, basierend auf einer militärischen Einschätzung, Bedrohungsszenarien inklusive“. Dabei sei es darum gegangen, einen möglichst großen Bereich zu schützen; eine Rolle hätten auch örtliche Gegebenheiten wie bereits vorhandene Armeebasen gespielt.

Im Klartext: Die Nato schützt jene vergleichsweise dicht besiedelten Regionen, die Assad vermutlich als erstes angreifen würde. Die anderen Orte in Reichweite der syrischen Raketen bleiben sich selbst überlassen, darunter Diyarbakir, eine 850?000-Einwohner-Stadt. „Die Nato hatte nie die Absicht, die komplette Grenze zu Syrien zu sichern“, sagt Ottfried Nassauer vom Berliner Informations-Center für transatlantische Sicherheit. „Es ging lediglich um Symbolpolitik – verbunden mit der Hoffnung, dass sich die Türken danach mehr mit der Nato absprechen.“

Marcus Ellermann ist der Kommandant der deutschen Truppen. Er kann zwar nichts an der großen Politik ändern, aber wenigstens die Lage vor Ort kann er entschärfen. Er hat ein offenes Lächeln und einen beruhigenden Tonfall. Er wirkt wie ein Diplomat, nicht wie ein Krieger, das macht ihn zu einer guten Besetzung für diesen militärisch ereignislosen, aber militärpolitisch unerwartet brisanten Einsatz. Denn nachdem auch die türkische Öffentlichkeit mitbekommen hatte, dass in Deutschland vor allem über Toiletten geredet wird, waren viele Türken etwas pikiert. Da ging Ellermann einfach mit türkischen Journalisten ein Ziegenmilch-Eis essen und ließ sich am Ende fotografieren. Und schon war die türkische Öffentlichkeit wieder besänftigt.

Kommandant Ellermann zeigte damit genau das, was sein Soldat Thomas W. fordert: ein bisschen mehr Gelassenheit und Empathie. In einer Ecke der Werkstatt haben sich die Soldaten ein kleines Stück Deutschland, einen Freizeitbereich gebaut, mit Discokugel an der Decke, mit Beamer, Biergarten-Mobiliar und Flaggen ihrer Heimatregionen. Thomas W. setzt sich dort an einen der Tische und trinkt den vierten Tee in einer Dreiviertelstunde.

Wenn er sich einen neuen Tee bestellt, benutzt er immer das türkische Wort dafür: Çay. „Die interkulturelle Kompetenz kommt mit der Zeit“, sagt er. Schließlich habe gerade einmal jeder siebte der Soldaten hier Erfahrungen mit Auslandseinsätzen. Für die Patriot-Einheiten ist es der erste Einsatz überhaupt. Thomas W. war selbst in Afghanistan und hat dort gelernt, dass Rücksicht wichtig ist: „Man kann halt nicht wie die Schwiegermutter ins Haus kommen und mit dem Finger unter der Matratze entlang wischen. Wir sind hier ja auch Gäste.“

Erdogan hat die deutschen Gäste mit einem Ziel eingeladen: den Konflikt zu globalisieren und seine westlichen Bündnispartner zum Schwur in Sachen Syrien zu zwingen. Das vermuten jedenfalls Beobachter wie Markus Kaim und Günter Seufert von der Stiftung für Wissenschaft und Politik. Ein bisschen Erfolg hatte Erdogan damit. Zwar werden sie keine Flugverbotszone einrichten, aber die USA haben ihre Hilfe für die Rebellen erhöht. Großbritannien und Frankreich wollen nach Auslaufen der EU-Sanktionen Waffen an die Aufständischen liefern. Der Bürgerkrieg in Syrien könnte dann noch unübersichtlicher werden.

Aber zumindest das, was im syrischen Luftraum geschieht, können die Patriot-Soldaten überblicken. Bei ihnen laufen die Informationen von mehreren zusammengeschalteten Nato-Radarschirmen zusammen. In Zwölf-Stunden-Schichten beobachten jeweils drei Soldaten das Radar. Tagsüber sähen seine Soldaten, wie eine Rakete abgeschossen wird, meistens in Damaskus, sagt Marcus Ellermann. Die Fernsehnachrichten am Abend zeigen dann, was die Rakete angerichtet hat. „Es gibt Leute, die sagen, dass das hier gar kein richtiger Einsatz sei, weil nicht geschossen wird. Die haben gar nichts kapiert“, sagt der Kommandant. Es brauche „volle Konzentrationsbereitschaft“.

Die jetzige Aufstellung der Batterien schützt jedoch noch nicht einmal, wie von der Nato verkündet, den größtmöglichen Bereich. Gut 70 Kilometer ist die maximale Reichweite der von allen Ländern eingesetzten Patriot-Raketen laut dem Datenblatt der Bundeswehr. Und das auch nur gegen Flugzeuge. Die Städte Antakya und Sanliurfa würde die Patriot-Abwehr demnach nicht erreichen. Zumindest eine der beiden Städte hätte man durch eine andere Aufstellung entlang der Grenze, insbesondere der deutschen Batterien, zusätzlich schützen können. Schließlich sagt Ellermann selbst: „Wir schießen nicht zuerst.“ Die US-Truppen stünden bei den gängigen Angriffsrouten vor den Deutschen. Nur bei Attacken aus Südosten wären die Deutschen wohl als Erstes mit der Abwehr dran. Wie genau die Nato die Standorte ausgewählt hat, wollte diese aber nicht mitteilen.

Die Abfangjäger kommen näher

Marcus Ellermann sagt auch: „Wir Deutschen können technisch nicht nach Syrien hineinschießen.“ Glaubt man allerdings militärtechnischer Fachliteratur, können die Deutschen es doch. Dort wird die Reichweite der von der Bundeswehr und den anderen beiden Ländern verwendeten Raketen des Typs Pac-2 mit 160 Kilometer gegen Flugzeuge angegeben. Die Trefferwahrscheinlichkeit sinke dann aber enorm, sagt der Kommandant.

Im Mandat des Bundestags steht explizit: „Die bodengebundene Luftverteidigung wird nicht in den syrischen Luftraum hineinwirken.“ Ellermann muss also nicht darüber spekulieren, wie weit die Trefferwahrscheinlichkeit sinkt. Denn die deutsche Regierung betont immer wieder, dass der Einsatz eine rein defensive Maßnahme sei. Zur Beruhigung der Abgeordneten sicherte der Verteidigungsminister Thomas dé Maiziere dem Verteidigungsausschuss mündlich zu, dass dieser konsultiert werde, sollten die Bundeswehr-Truppen näher an die syrische Grenze rücken.

Entscheidend dürfte jedoch nicht sein, was die Deutschen sagen, sondern wie das Regime den Nato-Einsatz auffasst. Assads Flugzeuge flögen seit der Stationierung der Patriot-Batterien „in regelmäßigen Abständen“ auf die Grenze zu, berichtet Marcus Ellermann. Abfangjäger stiegen auf und erst kurz vor türkischem Gebiet würden die Syrier dann wieder abdrehen. „Sie testen unsere Alarmreaktion“, sagt Ellermann dazu. Das ist eine militärisch korrekte Beschreibung durch den Kommandanten. Das politische Signal ist allerdings ein anderes: Assad zeigt damit in regelmäßigen Abständen den Nato-Truppen den Mittelfinger.

Es ist inzwischen Mittag, der Regen hat aufgehört. Hundert Meter Luftlinie von Ellermanns Büro entfernt, schreiten die beiden Soldaten Marcel K. und Christoph K. von der Instandhaltung zum Vollzug des Tageshöhepunktes. Sie gehen zu ihrer Fahrzeugrampe und heben, einer links, einer rechts, die Holzverschalung weg. Der Beton ist trocken, die Rampe fast fertig. Nur am Mittelteil müssen sie noch ein bisschen arbeiten. Marcel K. war zweimal in Afghanistan eingesetzt. Er hat die dortigen Sicherheitskräfte trainiert. Später sagt er: „Das war besser. Da hatte man was zu tun.“