Berlin - CDU-Ministerpräsident Reiner Haseloff wirkte am Sonntag vor allem erleichtert, als er nach seiner Stimmabgabe zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt befragt wurde. Der Wahlkampf ist endlich vorbei, schien seine ganze Körpersprache auszudrücken. Vorbei und gut erledigt. Man habe alles getan, was „machbar und notwendig“ gewesen sei, um die Menschen davon zu überzeugen, dass Sachsen-Anhalt eine stabile Mitte brauche. Das klingt jetzt nicht nach jemanden, der als Redner einen Saal rockt.

Doch der 67-jährige Haseloff hat geschafft, was keiner für möglich hielt. Er hat der CDU einen geradezu euphorischen Wahlabend beschert: deutliche Zugewinne für die eigene Partei, den vermeintlichen Konkurrenten AfD deutlich abgehängt.

Damit hat er dem Kanzlerkandidaten der Union, Armin Laschet, ein großes Geschenk gemacht. Was nicht ganz frei von Ironie ist, denn ausgerechnet Haseloff hatte sich ja ursprünglich für den CSU-Vorsitzenden Markus Söder als Kanzlerkandidaten der Union ausgesprochen – mit der bemerkenswerten Begründung, es gehe jetzt nicht so sehr um den Charakter, sondern darum, wer Wahlen gewinnen könne. Nun gewinnt er eine für Armin Laschet.

Für die Bundes-CDU ist dieser Wahlsonntag ein unerwarteter Freudentag. Schließlich gab es vor einigen Wochen erst den Schock, als eine Wahlumfrage die AfD sogar als stärkste Kraft im Land gesehen hat. Erwartet wurde mindestens ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen AfD und CDU. Er fiel aus. Der Sieg ist so wichtig, weil die Sachsen-Anhalt-Wahl ja vor allem als Stimmungstest für den Superwahltag im September galt. Deshalb haben sich gerade in den vergangenen Tagen die Termine der Spitzenpolitiker aus Berlin in dem Bundesland geradezu unanständig gehäuft.

Reiner Haseloff bekam Unterstützung von den Kollegen aus Bayern und Nordrhein-Westfalen. Doppelt hält besser. Auch die Bundespitze der Grünen reiste durchs Land. Annalena Baerbock und Robert Habeck erklärten allen, die es wissen wollten, dass es die Grünen waren, die die Kenia-Koalition im Land stabilisiert haben. Die Wähler haben das allerdings nicht so gesehen. Die Grünen erreichen nicht annähernd die Werte aus dem früheren Umfragen. Sie gewinnen ganz leicht hinzu, aber zu wenig für die großen Ambitionen.  Gut möglich, dass die Grünen sogar aus der Landesregierung gekickt werden – zugunsten einer „Deutschland-Koalition“ aus CDU, SPD und FDP.

Richtig bitter ist es aber für die SPD. Deren Kanzlerkandidat Olaf Scholz warf alles in die Waagschale und erklärte auf dem Ostkonvent seiner Partei in Halle, dass er Ostdeutschland „ganz oben auf die Agenda setzen“ werde, wenn er erst mal Kanzler wird. Sollte Sachsen-Anhalt wirklich ein Stimmungstest sein, ist damit aber vermutlich eher nicht zu rechnen. Die SPD hat eines der schlechtesten Ergebnisse der Nachkriegszeit eingefahren. Sollte das ein Trend sein, hat der viel geschmähte Laschet im September die besten Chancen aufs Kanzleramt.

Und nun kommt das große Aber: Der Wahlkampf dauert noch mehr als drei Monate. Wenn es im September zur Sache geht, wird die Landtagswahl im Land der Frühaufsteher in diesem Juni nur noch ein schwacher Widerhall sein.

Vermutlich wird das Interesse an Sachsen-Anhalt selbst sogar schon in allernächster Zeit abflauen, daher sei diese Gelegenheit noch genutzt, um auf ein paar Dinge hinzuweisen, damit sie nicht zu schnell vergessen werden: Die AfD hat offenbar nicht in größerem Umfang Wähler verloren. Das bedeutet, dass ein beträchtlicher Teil der Wählerinnen und Wähler in Sachsen-Anhalt der Meinung ist, die stabile Mitte findet sich doch ein bisschen weiter rechts von der christdemokratischen Partei. Auch die Wahlbeteiligung war nicht gerade berauschend.

Es gibt also immer noch einen erheblichen Teil von sogenannten „politikfernen“ Menschen in Sachsen-Anhalt. Angesichts dieser Situation erwächst aus den umstrittenen Äußerungen des Ostbeauftragten und CDU-Politikers Marco Wanderwitz eine echte Gefahr. Er hatte den Menschen im Osten vorgeworfen, zum Teil diktatursozialisiert zu sein und von der AfD nicht zurück zu holen seien. Die Union könnte in Versuchung geraten, seinen Worte wirklich zu folgen; dass man also einen Teil der Menschen verlorengibt – solange der eigene Wahlsieg klargeht. Die CDU wird das natürlich vehement bestreiten. Es müssen aber Taten folgen.