Rom - Eine opulente Tafel mit roter Brokatdecke, die Stühle mit Stoffhüllen und gelben Seidenschleifen bezogen, goldgerahmte Gemälde, Engelsfiguren auf dem offenen Kamin – das Esszimmer, oder besser der Bankettsaal in Silvio Berlusconis Privatvilla in Arcore bei Mailand sieht aus wie der neureiche Traum von einer Adelsresidenz.

Erstmals hat der italienische Privatsender Canale 5 in einer zweistündigen Sondersendung zum „Fall Ruby“ am Sonntag Bilder der Räume gezeigt, in die der 76-jährige Medienzar und Ex-Ministerpräsident ganze Heere junger hübscher Frauen einlud. Zu „eleganten Abendessen, bei denen nichts Unnormales oder Unanständiges passierte“, wie er in der Sendung sagte. Im Anschluss hätten die Gäste im Sandstein-Kellergewölbe mit weißen Designersesseln und Diskokugel tanzen können.

Wegen Steuerbetrugs verurteilt

Die italienische Justiz sieht das anders: Es waren Sex-Partys mit minderjährigen Prostituierten, sagt sie nach mehr als zweijährigen Ermittlungen, für die hunderte Zeugen befragt wurden. Berlusconi soll nach dem Willen der Staatsanwaltschaft wegen Sex mit einer minderjährigen Prostituierten für sechs Jahre ins Gefängnis, weil er bei den „Bunga-Bunga-Partys“ Sex mit der damals 17-jährigen marokkanischen Nachtclubtänzerin Karima El-Mahroug, genannt Ruby, gehabt haben soll. Außerdem forderte die Anklage am Montag in Mailand, dem 76-jährigen Medienunternehmer auf Lebenszeit das Bekleiden öffentlicher Ämter zu untersagen.

Berlusconi war erst kürzlich wegen Steuerbetrugs in zweiter Instanz zu vier Jahren verurteilt worden. Wenn in Kürze der Richterspruch im Ruby-Fall kommt, könnte es eng werden – auch für die Koalitionsregierung von Enrico Letta, deren wichtigster Partner Berlusconi ist.

Jetzt hat Berlusconi eine Kampagne gegen die Justiz gestartet, bei der er alle Mittel nutzt. Am Samstag rief er seine Partei Volk der Freiheit zu einer Solidaritätskundgebung nach Brescia. Man wolle ihn gezielt aus dem Weg räumen, aber man könne nicht verhindern, dass Millionen Italiener ihn an der Spitze der Partei wollten, verkündete er.

Am Sonntagabend folgte dann die „Dokumentation“ auf Canale 5, einem der meistgesehenen Sender Italiens – und Teil von Berlusconis Konzern Mediaset. „Der zwanzigjährige Krieg – Ruby, letzter Akt“, lautete der Titel, in Anspielung auf den vermeintlichen Krieg der Staatsanwälte gegen Berlusconi.

"Was kann bei einem Abendessen schon passieren?"

Zum Auftakt kommen seine Anhänger zu Wort – „ein großer Mann“, „ein Verfolgter“ –, dann werden die Bilder aus der Villa gezeigt, schließlich beantwortet der auf einem geblümten Sofa sitzende Hausherr Fragen eines vermeintlich kritischen Journalisten. Etwa die, was im Ess-Saal genau passiert sei. „Was kann bei einem Abendessen schon passieren?“, antwortet Berlusconi lächelnd. „Ich war Mittelpunkt des Tischs, habe über Politik und Fußball geredet, Witze gemacht, französische Lieder vorgetragen“.

Ruby habe an einem dieser Abende ihr ergreifendes Schicksal geschildert, als Muslimin, die zum christlichen Glauben übergetreten und von ihrer Familie misshandelt und verstoßen worden sei. Mehrere Gäste seien zu Tränen gerührt gewesen. „Ich bot mich an, ihr zu helfen.“ Ob er Sex mit Ruby hatte? Nein, das sei ja schon deshalb unmöglich gewesen, weil die junge Frau Mitleid erregte. Er habe ihr schließlich 56.000 Euro gezahlt, weil sie einen Schönheitssalon eröffnen wollte: „Ein Akt der Großzügigkeit.“

Auch Ruby gibt ein Interview, die langen Haare brav zurückgebunden. Ja, sie habe Lügengeschichten erfunden, etwa, dass sie die Enkelin des ägyptischen Präsidenten Mubarak sei. Aber sie habe nie Sex mit Berlusconi gehabt. „Prostitution verstößt gegen meine Grundüberzeugung.“ Bekannte Bilder von Ruby, genannt die Herzensbrecherin, auf denen sie knapp bekleidet mit älteren Herren tanzt, bekommen die Zuschauer nicht zu sehen. Auch erfahren sie nicht, dass Berlusconi fast allen jungen Frauen, die an den „harmlosen Abendessen“ teilnahmen, laut Ermittlungen die Wohnungen zahlte.

Stattdessen spricht der Moderator von einem „fast krankhaften Interesse“ der Staatsanwälte am Privatleben Berlusconis und von der „krampfhaften Suche nach einem Verbrechen, das es laut Ruby nie gab“. Eine Berlusconi-kritische Zeitung kommentierte am Montag, die Sondersendung habe an Propaganda des Sowjet-Regimes aus der Zeit vor Breschnew erinnert.