Berlin - Maximilian Plenert ist krank. Er hat eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS. Der 32-Jährige nimmt zwei Medikamente, eines davon ist Cannabis. Erst vor zwei Jahren bekam er seine Diagnose. „Ich war impulsiv und ungeduldig, habe nächtelang wachgelegen und war innerlich rastlos“, erzählt der Physiker. „Außerdem konnte ich mich kaum konzentrieren.“ Dass Cannabis ihm beim Einschlafen hilft und sein Gedankenkarussell bremst, wusste er schon aus seiner Studienzeit.

Der gebürtige Hesse ist derzeit einer von 18 Patienten in Berlin und einer von 382 Patienten deutschlandweit, die Cannabis als Medikament bekommen. Die Kosten dafür muss Plenert jedoch selbst zahlen. Denn bisher gibt es nur eine Gruppe von Patienten, für die eine Behandlung mit Cannabis anerkannt ist: Menschen mit Multipler Sklerose, die an spastischen Krämpfen leiden. Sie bekommen die Kosten von ihrer Krankenkasse erstattet.

Debatten um die Legalisierung der Droge, wie sie kürzlich wieder durch einen Gesetzentwurf der Grünen entfacht wurden, verfolgen Cannabis-Patienten mit Interesse. Auch medizinische Experten horchen in diesen Tagen auf. Für sie ist unlogisch, dass der Einsatz derart eingeschränkt ist.

Blüten, Spray oder Öl

„Es ist erwiesen, dass Cannabis auch bei anderen Diagnosen hilft“, sagt Kirsten Müller-Vahl, Oberärztin in der Klinik für Psychiatrie an der Medizinischen Hochschule Hannover und Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin. „Cannabis mildert zum Beispiel die Symptome bei Übelkeit und Erbrechen infolge einer Chemotherapie oder als Schmerztherapie bei Nervenerkrankungen“, sagt sie.

Auch ihre eigenen Patienten, die an Tic-Störungen oder dem Tourette-Syndrom leiden (beides Krankheiten, die mit unwillkürlichen Bewegungen und Lautäußerungen verbunden sind), behandelt die Ärztin mit Cannabis. Bisher fehlen jedoch klinische Studien, die die Wirkung von Cannabis bei Krankheiten umfassend belegen.

Die Hauptwirkstoffe von Cannabis sind THC und CBD. In Deutschland gibt es zwei Medikamente auf dieser Basis: Sativex, ein Spray, und Dronabinol, ein Öl. Zudem können Patienten Cannabisblüten kaufen und rauchen. Eine Therapie mit Öl und Spray kostet zwischen 300 und 500 Euro im Monat. Bei Cannabisblüten ist es etwa ein Drittel davon, pro Gramm 15 Euro. „Das Rauchen vertragen manche meiner Patienten besser als das reine THC in den Medikamenten“, sagt Müller-Vahl. Das liege offenbar an der Kombination der verschiedenen Wirkstoffe in der Cannabispflanze.

Hanf wirkt bei jedem Menschen anders. „Cannabis wirkt auf das Gehirn ein und fast auf jede andere Zelle des Körpers“, sagt Andreas Heinz, der an der Charité Berlin die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie leitet. „Menschen, die Cannabis konsumieren, fühlen sich entspannter, ruhiger und weniger fokussiert. Auch die appetitsteigernde Wirkung ist erwiesen“, ergänzt er.

Anfang der 90er-Jahre wurde das sogenannte Endocannabinoid-System des menschlichen Körpers entdeckt. Dadurch wurde klar, dass viele Zellen Andockstellen für die Wirkstoffe von Cannabis haben. Die Droge hat jedoch auch Nebenwirkungen. Sie kann den Blutdruck erhöhen und zu Mundtrockenheit sowie zu Durchfall führen.

Maximilian Plenert testet zurzeit, welche der Cannabissorten aus der Apotheke ihm am besten hilft. Es gibt vier zur Auswahl, drei davon enthalten THC in unterschiedlicher Dosis, die vierte hat einen hohen Anteil an dem Cannabis-Wirkstoff CBD. Plenert holt zwei Plastikdosen aus seinem Rucksack. „Cannabis flos“, der lateinische Begriff für Cannabisblüten, ist auf die Etiketten gedruckt. Darunter steht auf niederländisch „Ministerium für Volksgesundheit, Wohlbefinden und Sport“ – denn das medizinische Hanf kommt aus den Niederlanden.

„Darum kann es manchmal zu Lieferverzögerungen von mehreren Wochen kommen“, sagt er, greift erneut in seinen Rucksack und holt eine Klarsichtfolie mit Zetteln im A4-Format heraus. „Ich muss meine Erlaubnis für das medizinische Cannabis immer bei mir haben“, sagt Plenert. „Für den Fall, dass die Polizei mich kontrolliert.“

Plenert kennt sich aus mit der Droge, er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Deutschen Hanfverband. Neun Monate hat es gedauert, bis er die Sondererlaubnis der Bundesopiumstelle bekommen hat. Das Verfahren sei umständlich, sagt auch Kirsten Müller-Vahl. „Außerdem wissen viele Ärzte in Deutschland nichts von der Möglichkeit, Cannabis als Medikament einzusetzen. Vielleicht haben sie auch Vorurteile.“

Denn Cannabis verbinden viele Menschen mit illegalen Drogen und Abhängigkeit. „Aber ich habe persönlich noch keinen Patienten kennengelernt, der seine Cannabis-Therapie abbrechen wollte und nicht konnte“, sagt Müller-Vahl. „Patienten wollen nicht high werden, sondern keine Schmerzen mehr haben.“ Sie macht einen großen Unterschied zwischen kranken Menschen, die Cannabis nehmen, und gesunden Konsumenten, die einen Rausch erleben wollen.

In Deutschland ist Cannabis die illegale Droge, die am meisten konsumiert wird. „Cannabis gehörte mal zu einer Subkultur, aber das ist etwa 30 Jahre her“, sagt Charité-Forscher Heinz. Mittlerweile habe fast jeder vierte Deutsche schon mal Cannabis geraucht. Den typischen Konsumenten gebe es nicht.

Dem Drogenbericht der Bundesregierung von 2014 zufolge sind 0,5 Prozent der 18- bis 64-Jährigen Konsumenten abhängig. Im Vergleich dazu liegt der Anteil der Alkoholabhängigen bei 3,4 Prozent, also 1,7 Millionen Menschen. „Cannabis kann süchtig machen, wie jede andere Droge auch“, erläutert Heinz. „Aber Cannabis ist nicht die typische Einstiegsdroge. Das ist in der Regel Nikotin, danach kommt meist der Alkohol.“

Soziale Probleme

Die Forschungslage zu den Auswirkungen von Cannabiskonsum ist uneinheitlich. Andreas Heinz hebt zwei Studien hervor, die die Langzeitfolgen von Cannabis untersucht haben. Bei der einen stellte sich heraus, dass Cannabis sich negativ auf das Gedächtnis auswirkt. Bei der anderen zeigte sich, dass diejenigen, die täglich Cannabis konsumierten, später verstärkt unter sozialen Problemen litten. Viele von ihnen brachen die Schule ab, waren arm oder litten an Depressionen.

Andreas Heinz ist jedoch der Ansicht, dass man solch ein Resultat nicht an Einzelfaktoren wie Cannabiskonsum festmachen kann. Der Zusammenhang sei viel komplexer. Der Freundeskreis und der familiäre Hintergrund würden eine wichtige Rolle spielen. In der aktuellen Debatte spricht sich der Mediziner weder für noch gegen eine Legalisierung aus. „Jede Gesellschaft“, sagt Heinz, „muss selbst entscheiden, ob sie eine weitere Droge haben möchte.“