CDU-Nachwuchs: Auf der Suche nach dem Inhalt

Wer kommt nach Annegret Kramp-Karrenbauer und Angela Merkel? Ein Stimmungsbild beim Nachwuchs der schwer angeschlagenen Volkspartei.

Berlin- Kaum hatte Annegret Kramp-Karrenbauer ihren Rückzug von der Parteispitze bekanntgegeben und einer möglichen Kanzlerkandidatur eine Absage erteilt, da kursierten schon die Namen von potenziellen Nachfolgern. Es waren die der üblichen Verdächtigen: Friedrich Merz als Vertreter der Konservativen, Armin Laschet als Wunsch-Mann der Merkel-Fraktion, Jens Spahn als junger Ehrgeiziger. Und wie eine Art Joker tauchte der Name von CSU-Chef Markus Söder auf. Der Name einer Frau, einer jüngeren zumal, fiel nicht. 

Auch die jüngere Generation der CDU ist uneins darüber, wer die Partei – und möglichst das Land – demnächst führen soll. Einig sind sich die Jungen aber in einem Punkt: Der Blick geht nach vorn. Ein Stimmungsbild von vier jungen Politikerinnen und Politikern. 

Pro Zukunft

Diana Kinnert,  CDU-Mitglied.
Diana Kinnert, CDU-Mitglied.imago images/Future Image

Diana Kinnert ist eine der Nachwuchshoffnungen der CDU. Die Unternehmerin und Autorin schreckt vor unbequemen Aussagen nicht zurück. „Es ist und war seit eh und je Auftrag der Union, sich nicht nur mit dem Ausdruck reflexhafter Befindlichkeiten zu begnügen, sondern in Identitäts-, Vertrauens- und Stabilitätsbildung zu investieren“, sagt sie.

In einer Welt, die im Umbruch ist, sei die austarierende, Verlässlichkeit schaffende politische Kraft vielleicht die am meisten benötigte. „Das Gegenteil des Konservativen ist nicht das Liberale; es ist das Reaktionäre“, so Kinnert. „Jede Annäherung an eine Politik, die verfassungsfeindlich, rechtsextrem und nicht nur leichtsinnig, sondern brandgefährlich ist, versündigt sich am konservativen, einigenden Gründungsmythos der Union.“

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Die Union müsse sich jetzt stattdessen um Vertrauen in die Zukunft kümmern. „Technologischer Fortschritt darf in seinen Vorteilen nicht nur lesbar sein für die modernen Performer in der Großstadt“, fordert Kinnert. „Gerade die Alten auf dem Land müssen erfahren, wie sehr sie von digitalen Bildungsangeboten profitieren würden.“ Wer erkenne, dass insbesondere der Osten der Bundesrepublik auf die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in den Regionen wartet, könne die Stimmen der Jungen und Alten, der Ruhrpottler und Ossis, der einstigen Bündnisgrünen und AfD-Wähler zurückgewinnen. „Die Union trägt im Namen, dieser Anwalt der vielen sein zu wollen.“


Viel zu spät

Christopher Lawniczak,  Vorsitzender JU Berlin.
Christopher Lawniczak, Vorsitzender JU Berlin.imago images/photothek

Christopher Lawniczak, seit knapp einem Jahr Vorsitzender der Jungen Union in Berlin, hat sich nach der Wahl Thomas Kemmerichs in Thüringen erst mal „prinzipiell gefreut“, sei doch eine Wiederwahl Bodo Ramelows verhindert worden. Nachdem sich Kemmerich klar von der AfD distanziert hatte, hätte er sich „eine Minderheitsregierung unter Einbeziehung von Experten“ gewünscht, sagte der 24-Jährige im Gespräch mit der Berliner Zeitung. Er sei   „fassungslos“ darüber gewesen, wie die CDU-Führung in den Tagen danach die Ministerpräsidentenwahl verdammte. Es sei nicht einmal probiert worden, eine „eigene Sichtweise dazu zu entwickeln“, so Lawniczak.

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Nach dem Aus Kramp-Karrenbauers will der gelernte Bankkaufmann aus Tempelhof „nicht nachtreten“. Er zolle ihr im Gegenteil vollen Respekt. Dennoch habe sie viele Fehler gemacht. Der jüngste sei es gewesen, einen Nachfolger erst auf einem Parteitag im Dezember wählen lassen zu wollen. „Das ist viel zu spät“, sagte Lawniczak. „Warum sollen wir mehr als zehn Monate warten? Das ist mir schleierhaft.“ Die Partei brauche einen „Fahrplan bis Sommer“.

Auf einen möglichen Nachfolger für Annegret Kramp-Karrenbauer hat sich die Junge Union Berlin noch nicht verständigt. Als die Saarländerin im Herbst 2018 gegen Friedrich Merz und Jens Spahn antrat, hätte Merz „wohl eine Mehrheit“ bei der JU Berlin gehabt, sagt Lawniczak. „Und das könnte ich mir auch für dieses Mal wieder vorstellen.“


Grundsätze

Yvonne Magwas, CDU-Abgeordnete.
Yvonne Magwas, CDU-Abgeordnete.

Wenn es nach Yvonne Magwas geht, dann wird in den nächsten Monaten in der CDU erst mal nicht über Personalfragen geredet. „Wir haben seit 2007 kein neues Grundsatzprogramm mehr verabschiedet“, sagt die Bundestagsabgeordnete aus dem Vogtland. „Wir müssen erst einmal grundsätzliche inhaltliche Dinge nachjustieren: Wie definiert die CDU Familie, wie gestalten wir die sozialen Sicherungssysteme der Zukunft?“

Auch zum Thema Digitalisierung sei die CDU noch Antworten schuldig. Dass sich nun die bekannten Kandidaten um den Parteivorsitz allmählich warmlaufen, findet sie viel zu früh. „Wir müssen uns erst um die Inhalte kümmern, und dann sehen, welche Köpfe dazu passen“, sagt Magwas. Womöglich kämen dann noch ganz andere Kandidaten ins Rennen. Die Frage, wie man sich gegenüber AfD und Linken verhält, sei dagegen geklärt: „Dazu gibt es einen Parteitagsbeschluss, der eindeutig und gültig ist.“

Die 40-Jährige muss kurz durchschnaufen, bevor sie über den Rücktritt von Annegret Kramp-Karrenbauer spricht. Man merkt ihr an, dass sie diese Personalie betroffen gemacht hat. „Konsequent, aber nicht wirklich notwendig“, nennt sie den Schritt. „Für die Partei ist das ein Erdbeben.“ Bei aller Kritik an AKK werde nun vergessen, wie sie sich um die CDU verdient gemacht habe. Die Fraktionsgemeinschaft mit der CSU würde es ohne ihr gutes Einvernehmen mit Markus Söder in dieser Form womöglich gar nicht mehr geben.


Pro Quote

Ronja Kemmer, CDU-Abgeordnete.
Ronja Kemmer, CDU-Abgeordnete.imago images/Metodi Popow

Ein Mann als Kanzler? Das wäre für Ronja Kemmer kein Problem. „Angela Merkel hat über ein Jahrzehnt als erste Frau die Partei und das Land geführt, natürlich war das prägend. Aber wenn ihr – und Annegret Kramp-Karrenbauer als Parteivorsitzende – nun ein Mann nachfolgt, dann ist das eben so.“ Überhaupt hält die 30-jährige Bundestagsabgeordnete nichts davon, „wahllos Namen in den Raum zu werfen“. Spekuliert wird trotzdem.

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Dass die Namen, die dabei bisher fallen, nur männlich sind, heißt für Kemmer noch nichts. „Wir müssen jetzt erstmal abwarten, wer am Ende seinen Hut in den Ring wirft. Es kann ja auch sein, dass eine der Ministerinnen das noch tut. Aber wenn sich dieses Mal keine Frau zur Wahl stellt, dann ist das auch kein Problem.“

Kemmer selbst steht für die kleine Minderheit der Nachwuchsgeneration im Parlament. In der Unionsfraktion ist sie die jüngste Frau und die zweitjüngste von allen Abgeordneten. Sie empfindet das als Auftrag. „Wir sind eindeutig zu wenige Frauen – nicht nur in der Union.“ Zwar habe sich einiges getan, so gebe es unter Merkel ein fast paritätisch besetztes Kabinett. „Aber da darf es nicht aufhören. Die Parität muss sich im Herzstück der Demokratie, im Parlament, widerspiegeln.“

Bei der Frage, welche Mittel es dafür braucht, hat Kemmer ihre Meinung geändert. „Früher war ich immer eine strikte Gegnerin von Quoten. Aber ich glaube inzwischen, dass wir es ohne nicht schaffen. Die Entwicklung geht nicht automatisch voran, wenn man nur ein bisschen abwartet.“