Kiel - Das Allerbeste, was Daniel Günther in den vergangenen Wochen vor der Kieler Landtagswahl widerfahren ist, dürfte eine unverschämte Beleidigung gewesen sein. Günther, 43, Spitzenkandidat der CDU in Schleswig-Holstein, war einem Drittel der Schleswig-Holsteiner überhaupt nicht bekannt. Bis Gabi Schwohn kam.

Wirbel um vermeintliche Beleidigung

Von jetzt auf gleich war der Mann der Union das Gesprächsthema im Norden. Beim NDR-Fernsehduell mit Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) hatte ihn Studiogast Schwohn, eine Flensburger Gewerkschafterin mit SPD-Parteibuch, beschuldigt, er habe sie einmal als „Verdi-Schlampe“ beschimpft, das könne man nachlesen.

Huiuiui. Günther schluckte kurz und bestritt, so etwas jemals gesagt zu haben: „Nicht mein Stil.“ In den Tagen danach versuchten Politiker und Journalisten in Kiel herauszufinden, wo denn „Verdi-Schlampe“ nachzulesen sei, ob im Protokoll einer Landtagsdebatte oder sonst wo. Aber niemand fand etwas.

Der SPD war die Sache etwas peinlich, von der Gewerkschafterin hörte man gar nichts mehr, angeblich soll es eidesstattliche Erklärungen geben, aber niemand weiß Genaues. Kandidat Günther dürfte sich nach erstem Erschrecken gefreut haben: Plötzlich kannte man ihn zwischen Nord- und Ostsee. Auch was wert.

Günther ist der Glückspilz der Wahlkampagne

Daniel Günther aus Eckernförde ist die Überraschung und der Glückspilz dieser Wahlkampagne. Ein Sieger, der aus dem Nichts kam, eine fast wundersame Geschichte.

Vergangenen Herbst fiel dem CDU-Fraktionschef im Kieler Landtag die Spitzenkandidatur vor die Füße. Ingbert Liebing wollte plötzlich nicht mehr. Die Umfragen sahen übel aus, die CDU mochte ihn nicht richtig, Daniel Günther griff zu und arbeitete sich ameisenemsig aus einer hoffnungslosen Lage immer weiter nach oben, bis die Stimmung im Land zu seinen Gunsten kippte, Amtsinhaber Albig zum Schluss mehr über sich als über Sachthemen redete und in der Wählergunst absoff.

Günther sagt von sich selbst, was alle sowieso immer denken, die ihn erstmals erleben: Er sehe sehr, sehr jung aus. Eher 23 und Schüler Union als 43. Vielleicht hat Torsten Albigs SPD ihn auch deshalb unterschätzt.

Freunde nennen ihn „Dani“

Seine Freunde nennen ihn Dani: Bekennender Bayern München-Fan und Jogger, verheiratet, Linkshänder, Vater einer kleinen Tochter, frech und witzig, hin und wieder rätselhaft. Vergangenes Jahr fiel Günther bundesweit auf, weil er Schweinefleisch in deutschen Kantinen zur Pflichtnahrung machen wollte.

Natürlich nicht täglich, aber doch öfter. Die Begründung lautete, das sei ausgewogene Ernährung und Teil deutscher Kultur und sorgte für eine kurze Aufregung. Er erntete viel Spott: Im Grundgesetz stehe nichts von Hack und Koteletts, meinte Robert Habeck, Grüner und bislang stellvertretender Ministerpräsident. Die Schweinefleisch-Episode blieb bislang Günthers einziger Ausflug in den Dschungel des Populismus.

Jamaika-Bündnis kündigt sich an

Nun muss Günther mit Habeck und mit Wolfgang Kubicki von der FDP über eine Regierung verhandeln. Alles deutet in Kiel nämlich auf dieses Jamaika-Bündnis hin: Eine große Koalition will Günther nicht, damit haben CDU und SPD nur schlechte Erfahrungen gemacht.

Eine Ampel mit der SPD und den Grünen will FDP-Sieger Kubicki nicht. Die SPD gehöre nicht mehr in die Regierung, meint der Liberale. Die Grünen halten „alle Türen offen“. Besonders Habeck ist interessiert: Er hat kein Abgeordnetenmandat. Ohne Jamaika wäre seine glänzende politische Karriere in Schleswig-Holstein plötzlich am Ende.

Daniel Günther kann sich also freuen, die Dinge laufen in seine Richtung. Nun müssen erste einmal FDP und Grüne zueinander finden, aber da sich alle Beteiligten lange kennen und miteinander können, dürfte es wohl auch klappen.

Günther ist Christdemokrat durch und durch

Günther hat einen langen Aufstieg in der CDU hinter sich. Eigentlich ist er ein reiner Politiker, Christdemokrat von Kindsbeinen an. Kreisgeschäftsführer in Eckernförde, Landesgeschäftsführer im Kreistag und in der Ratsversammlung von Eckernförde, seit acht Jahren im Kieler Landtag.

Angeblich kennt er jeden in der CDU und hat sich bei Leuten wie beim früheren Ministerpräsidenten Peter Harry Carstensen, für den er einmal den Wahlkampf organisierte, eine Menge abgeguckt. Zwischendurch hat der Magister der Politikwissenschaft auch einmal bei einer Wirtschaftsfördergesellschaft gearbeitet.

Günther kann auch, sein Jungenlachen täuscht, hart und brutal zuschlagen. Er hat maßgeblich mitgeholfen, 2011 den CDU-Hoffnungsträger Christian von Boetticher zu entsorgen. Damals bestaunte das Land einen Herz zerreissenden Skandal: Der Kandidat hatte ein Verhältnis mit einer 16-Jährigen. Die Geschichte zog Kreise und die CDU musste fix handeln. Unter Tränen trat von Boetticher ab: „Es war schlichtweg Liebe.“ Übrig geblieben ist eine tiefe Feindschaft zwischen den beiden Herren. 

Seit Sonntag ist der eine ein Sieger.