Frau Neisse-Hommelsheim, im neuen Bundestag sind nur noch 31 Prozent der Bundestagsabgeordneten weiblich, das sind rund sechs Prozent weniger als in der vergangenen Legislatur. Wollen die Frauen nicht – oder können sie nicht?

Carla Neisse-Hommelsheim: Erst einmal ist dieses Ergebnis sehr betrüblich. So einen geringen Anteil an Frauen hatten wir seit 20 Jahren nicht im Bundestag. Das trifft mich als Demokratin. So kann es nicht weitergehen, da muss was passieren. Natürlich wollen es die Frauen – und sie können es auch. Nun sind aber bei den letzten Wahlen weitere Parteien in den Bundestag eingezogen, die insgesamt einen geringen Frauenanteil haben. Außerdem lag bei den größeren Parteien der Anteil der direkt gewählten Abgeordneten, die nach dem Erststimmenergebnis in den Wahlkreisen bestimmt werden, höher als bei den vorangegangenen Wahlen. Bei diesen Direktkandidaturen kommen Frauen deutlich weniger zum Zug als auf den Wahllisten, bei denen man einen höheren Frauenanteil durch Quoten oder Quoren festlegen kann. So funktioniert das bei den kleineren Parteien, wie bei den Linken und den Grünen, die eine 50-Prozent-Quote haben und deren Abgeordnete ausschließlich über Wahllisten in den Bundestag gezogen sind.

Was bedeutet das für frauenspezifische Themen, zum Beispiel Rückkehrrecht von Teilzeit auf Vollzeit, Pflegegesetze, gleiche Bezahlung oder Ehegattensplitting in den nächsten vier Jahren im Bundestag?

Natürlich werden diese Themen bislang stärker von Frauen gepusht. Im Bundestag sind aber alle für die Politik verantwortlich, die dort gemacht wird – Frauen wie Männer. Daher sind Frauen nicht alleine für die genannten Themen verantwortlich. Im Gegenteil: Meine Erwartung an die männlichen Abgeordneten ist, dass sie sich hier nicht aus der Pflicht entlassen, sondern dass sie auch bei Themen, die Frauen wichtig sind, in den kommenden vier Jahren vernünftige Politik machen. Frauenpolitik ist Gesellschaftspolitik und damit eine Querschnittsaufgabe.

Es gibt Studien, die belegen, dass gemischte Teams besser zusammenarbeiten. Wird sich dieses Geschlechterungleichgewicht auf die Atmosphäre und Stimmung auswirken?

Erfahrungsgemäß ist es so, dass die Debattenkultur anders ist, wenn der Frauenanteil gering ist. Ich will es nicht unterstellen, aber es ist zu vermuten, dass sich die Streitkultur ändern wird. Da spielen aber auch die enorme Größe des neuen Parlaments und die AfD mit rein, die jetzt dazugekommen ist.

Fühlen Sie sich weniger vertreten in Bundestag? Nicht alle Frauen wählen Frauen, viele wählen ja auch Männer…

Ich persönlich fühle mich auf jeden Fall schlechter vertreten. Mir ist es wichtig, dass politische Teilhabe gerecht ist. Und Frauen sind nun mal gut die Hälfte der Bevölkerung. Ich habe den Anspruch, dass sich das auch in den Parlamenten widerspiegelt. Wir brauchen in der Politik mehr weibliche Vorbilder, auch damit wir Frauen motivieren zur Wahl zu gehen oder sich aktiv in der Politik zu engagieren. Es mag Frauen geben, die lieber Männer wählen. Aber genauso viele würden ganz sicher lieber Frauen wählen, wenn sie denn die Wahl hätten.

Apropos paritätische Verteilung. Es gibt auch andere gesellschaftliche Gruppen, die nicht entsprechend der Gesellschaft im Bundestag vertreten sind. Jugendliche, Menschen mit Behinderung oder Bürger mit Migrationshintergrund. Was entgegnen Sie Kritikern, die argumentieren, dass diese Gruppierungen auch nicht paritätisch im Parlament abgebildet sind?

Frauen und Männer sind zwei große Gruppen in unserer Gesellschaft. Es wäre ein erster Schritt, dass zumindest die mal paritätisch abgebildet werden. Natürlich wäre es wünschenswert und politisch sicherlich nachhaltiger, wenn sich die Vielfalt unserer Gesellschaft auch im Bundestag spiegeln würde, also unsere Demokratie tatsächlich repräsentativ wäre. Ich habe da den Glauben, dass wir da irgendwann auf einen Level kommen, dass sich jede Gruppierung im Parlament vertreten fühlt.

Das ist eine sehr idealistische Vorstellung. Glauben Sie, dass sich der Frauenanteil ohne verbindliche Regelungen wirklich erhöhen wird?

Es hat viele Menschen geschockt, dass wir jetzt so wenige Frauen im Bundestag haben. Wir müssen nun gucken, welche Regelungen nachhaltig zielführend sind. Dazu brauchen wir eine Debatte über Parität und Untersuchungen, die diese in Verbindung mit unserem hochkomplexen deutschen Wahlsystem setzen. Am Ende kommt vielleicht eine große Wahlrechtsreform heraus.

Gibt es Länder, die es besser machen?

In Frankreich gibt es seit geraumer Zeit ein Parité-Gesetz, das auch hier eine Weile als vorbildlich und als echter Fortschritt gefeiert wurde, aber längerfristig doch nicht den gewünschten Erfolg gezeitigt hat. Die Parteien in unserem Nachbarland zahlen offenbar lieber Strafen als die Plätze mit Frauen zu besetzen. Es gibt also bislang keinen Königsweg.

Gehen wir einen Schritt zurück. Was könnte die Familien- und Frauenpolitik besser machen, um Frauen den Weg in die Politik und auch in andere Männerdomänen zu erleichtern?

Es müssen mehr Frauen in die Führungsetagen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Wir müssen endlich die ‚Gläserne Decke‘ durchbrechen und die Strukturen und Kultur in diesen Etagen verändern. Wir befinden uns da in einem gesellschaftlichen Umbruch. Dazu gehören auch die Debatten darüber, wie die Haus- und Sorgearbeit in der Familie gerechter verteilt wird und die Hauptlast nicht bei den Frauen hängen bleibt. Dazu gehören die Debatten um die Aufwertung sogenannter weiblicher Arbeit und um Entgeltgleichheit. Gerechte Verteilung und Bezahlung von Arbeit sind Grundvoraussetzungen dafür, dass Frauen überhaupt in der Lage sind, Führungspositionen auch anzunehmen.

Wenn Jamaika kommt, was glauben Sie: Wird das für die Frauenpolitik ein Schritt zurück werden?

Ich will den Teufel nicht an die Wand malen. Aber wir haben uns als Deutscher Frauenrat innerlich bereits auf vier nicht einfache Jahre eingestellt. Persönlich hoffe ich, dass es weiter vorangeht und wir keinen Rückschritt erleben werden.