Pfannkuchen- und Waffelteig der Marke Aunt Jemima. Name und Bild stehen für ein unzeitgemäßes Stereotyp und sollen jetzt weichen. 
Foto: Imago images/David Becker 

BerlinIn den letzten Wochen musste ich öfter an eine Assemblage der Künstlerin Betye Saar denken. Sie heißt „The Liberation of Aunt Jemima“ und stammt aus dem Jahr 1972. Glaubt man Angela Davis, einer der Protagonistinnen der US-Bürgerrechtsbewegung, war das Kunstwerk in den 70er-Jahren der Grund für den Ausbruch der schwarzen US-Frauenbewegung. Das Signature Piece der heute 93-jährigen Saar zeigt eine rassistische Karikatur: das Bild der fülligen schwarzen Plantagenmagd Jemima. In den Originaldarstellungen hält sie Block und Bleistift in den Händen oder schwingt eine Schöpfkelle in eine große Schüssel – in Saars Assemblage dagegen hält sie eine Handgranate und ein Gewehr.

Jemimas charakteristisches Lächeln, das – ganz ähnlich dem der „Mammy“-Figur im Film „Vom Winde Verweht“ – über Jahrzehnte hinweg zum Inbegriff der Dienstbarkeit und Komplizenschaft im Schlagschatten der Sklaverei geworden war, verleiht Saar in ihrem Werk eine diametral andere Bedeutung. Das Bild ist auch deshalb so einprägsam, weil Saar den rassistischen Blick auf Jemima nicht ausradiert, sondern wie in einer Momentaufnahme zur Erstarrung bringt, die Bedeutung aber subtil in ihr Gegenteil verkehrt. Die Zeit- und Blickebenen fließen ineinander: Das Kunstwerk beschwört das gewaltvolle Erbe der Vorfahren der Künstlerin sowie die widerständige Zukunft der dargestellten Figur.

Bekannt wie der Junge vom deutschen Zwieback

Heute ist es ein Fall für die „Cancel Culture“. In den USA ist das Lächeln von Jemima mindestens so bekannt wie in Deutschland der rotbäckige Zwiebackjunge der Marke Brandt. Seit 131 Jahren prägt ihr Gesicht die Pfannkuchen-Marke Aunt Jemima. Das soll sich jetzt ändern: Ähnlich wie die Country-Frauenband Chicks, die wegen der Debatte um Alltagsrassismus die Südstaatenbezeichnung „Dixie“ aus dem Bandnamen strichen, oder die Reismarke Uncle Bens, die ankündigte, ihren Namen zu ändern, beschloss auch Quaker Oats, der Konzern, dem Aunt Jemima gehört, Jemimas Bild von der Marke zu nehmen.

Keine Frage: Die Darstellung von Jemima ist rassistisch. Sie beschönigt den imaginierten Archetyp einer sich kümmernden schwarzen Kindermagd in Knechtschaft. Fragwürdig ist, ob es sich bei dem Update der Firma um einen aufrichtigen Versuch historischer Aussöhnung handelt oder nicht eher um einen kosmetischen Akt, durch den sie sich des Erbes entledigen will, das sie selbst prägte.

Das Beispiel illustriert eine Schwachstelle der „Cancel Culture“: Das Auslöschen ist eben nicht immer das Ergebnis historischen (oder moralischen) Lernens. Oft kommt es eher als medienwirksamer Reflex daher. Wie das impulsive Drücken der Escape-Taste nach dem Aufploppen einer Internetseite, die einem peinlich ist – ohne groß nachzudenken, woher die Scham eigentlich rührt.

Überhaupt, vielleicht wäre „Escape Culture“ ja der bessere Begriff. So ein Escape-Reflex kann zwar positive Effekte haben, wenn Gesellschaften sich dadurch menschenverachtender Symboliken entledigen. Heuchlerisch wirkt er jedoch, wenn er sich nicht mit deren Genese auseinandersetzt oder dem Ziel entspringt, jener Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen.

Ich glaube zwar nicht, dass man eine Statue wie die von Edward Colston braucht, um Sklavenhandel und Kolonialismus zu verstehen, oder, zur Abrundung des Arguments, eine Hitler-Statue fürs Verständnis des Holocaust. Dennoch: Manche der Canceling-Akte wirken, als würde ein Angeklagter verurteilt, vielleicht auch seines Ansehens beraubt, letztlich aber auf freien Fuß gesetzt. Die „Cancel Culture“ als „Escape Culture“ umgibt eine Aura mangelnder Konsequenz.

Konzerne wie Nike nutzen Symbolbilder

Etwas Ähnliches lässt sich auch umgekehrt beobachten: Konzerne versuchen, durch antirassistische Symbolakte ihr Image aufzuwerten. Dass der Zeitgeist schon länger in Richtung Diversität kippt, antizipieren eben längst nicht mehr nur Linke und Liberale. Das vielleicht bekannteste Beispiel ist Nike, der Schuhkonzern, der den antirassistischen Kniefall des NFL-Stars Colin Kapernick 2018 demonstrativ zu Werbezwecken nutzte und so sicher auch die darin liegende Botschaft verstärkte.

Gleichzeitig scheint Nike kein Problem damit zu haben, seine Schuhe in Entwicklungsländern von Arbeitern in Sweatshops zusammenflicken zu lassen. Oder, lokaler gesprochen, die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), die mit ihrem Vorstoß zur Umbenennung des U-Bahnhofs Mohrenstraße zwar ein antirassistisches Signal setzten. Mit ihrem vorschnellen Alternativ-Vorschlag Glinkastraße bewies die BVG aber auch ihr fehlendes Fingerspitzengefühl für das Thema.

Was all den Diskussionen um Bilderstürme, Schilderstürme und TV-Programmänderungen gemein ist, darin wie in einem Spiegelkabinett hell aufleuchtet und dennoch zu wenig beachtet wird, ist die komplexe Dialektik von Sprache und Gewalt. „Es wird jetzt so viel davon geredet, die Gesinnung des Faschismus auszurotten“, schrieb der Philologe Victor Klemperer 1947 in seiner Abhandlung zur Sprache des Dritten Reichs „LTI“, kurz nach dem Sturz des Nationalsozialismus, „es wird auch viel dafür getan. Kriegsverbrecher werden gerichtet, Hitlerplätze und Göringstraßen umbenannt, Hitler-Eichen gefällt.“

Die Sprache des Dritten Reichs aber, so lautete die Kernthese von „LTI“ (für Lingua Tertii Imperii – Klemperer ironisierte damit den Rom-Fimmel wie die Abkürzungenmanie der Nazis) überlebte letztlich nicht in Form von Straßennamen oder Symbolen, sondern in unbewusst und wie mechanisch übernommenen, scheinbar unmerklichen Ausdrücken. Diese Ausdrücke, so Klemperer, waren das eigentlich stärkere Propagandamittel der Nazis gewesen. Sprache lässt sich aber eben nicht so leicht „stürzen“. Sie war den Deutschen in der Nazizeit in Fleisch und Blut übergegangen.

Präzision ist keine „politische Korrektheit“

Was wäre die Klemperer'sche Alternative zur reduktiven „Cancel Culture“? Eine Ausweitung der Kampfzone? Eine grundlegende, von „wokeness“ getragene Neubewertung der Begrifflichkeiten, mit denen wir über Themen wie „race“ sprechen? Eine Strukturreform unseres Weltzugangs? Dagegen spricht, dass wir nicht wie in Zeiten Klemperers am Ende einer Diktatur stehen, die einer semantischen „Säuberung“ bedarf. Überhaupt sind es manchmal die Ambivalenzen der Sprache und Zeichen – das Differenzielle, nicht moralisch Kodierte in Kunst wie Literatur – , an denen sich Neues entzündet.

Dafür spricht allerdings auch viel: etwa schlicht, dass es längst überfällig ist. Die Forderung nach sprachlicher Präzision in Bildern, Gesten, Worten – ob in Kinos, Theatern oder in der Literatur –, von rechts wie links oft gedankenfaul als „politische Korrektheit“ abgetan, ist kein neues Phänomen. Sie wird nur seit einigen Jahren mit einer neuen Kraft und Vehemenz vorgetragen.

Es ist dieselbe Vehemenz, die zuletzt 150 Intellektuelle in einen bewusstseinstrüben Zustand versetzte, in dem sie einen Angriff auf freie Rede oder gar Zensur am Horizont heraufziehen sahen. Forderungen nach sprachlicher Präzision sind aber nicht allein Ausdruck einer buchhalterisch-identitätspolitischen Agenda. Sie entspringen auch dem Widerstand gegen eine Welt, in der Populisten und Nationalisten das „anything goes“ der Postmoderne für sich beanspruchen und effektiv gegen Minderheiten in Anschlag gebracht haben – und in der sich das gesellschaftliche Klima sukzessive nach rechts verschiebt.

Insofern könnte eine „Cancel Culture“, die sich mit dem, was sie „cancelt“, auch auseinandersetzt, zu einem Vortasten nach einem neuen politischen Bewusstsein beitragen. Immerhin: Was dieser Tage in den USA geschieht, knapp 400 Jahre, nachdem im Hafen von Virginia die ersten Sklavenschiffe einliefen, hätte vor wenigen Monaten kaum jemand für möglich gehalten. Selten zuvor hatte der weiße US-Mainstream eine so hohe Aufmerksamkeit für Rassismus. So ein Bewusstsein ist auch in Deutschland überfällig.

Und wie könnte so eine Auseinandersetzung aussehen? Vielleicht müssten wir zuallererst aufhören, die Vorstöße und Fragen, die die „Cancel Culture“ aufwirft, wiederum reflexhaft abzuwehren. In der Diskussion um die Mohrenstraße wurde seitens der Umbenennungs-Gegner etwa immer wieder auf den semantischen Kern des Begriffs „Mohr“ verwiesen. Der Straßenname habe Afrikaner in Berlin symbolisch emanzipiert, schrieb Götz Aly. Andere verwiesen auf den Philosophen Anton Wilhelm Amo, von Mohrenstraße-Gegnern als alternativer Namenspate empfohlen und selbst aus Ghana stammend. In seinem Hauptwerk sprach Amo von der „Rechtstellung der Mohren“. Amo liefere damit – er sagt’s ja selbst! – einen „schönen Ehrenbeweis“ für die Verwendung des Wortes.

Das Problem mit solchen Argumenten liegt im Ausblenden der komplexen Dynamik von Sprache. Auch James Baldwin sprach in den 60er-Jahren von „Negroes“; dennoch würden das N-Wort unter Weißen heute wohl nur noch beinharte Rassisten verwenden. Als angeeignete Selbstbezeichnung ist es heute fast ausschließlich in schwarzem Slang und schwarzer Popkultur zu Hause. Sprache ist eben kein in Stein gemeißeltes Monument. Sie ist ein schillerndes Prisma, das stets neue Bedeutungen generiert und das sich wandelnde Selbstverständnis einer Gesellschaft reflektiert.

Viele Wörter der LTI – wie „fanatisch“, „Sonderbehandlung“, „Heldentum“ etc. – wurden übrigens ebenfalls nicht erst von den Nazis erfunden, aber, so argumentiert Klemperer, während der Nazizeit auf eine Weise vergiftet, dass sie später kaum oder nur schwer zu ihrer „alten“ Bedeutung zurückfinden konnten.

Selbst wenn man also unbedingt darüber spekulieren will, ob das Wort „Mohr“ irgendwann einmal nicht böse gemeint war: Mindestens ignorant ist seine Verwendung seit der Kolonialzeit. Immerhin wurden auch in deutschen Kolonien Menschen, die dieser Begriff bezeichnet, versklavt. Und ein großer Teil derer, die er noch heute bezeichnet – schwarze Menschen eben –, sehen sich von ihm angegriffen. Dass insbesondere der letzte Punkt in Diskussionen oft hintangestellt wird, lässt sich nur sehr schwer nachvollziehen.

Ein Quiz fürs gute Gewissen

Die Umdeutung rassistischer Worte und Symboliken könnte ein Stein des Anstoßes sein. Dabei braucht man sich nicht vorzumachen, dass der kulturelle Kanon sich von jedweder Irritation „reinigen“ ließe. Oder dass das erstrebenswert ist. Das New Yorker Magazin versinnbildlichte die im Absolutionsstreben der Cancel Culture liegende Absurdität kürzlich in einem zwölf Fragen umfassenden Quiz –„Sollten Sie sich selbst canceln?“ überschrieben. Dabei kann man Punkte sammeln, die dann entscheiden, ob man cancel-würdig ist.

Das geht etwa so: „Vor kurzem haben Sie einem PoC-Freund, mit dem Sie seit Jahren nicht mehr gesprochen hatten, eine Nachricht geschickt und gefragt: ‚Wie geht es dir?‘ – 10 Punkte. (Wenn Sie dafür ein Emoji verwendet haben, das dunkler ist als Sie selbst: nochmal 10 Punkte).“ Oder so: „Sie gehen zu urbanen Protesten, um Fotos und Videos mit jüngeren, cooleren, multikulturellen Menschen zu machen, die normalerweise niemals mit Ihnen abhängen würden. 10 Punkte.“ Und: „Sie sind eben nicht zusammengezuckt, als Sie die Worte ‚urban‘ oder ‚multikulturell‘ gelesen haben. 20 Punkte.“ Am Ende des Quiz kann man sein persönliches Ergebnis überprüfen: „0–10 Punkte: Vielleicht haben Sie eine Zukunft als Sensibilitätsberater. / 11–30 Punkte: Treten Sie von den sozialen Medien zurück. / 31–60 Punkte: Wenn Sie jetzt das Land verlassen, haben Sie vielleicht noch eine Karriere. / 61+ Punkte: Warum sind Sie immer noch hier?“ Ich selbst komme übrigens auf 30 Punkte. Der darin liegende Witz verweist natürlich auf das apodiktische Klima der Polarisierung, das sich unter anderem in sozialen Medien breitmacht. Gleichzeitig liegt in dem Frage-Antwort-Spiel aber auch eine Prise entlarvender Wahrheit.

Die Veränderung von Sprache ist ein Prozess, der Jahre oder Jahrzehnte in Anspruch nehmen wird und etwas voraussetzt, das soziale Medien geradezu systemisch konterkarieren: miteinander sprechen, zuhören, gegensätzliche Meinungen austauschen. Cancel Culture ist kein Allheilmittel gegen strukturellen Rassismus, sie hilft auch nicht gegen die Verweigerung einer echten Beschäftigung damit. Wozu sie aber – vielleicht – doch beitragen kann, ist ein neuer Klang, ein neuer Affekt, ein neues Bewusstsein. Dafür braucht man noch nicht mal rhetorische Handgranaten wie die des Kindermädchens Jemima in Betye Saars eingangs erwähnter Assemblage. Es braucht allerdings den Willen, die Dinge als das zu sehen, was sie waren, aktuell sind und möglicherweise werden könnten.