Herr Linnemann, ein viertes Mal Angela Merkel als Kanzlerkandidatin. Haben Sie nicht eigentlich genug?

Das müssten sie eigentlich Frau Merkel fragen. Aber im Ernst, Frau Merkel ist dazu entschlossen, sich erneut in den Dienst unseres Landes zu stellen. Und mein Eindruck ist, dass sie motivierter ist als je zuvor. Klar ist aber auch: Es wird im Wahlkampf nicht mehr reichen, nur ihre Person in den Mittelpunkt zu stellen. Die Union muss sich jetzt vor allem inhaltlich positionieren und Gegensätze zu anderen Parteien deutlich machen.

Merkels Satz „Sie kennen mich“ war bei der letzten Bundestagswahl ein Erfolgsrezept. Die CDU hat damit fast die absolute Mehrheit geholt.

Die Zeiten haben sich geändert. Die CDU braucht jetzt vor allem ein klares inhaltliches Profil, sie muss wieder unterscheidbar werden. Die Menschen wollen keinen Einheitsbrei, sondern zwischen verschiedenen Angeboten wählen. Dazu braucht es auch Polarisierung, und die wird es geben. Uns steht der härteste Lagerwahlkampf seit langem bevor.

Muss die Partei dafür auch ihre Sprache ändern?

Ich werde meine Sprache jedenfalls nicht ändern. Wichtig ist doch, dass man zu seinen Überzeugungen steht und diese kommuniziert. Das gilt im Übrigen auch für die Union insgesamt. Sie muss zeigen, wofür sie steht. Da ist durchaus mal Kante abgebracht – auch wenn man damit Gefahr läuft, bei einigen anzuecken. 

Wie wäre es, wenn die CDU auf dem Bundesparteitag anfängt, zu zeigen, wofür sie steht?

Das werden wir. Wir sind beispielsweise für Transitzentren, gegen Vollverschleierung. Zudem hat Thomas Strobl ein gutes Papier zur Flüchtlingspolitik vorgelegt. Der Anfang ist gemacht.

Strobls Papier ist quasi der Gegenentwurf zu Merkels Flüchtlingspolitik.

Frau Merkel hat selbst immer wieder betont, dass sich eine solche Situation wie im vergangenen Jahr nicht wiederholen darf. Strobls Papier konkretisiert diese Aussage.

Was haben sie außerhalb der Flüchtlingspolitik anzubieten?

Eine kluge Steuerpolitik. Wir wollen ein Drittel der künftigen Steuer-Mehreinnahmen in Steuersenkungen stecken. Das ist eine klare Aussage: Wir kleckern nicht, sondern wir klotzen, und zwar zugunsten kleiner und mittlerer Einkommen. Denn ausgerechnet die Menschen, die diesen Staat und unsere Sozialsysteme am Laufen halten, sind in den letzten Jahren immer wieder zu kurz gekommen.

Auch energiepolitisch sehe ich noch eine Menge Nachbesserungsbedarf. Die Energiewende ist noch längst nicht in sicheren Tüchern, die Stromkosten steigen weiter. Und sie drohen komplett aus dem Ruder zu laufen, wenn wir nicht endlich auf marktwirtschaftliche Kräfte setzen. Im Grunde bräuchte es eine Kernsanierung des EEG.

Mit dem Schönheitsfehler, dass die Union in den vergangenen bislang elf Jahren diese Politik verantwortet hat. Hat der Wirtschaftsflügel eigentlich neben den Steuersenkungen ein weiteres Thema, um die Kernklientel der Union zu locken?

In der Tat, beim Thema Steuern waren wir nicht ambitioniert genug. Wir haben zwar die kalte Progression abgebaut, aber der große Wurf ist ausgeblieben. Zu Ihrer Frage: Ja, wir haben noch viele weitere Themen auf der Agenda wie Digitalisierung der Wirtschaft, Einführung einer Staateninsolvenzordnung, Bürokratieabbau. Zudem wollen wir die Meisterpflicht im Handwerk wieder einführen. Die wurde in über der Hälfte der Gewerke vor gut zehn Jahren abgeschafft. Das war ein absoluter Fehler. In den meisterlosen Berufen findet kaum noch duale Ausbildung statt, die Qualität leidet und wer ohne Meister einen Betrieb eröffnet, ist in der Hälfte der Fälle nach fünf Jahren pleite. In vielen Gewerken ist die Wiedereinführung gewünscht.

Und bekommen CDU und CSU auch noch eine gemeinsame Linie hin?

Da bin ich sicher. Das Ziel wird uns einen und das heißt: Rot-Rot-Grün verhindern.

Das Gespräch führte Daniela Vates