Es ist nicht zu fassen: In keinem Amt, keiner Behörde, keiner Firma wäre denkbar, dass über Monate Frauen gezielt eingeschüchtert und gemobbt werden – und die Vorgesetzten das dulden. Unvorstellbar, dass Auszubildende routinemäßig misshandelt und sexuell gedemütigt werden – und fast keiner von ihnen Anzeige erstattet oder es sofort öffentlich macht. Bei der Bundeswehr ist all das möglich, wie die jetzt aufgedeckten Vorgänge in der vermeintlichen Elite-Kaserne Pfullendorf beweisen.

Das ist der erste Teil des Skandals. Er zeigt, dass die Armee auch mehr als 60 Jahren Einbindung in die Demokratie Korpsgeist und Kadavergehorsam noch nicht überall überwunden hat. Und dass die Integration von Frauen in eine Berufsarmee auch unter einer weiblichen Ministerin kein Selbstläufer ist.

Sexuelle Belästigung an der Tagesordnung

Der zweite Teil des Skandals aber besteht darin, dass selbst diese weibliche Ministerin nicht verstanden hat, dass der soldatische Ungeist nur offensiv bekämpft werden kann. Gerade beklagte der Wehrbericht, dass nach wie vor zu wenige Frauen nach der Ausbildung Berufssoldatin werden wollen und erkennt als einen Grund sehr zu recht, dass Mobbing und sexuelle Belästigung immer noch an der Tagesordnung sind.

Wenn aber die Bundeswehrführung einen Skandal wie in Pfullendorf und die zwingend nötigen Strafen monatelang als Geheimsache behandelt – wie sollen dann die Opfer, wie sollen Soldatinnen insgesamt spüren, dass es sich lohnt, aufzuschreien? Dass sie gehört und die Taten aktiv verurteilt werden – nicht erst, wenn sie versehentlich herausdringen?

Nein, ein solches Signal hätte von ganz oben kommen müssen: schnell und ungefragt.