Jens Spahn (CDU), Bundesgesundheitsminister
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BerlinDer Einmarsch in die Parteitagshalle ist der Tunnel, durch den jeder Spitzenpolitiker geht; an dessen Ende leuchtet die Bühne, aber auf dem Weg dahin verschwimmt alles: Fähnchen, Jubel, Gesichter, Hände. Der Politiker lächelt, greift Hände, hinter jedem Gesicht könnte sich ein Mensch verstecken, den man kennt. Ein vergessener Weggefährte, ein Parteifreund, dem man einst einen Gefallen getan hat oder noch einen schuldet. Jede Hand zählt auf dem Weg nach oben.

Neumünster am vergangenen Sonnabend, die CDU Schleswig-Holstein hat zum Landesparteitag geladen. Vor den Holstenhallen stoppt der Schwarze Audi A 8 des Mannes, der scheinbar auch immer auf dem Weg nach oben ist. Die Tür öffnet sich, Jens Spahn steigt aus. Er sortiert sich, schließt sein Sakko, begrüßt Gastgeber Daniel Günther. Ein freundliches Wort, dann folgt der Tunnel. Schritte, lächeln, Hände. Schritte, lächeln, Hände.

Im Gang wartet Hans-Peter Küchenmeister. Spahn und ihn verbindet eine Geschichte, sie ist fast 20 Jahre alt. Küchenmeister war einst Vorsitzender der Bundesgesundheitskommission des Mittelstandskreises MIT, Spahn mit Anfang 20 sein Stellvertreter. „Ich hab ihn damals aus einem Ausschuss geschoben“, sagt Küchenmeister. „Mal sehen, ob er mich noch erkennt.“

Dann nähert sich Spahn, rauscht im Kameralicht heran. Kurz vor Küchenmeister streckt sich ihm die Hand eines weiteren Parteifreundes entgegen, Spahn ergreift sie, sagt einen Satz, lässt wieder los – und läuft auf die Bühne. Applaus brandet auf. Küchenmeister bleibt zurück.

Jens Spahn: Früher laut, heute fleißig

Jens Spahn läuft durch viele Tunnel in diesen Wochen, er ist mittlerweile längst mehr als jemand, der auf dem Weg nach oben ist. Aus dem jungen Abgeordneten, den Küchenmeister einst aus einem Fachausschuss geschoben hat, ist einer der wichtigsten Politiker des Landes geworden.

Spahn, 39, blickt auf eines der erfolgreichsten Jahre seiner Karriere zurück, das mit einer Niederlage begann. Im Dreikampf um den CDU-Vorsitz im vergangenen Dezember unterlag er Annegret Kramp-Karrenbauer und Friedrich Merz, er musste sich einreihen. Aber er hielt eine gute Rede und verlor als Sportsmann. Es brachte ihm viele Sympathien ein.

Danach wandelte er sich noch einmal. Aus dem lauten Karrieristen wurde ein fleißiger Arbeiter. Statt über Burkaverbote sprach er über Impfprogramme. Seine Zwischenbilanzen konnten sich sehen lassen. 16 Gesetze in 16 Monaten. Dann 18 Gesetze in 18 Monaten. Spahn, das stellt selbst die SPD nicht infrage, entwickelte sich zu einem der erfolgreichsten Minister der großen Koalition. Während Kramp-Karrenbauer Fehler machte und Merz mit zu viel öffentlicher Kritik Zuspruch verlor wurde für Spahn die Position als dritter Mann immer komfortabler.

Spahn in der Nebenrolle

Wenn an diesem Freitag die CDU zu ihrem Parteitag zusammenkommt, wird Spahn eine Nebenrolle spielen. Er wird zuschauen, wie sich Kramp-Karrenbauer schlägt, die angeschlagene Chefin. Und er wird verfolgen, wie Merz seinen Angriff auf die Vorsitzende inszeniert.

Kramp-Karrenbauer und Merz stehen in einem toxischen Wettstreit miteinander, der beide womöglich am Ende verlieren lässt. Gerade deshalb glauben viele in der Union, dass die Namen, die die nächste Kanzlerkandidatur unter sich ausmachen, nicht mehr Kramp-Karrenbauer und Merz sind. Sondern dass es der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet und Spahn unter sich entscheiden.

Zurück in Neumünster, ins Licht, auf die Bühne. Spahn spricht über sein Lieblingsthema in diesen Monaten – über die Pflege; aber er bleibt nicht dabei. „Google weiß bald mehr über Sie als Ihr Partner“, sagt Spahn und holt damit langsam aus, um von den Gesundheitsthemen zur Digitalisierung überzugehen und von dort zur Zukunft. Die Rede funktioniert. Lauter Applaus. Auch der frühere Konkurrent Küchenmeister ist überzeugt und ruft: „Das kann er.“

Natürlich will auch der fleißige Minister Spahn nicht immer nur Gesundheitspolitiker sein. Er kennt sich aus in seinem Fachbereich, aber als er 2015 von Wolfgang Schäuble zum Finanzstaatssekretär gemacht wurde, war das für Spahn auch die Gelegenheit, sich endlich um andere Themen kümmern. Es hatte deshalb auch etwas Gemeines, dass Angela Merkel ihn 2018 zum Gesundheitsminister machte. Eine Beförderung, einerseits. Doch auch ein Schritt zurück ins Fachgebiet, aus dem er sich zuvor befreit hatte.

Doch Spahn ist lernfähiger als andere Politiker. Er nahm die Aufgabe an, wurde geduldiger. Arbeitete seine Gesetze ab, reformierte die Pflege, setzte eine Impfpflicht gegen Masern durch. Und verlor dennoch auch andere Themen nie aus dem Auge. Aber er tat es geschmeidiger als früher. Statt mit plumpen Zitaten agierte er im Hintergrund.

Spahns Netzwerke über die Fachpolitik hinaus

Spahn baut in Berlin an seinen Netzwerken, die längst über die Fachpolitik hinausgehen. Gemeinsam mit seinem Ehemann Daniel Funke organisiert er Themenabende bei sich, mal geht es um Sicherheitspolitik, mal um Migration. Parteifreunde kommen, aber auch Oppositionsvertreter, Wissenschaftler. Es ist ein Netzwerk, wie es kaum ein anderer in der Hauptstadt pflegt: aufstrebend und machtbewusst, offen und divers. Und womöglich im richtigen Moment auch einmal nützlich.

Gerade für Spahn, der in der Union keine echte Hausmacht besitzt. Sein Landesverband Nordrhein-Westfalen wird geführt von Armin Laschet, einem Konkurrenten von früher, mit dem Spahn sich ausgesprochen und einen Nichtangriffspakt geschlossen hat. Manch älterem Parteimitglied ist Spahn noch immer zu schneidig, zu jung.

Die Sympathien der Jungen Union muss er sich teilen, denn nirgendwo funktioniert Merz besser als Projektionsfläche für die Hoffnung auf eine am Gestern angelehnte, aber doch bessere Zukunft. In der CSU hat Spahn viele Unterstützer. In der Frage einer Kanzlerkandidatur hilft das womöglich wenig.

Jens Spahn spielt auf Zeit

Spahns enge politische Freunde sind Carsten Linnemann und Paul Ziemiak. Mit beiden verbinden ihn Generation, Landesverband und konservative Grundhaltung. Doch als es im vergangenen Jahr um die Parteispitze ging, standen auch diese Verbindungen unter Spannung. Linnemanns Wirtschaftsflügel schlug sich auf Merz’ Seite, Ziemiak lief zu Kramp-Karrenbauer über und wurde mit dem Generalsekretärsposten belohnt. Immerhin: Die politische Freundschaft der drei hat auch diese Phase überstanden.

Und so spielt Spahn weiter auf Zeit. Er weiß, in zwölf Monaten kann die Welt der CDU schon wieder eine andere sein. Im Guardian pries er jüngst die Bedeutung von Migration für die Pflege. In der Frankfurter Neuen Presse schrieb er über Konservative als Bollwerk gegen Extremismus. Und in Neumünster lobt er am Ende seiner Rede demonstrativ die prägenden Figuren der CDU in den vergangenen Jahrzehnten: „Adenauer, Kohl – Angela Merkel.“

Als er „Angela Merkel“ sagt, betont er den Namen etwas anders, die Stimme fällt nach hinten ein wenig ab. Es ist außergewöhnlich in diesen Wochen, wenn ein Konservativer Merkels Dienst an der CDU lobt. Spahn tut es, weil es hier im Norden populär ist. Aber auch, weil es scheint, als wolle er vom konservativen Flügel einen Schritt in Richtung der Mitte der Partei gehen. Er weiß, dass dies noch immer der beste Ort für einen Kanzlerkandidaten ist. Wann auch immer es so weit ist.

Ein Zusammenschluss wird es richten müssen

Am Ende wird ein starkes Bündnis zwischen zweien der Kontrahenten entscheiden, wer die Kanzlerkandidatur übernehmen kann. Merz gilt in der Partei als nicht bündnisfähig und unverlässlich. Womöglich sind es Laschet und Spahn, die sich zusammenschließen und die Zukunft der Partei unter sich ausmachen.

Nach der Rede in Neumünster fällt Spahn auf den Rücksitz seines Dienstwagens. Er greift nach einem Desinfektionsmittel, lehnt sich zurück. Viele Hände zu schütteln, bedeutet viele Bakterien zu transportieren. Wer sollte das besser wissen als der Gesundheitsminister.

In der Halle bleibt Hans-Peter Küchenmeister zurück, ohne Wort, ohne Gruß. Wie findet er den Konkurrenten von früher mittlerweile? „Er macht einen großartigen Job.“   Könnte er der Kanzlerkandidat sein? „Er ist sicher einer der absoluten Top-Leute“, weicht Küchenmeister aus. Er will sich nicht entscheiden. Spahn muss ihn erst überzeugen. Aber etwas Zeit bleibt auch noch.