Sabine Rennefanz
Foto: Maurice Weiss/ Ostkreuz

Berlin„Cancel Culture“ – so nennt man heute den Versuch, bestimmte Personen abzusetzen, zu boykottieren oder aus dem öffentlichen Raum zu verbannen. Das gab es alles schon mal nach der Wende. Da sprach man aber nicht von „Cancel Culture“.

Als in den vergangenen Tagen so leidenschaftlich über die Umbenennung von Straßen und U-Bahnhöfen gestritten wurde, habe ich mich daran erinnert, wie nach der Wende überall Straßennamen verschwanden, Statuen abgebaut und Lenin-Köpfe im Brandenburger Sand verbuddelt wurden. Gab es damals auch so große Diskussionen wie heute? Wurden die Namen der Kommunisten, die damals verschwinden mussten, ähnlich verteidigt wie heute die der Kolonialherren?

Ich war Anfang der Neunziger Schülerin in Eisenhüttenstadt, und ich erinnere mich, wie die halbe Stadt umbenannt wurde. Überall tauchten 1991 neue Schilder auf. Das ging ganz schnell, nach meiner Erinnerung ohne Widerstand oder Diskussionen.

Ich rufe die Architektin Gabriele Haubold in Eisenhüttenstadt an, sie arbeitete lange als Stadtplanerin, ist eine große Kennerin der Geschichte. In der Stadtverordnetenversammlung und in den Fachausschüssen habe es zahlreiche Debatten gegeben, erinnert sie sich. Es ging um eher praktische Fragen, die neuen Namen, die Größe der Straßenschilder. Nicht um die große Frage, ob es richtig sei, die Helden des untergegangenen Landes auch noch verschwinden zu lassen.

So wurde aus der Leninallee die Lindenallee, aus dem Marchlewskiring der Brunnenring und aus der Straße des Komsomol die Saarlouiser Straße. Man habe versucht, möglichst wenige Straßen nach Personen zu benennen, erinnert sich Gabriele Haubold. Mit den Helden war man vorsichtig geworden. Vor allem die Namen von Sozialisten und Kommunisten mussten weichen, auch wenn sie mit der DDR nichts zu tun hatten. Näher beschäftigt habe man sich aber mit den Personen und ihren Geschichten nicht.

Es geht gar nicht darum, dass ich an der Leninallee hänge oder Lenin hochjubeln will. Es geht mir eher um den Umgang mit Geschichte. Welche Geschichte ist es wert, dass man sie stehen lässt und sich mit ihr beschäftigt? Woher kommt der Drang, bestimmte Irrtümer der Geschichte zu säubern?

Eisenhüttenstadt war die erste sozialistische Modellstadt: eine Industriestadt, eine Arbeiterstadt, eine ideologische Stadt, auf deren Alleen man marschieren sollte. Indem die ursprünglichen Namen verschwanden und mit Allerweltsnamen ersetzt wurden, Linden, Brunnen, Post, wurde dem Ort ein Teil seiner Geschichte genommen. So ging das nach der Wende landauf, landab, in jeder Stadt, jedem Dorf.

Manches erscheint im Rückblick willkürlich: In Berlin wurde die Clara-Zetkin-Straße zur Dorotheenstraße, in Eisenhüttenstadt gibt es bis heute eine Clara-Zetkin-Straße. Der Kommunist Fritz Heckert blieb auf dem Schild, sein Mitstreiter John Schehr – Stellvertreter von Ernst Thälmann – wurde  als Namensgeber ausgemerzt. 

Neulich war ich im Informationszentrum der Bundeswehr in Strausberg, im ehemaligen Tagungszentrum des DDR-Verteidigungsministeriums also. Dort traf ich im Foyer auf Marx, Engels, Lenin – auf einem Wandrelief. „Es geht um die Erde ein rotes Band“, heißt es. Ein Offizier erzählte mir, dass es bis in die 2000er-Jahre mit einem Tuch abgehängt war. Erst ein neuer Kommandant – ein Westdeutscher übrigens – ließ es restaurieren und eine Erklärtafel über die Geschichte des Hauses anbringen.