Annegret Kramp-Karrenbauer beim CDU-Bundesparteitag.
Foto: dpa/Kay Nietfeld

LeipzigGanz zum Schluss lässt Annegret Kramp-Karrenbauer den Parteitag zusammenzucken. Sie hat über eine Stunde geredet, sie hat Defizite der CDU benannt und Zukunftspläne geschmiedet, sie hat geworben und gewettert. Sie hat Teamarbeit angemahnt. Und dann schlägt sie vor zu verschwinden.

 „Wenn ihr der Meinung seid, dass das nicht der Weg ist, lasst es uns aussprechen und lasst es uns auch beenden – hier und heute und jetzt“, ruft Kramp-Karrenbauer in den Saal. Die Parteivorsitzende der CDU stellt die Machtfrage, nach nur einem Jahr im Amt und öffentlich. Das ist ungewöhnlich – und es ist riskant.

Es kann ja sein, dass die Delegierten das gerne annehmen. Ganz außen im Saal, links von Kramp-Karrenbauer sitzt Friedrich Merz, der scheinbar ewige Rivale. Auf dem Podium haben Gesundheitsminister Jens Spahn und der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet Platz genommen.

Bei den niedersächsischen Delegierten sitzt der Vorsitzende der Jungen Union, Tilman Kuban, dessen Verband Merz mit Jubelgesängen in die Kanzlerkandidaten-Debatte gespült hat. Bei den Nordrhein-Westfalen sitzt der Chef des Mittelstandsverbandes, Carsten Linnemann, der ein bisschen eleganter stichelt – etwa indem er bei einer Preisverleihung alle Preisträger mit Spott in der Stimme fragt, was sie tun würden, wenn sie Annegret Kramp-Karrenbauer wären.

Kramp-Karrenbauer fordert die Frauenquote

Kramp-Karrenbauer muss sich das Kramp-Karrenbauer-Sein nicht vorstellen. Sie fordert die Frauenquote, die in der Union so umstritten ist, dass der Parteitag nach Vorstellung der Parteiführung lieber nicht darüber abstimmen soll. „Dafür stehe ich“, verkündet sie. Sie fordert ein Digitalministerium, empfiehlt bessere Erwerbsunfähigkeitsrenten und flexiblere Renteneintrittszeiten und hält ein Plädoyer für den Verbrennungsmotor.

Es ist für jeden etwas dabei – außer für die AfD. Von der distanziert sie sich scharf: „Das sind die Brandstifter. Wir dürfen nicht die Biedermänner sein, die denen auch noch die Streichhölzer geben.“ Das geht auch an die ultrakonservative Werteunion, die auch noch eine eigene Passage bekommt: „Es gibt nur eine Werteunion, das ist die CDU Deutschland“, ruft Kramp-Karrenbauer. Es sind die Sätze, für die sie den meisten Applaus bekommt.

Kramp-Karrenbauer spricht viel von Mut, von Ehrgeiz, davon, die Nase vorn zu haben. Sie wendet sich gegen Nörgler und nörgelt indirekt selbst ein bisschen. Schließlich stellt sie fest, dass die CDU sich dringend mal in der Bildungs- und Familienpolitik neu positionieren müsse. Dann kommt die Machtfrage und noch zwei Sätze. Wenn es Lust gebe am Gestalten, „dann lasst uns hier und heute anfangen“, ruft sie.

„Wir sind friedlich, nicht Friedrich“

Die Delegierten erheben sich, sie applaudieren und jubeln sogar ein bisschen, minutenlang. Kramp-Karrenbauer winkt, setzt sich, erhebt sich wieder und wirft den Delegierten Luftküsse zu. „Wir sind friedlich, nicht Friedrich“, ulkt ein Vorstandsmitglied. „Liebe Annegret“, sagt Mittelstands-Chef Linnemann. „Mich freut, dass wir uns einig sind.“ „Jeder macht mal Fehler“, sagt JU-Chef Kuban.

Gesundheitsminister Jens Spahn sagt: „Mit Führung, mit Mut und mit Zusammenhalt“ schaffe die CDU wieder 40 Prozent. Der baden-württembergische CDU-Staatssekretär Wolfgang Reinhardt, der der CDU zuvor „Insolvenz“ bescheinigt hat, ruft: „Das Aufrütteln ist angekommen.“ Es wirkt, als habe es geklappt.

Aber da ist ja noch Merz. Er ist der fünfte Redner nach Kramp-Karrenbauer. Er hat vor einem Jahr das Rennen um den Parteivorsitz knapp gegen Kramp-Karrenbauer verloren. Vor dem Parteitag hat zunächst die Regierungspolitik als „grottenschlecht“ kritisiert und dann versichert, er werde nicht zur Revolution aufrufen.

Merz geht zurück zur Grottenschlecht-Kritik

In der CDU heißt es, mit seiner Fundamentalkritik habe sich der ehemalige Unions-Fraktionschef selbst geschadet. Auch Merz lobt erst noch einmal Kramp-Karrenbauer. Die habe „eine kämpferische, eine mutige, eine nach vorne zeigende Rede gehalten“, sagt er. „Dafür sind wir ihr alle richtig dankbar.“ Er lobt Kramp-Karrenbauer ausführlich, auch für ihren umstrittenen Vorschlag für eine Sicherheitszone in Nord-Syrien. „Ein erster Schritt“, lobt Merz.

Außen- und Sicherheitspolitik sowie Finanz- und Wirtschaftspolitik nennt er als Schwerpunkte. Es ist ein Mahnen, aber es bleibt an der Oberfläche. Merz geht zurück zu seiner Grottenschlecht-Kritik. Es habe ihn getroffen, dass die CDU danach wegen ihrer Zerstrittenheit mit der SPD verglichen worden sei. „Die Sozialdemokraten sind illoyal. Wir sind loyal.“ Die Delegierten schweigen.

Sie applaudieren begeistert, als Merz die schwedische Klimaaktivisten Greta Thunberg kritisiert. Er empfiehlt sich als Mann klarer Worte, schließlich habe er ja mal die Bierdeckel-Steuerreform erfunden, vor 16 Jahren hier in Leipzig auf einem Parteitag.

Debatte um die Kanzlerkandidatur ist noch nicht vorbei

Und dann kommt auch Merz zu Kramp-Karrenbauers Machtfrage, er beantwortet sie auf seine Weise. „Nicht dieser Parteitag wird die endgültige Entscheidung treffen“, sagt Merz. Das werde auf dem Parteitag in einem Jahr geschehen. „Wenn sie wollen, dass ich dabei bin, bin ich dabei“, verkündet er. Die CDU müsse bereit sein, „Verantwortung in Führung zu übernehmen“.

Die Debatte um die Kanzlerkandidatur, so scheint es, ist noch nicht vorbei. Zumindest wenn es nach Merz geht. Der Applaus der Delegierten ist höflich.